DIE ZEIT: Herr Brown, wie kommt Europa wieder aus der Euro-Krise heraus?

Gordon Brown: Das Problem ist, dass das Euro-Projekt die Europäer 20 Jahre lang beschäftigt hat. Jetzt haben wir eine Euro-Zone , die sich stark nach innen orientiert – und eine Gemeinschaftswährung, die zwar technisch und politisch gesehen eine große Errungenschaft ist, aber ihren ökonomischen Erfolg erst noch beweisen muss.

ZEIT: Das ist ein harsches Urteil.

Brown: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sehe große Vorzüge im Euro. Ich habe auch immer gesagt, dass er auf lange Sicht dem Handel, dem Wachstum und potenziell auch der Stabilität hilft. Aber eines der Probleme ist – und wir in der britischen Regierung haben das von vornherein so gesehen –, dass der Euro keinen Mechanismus zur Krisenbewältigung hat. Jetzt erleben wir dieses Durchwursteln und Improvisieren, um für drei Probleme Lösungen zu finden: Defizite, mangelnde Kapitalisierung der Banken und mangelnde Wachstumspolitik. Der Euro-Zone könnte jetzt ein Jahrzehnt langsamen Wachstums und hoher Arbeitslosigkeit drohen.

ZEIT: Und das ist alles Schuld des Euro?

Brown: Der Euro raubt den Ländern ein Stück wirtschaftspolitischer Flexibilität. Das ist der Kern des Problems. Als Euro-Mitgliedsland können Sie Ihren Währungskurs nicht anpassen, und Sie müssen eine Zinsrate akzeptieren, die für alle gilt. Das kann unter Umständen von Vorteil sein. Aber schauen Sie auf die Probleme in Spanien . Die Spanier bekamen die niedrige europäische Zinsrate verpasst, während sie mitten in einem Immobilienboom steckten, und irgendwann geriet der Immobilienmarkt dann außer Kontrolle . Wir dürfen nicht vergessen, dass den heutigen Banken- und Staatsfinanzproblemen dieses Problem am Immobilienmarkt vorausging.

ZEIT:  Aber mit dem Euro haben wir zugleich einen enger integrierten europäischen Binnenmarkt geschaffen, der sich gerade nach Osten erweitert. Die Wachstumspotenziale sind riesig.

Brown: Ja, aber die größte Veränderung, die wir in den kommenden 15 bis 20 Jahren erleben werden, wird das dramatische Wachstum der nicht-europäischen und nicht-amerikanischen Mittelschichten sein. Die Investmentbank Goldman Sachs identifiziert zur Zeit acht Länder, in denen 70 Prozent des künftigen Weltwirtschaftswachstums stattfinden werden: China , Indien , Brasilien , Südafrika , Russland , die Türkei , Indonesien und Korea . Schauen Sie sich die Struktur der europäischen Exporte an: Nur ungefähr acht Prozent der Exporte gehen in diese Länder. Bei den USA sind es etwa 15 Prozent. Wir tun also nicht genug.

ZEIT:Deutschland exportiert gerade sehr viel .

Brown:Deutschland hat in der jüngeren Zeit von dieser Entwicklung profitiert, weil es sehr viel nach China exportiert. Aber Europa als Ganzes ist nicht auf diese Zukunft vorbereitet, und das wird auch für Deutschland zum Problem: Deutschland exportiert auch viel in die anderen europäischen Länder. Wenn die irgendwann an Wachstumsgrenzen stoßen, dann schlägt das auf die Wachstumsrate in Deutschland zurück.