Blake: Es ist ein unfassbares Live-Instrument. Für mich ist es der schnellste Weg von der eigenen Idee zum Klang. Es hat einen tollen Aftertouch, das heißt, wenn man stärker auf die Taste drückt, bekommt man zum Beispiel ein Vibrato. Wenn man vom Klavierspielen kommt, ist so etwas unglaublich: Man gibt dem Ton, den man gerade spielt, noch etwas hinzu, ohne ein Pedal treten oder irgendeinen Effektknopf drehen zu müssen. Als ich das entdeckte, konnte ich es kaum glauben. Mir kam es vor, als ob ich endlich eine Fusion aus Klavier und Gitarre gefunden hätte.

ZEITmagazin: Was bedeutet diese Fusion für Sie?

Blake: So wie ich auf der Gitarre Töne zwischen den Noten spielen kann, indem ich die Saiten hochschiebe, kann ich auf dem Prophet den Nachdruck mit jedem beliebigen Effekt belegen: Tonhöhe, Echo, Hall, alles ist machbar. Das ermöglicht ein wirklich expressives Spielen, was auf einem Synthesizer äußerst selten ist. Der Prophet hat für mich alles verändert.

ZEITmagazin: Sie können also mit dem Prophet auf der Bühne improvisieren?

Blake: Genau, der Prophet macht das ganz einfach, weil alles so direkt und spürbar ist.

ZEITmagazin: Viele Musiker und auch Musikhörer machen sich genau darüber zunehmend Gedanken: Was heißt es eigentlich, elektronische Musik live zu spielen?

Blake: Wenn bei meinen Konzerten alles vorprogrammiert wäre, würde es völlig falsch klingen. Wenn ich mir mein Album anhöre, dann klingt das für mich wie Musik von jemandem, der sie lieber live spielen würde.

ZEITmagazin: Für Ihre Live-Auftritte haben Sie Ihre Studioaufnahmen ganz neu erfunden. Sie haben sogar eigens eine Band zusammengestellt.

Blake: Und es gibt keine Laptops auf der Bühne, das ist mir sehr wichtig. Ich hasse es, Musikern zuzusehen, die an Laptops sitzen. Die wirken auf der Bühne furchtbar penetrant. Sie kommen mir vor wie eine Barriere zwischen dem Musiker, der vom Bildschirm blau angestrahlt wird, und der Musik, die er machen will.

ZEITmagazin: Und es sieht immer ein bisschen nach Arbeit aus, nach Büro.

Blake: Das stimmt, und noch schlimmer wird es, wenn der Laptop allein dasteht und niemand ihn bedient. Dann mache ich mir richtige Sorgen: Ist da was los, was ich nicht hören kann? Oder höre ich da etwas, was die gar nicht selber spielen?

ZEITmagazin: Es erzeugt Misstrauen.

Blake: Ja, und das ist für ein Konzert natürlich fatal.

ZEITmagazin: In Ihrer Musik passiert alle paar Sekunden etwas Unerwartetes: Über extremen Sounds und harten Brüchen sind herrliche Melodien zu hören, Ihr Gesang und sehr poetische Texte. In Ihren Kompositionen steckt eine Menge intellektuelle Energie. Woher kommt die?

Blake: Ich glaube, die kommt einfach, wenn man genug Zeit zum Nachdenken hat. Was das Poetische angeht: William Blake war für mich immer sehr wichtig.

ZEITmagazin: Wie schön, dass ein englischer Dichter nach 200 Jahren so noch zum Dubstep kommt. Der Nachname passt ja auch.

Blake: Ja, wobei Blake mein zweiter Vorname ist. Ich habe viel von William Blake gelesen, als ich jünger war, das inspiriert mich bis heute.

ZEITmagazin: War Ihnen immer klar, dass Sie zu Ihrer Musik Texte schreiben würden?

Blake: Es war eher umgekehrt: Die Stücke auf meinem Album fingen mit einer Textzeile von mir an oder mit einem Gedicht. Und diese Texte habe ich dann zu Songs weiterentwickelt.

ZEITmagazin: Die elektronischen Klänge fügen Ihren Gedichten dann weitere Ebenen hinzu?

Blake: Genau so ist es. Wobei ich glaube, dass die Texte auch meine Musik formen – wie genau, das weiß ich nicht. Das geschieht eher unbewusst.