Ringelsocken, was sonst? Die bunten Strümpfe sind ein Spleen von Jürgen Zöllner. Wie die Fliege, die er statt Krawatte zum Hemd trägt. Außer Dienst mag er es leger. Schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, so sitzt der 65-Jährige auf der Dachterrasse seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Unten auf der Straße zieht die Touristenkarawane vorbei. Von einem Abenteuerspielplatz nebenan dringt Kindergeschrei nach oben. In einer Ecke stehen leere Rotweinflaschen.

DIE ZEIT: Herr Zöllner, Sie haben gefeiert.

Jürgen Zöllner: Ja, ein paar Freunde waren da. Es wurde etwas später.

DIE ZEIT: Am Samstag vergangener Woche waren Sie zwanzig Jahre im Amt, erst in Rheinland-Pfalz, jetzt in Berlin. Kein Minister in der Bundesrepublik hat es länger auf einem Posten ausgehalten. Wie fühlt man sich als Dinosaurier der Bildungspolitik?

Zöllner: So lebendig, dass nun etwas Neues kommen kann.

DIE ZEIT: Sie hören tatsächlich auf?

Zöllner: Ich werde nach der Wahl im September, wie sie auch ausgeht, nicht als Bildungssenator weitermachen. Ein Politiker sollte selbst bestimmen, wann er aufhört. Jeder wird verstehen, dass ich nach der langen Zeit etwas anderes machen möchte.

DIE ZEIT: Als strahlender Held verlassen Sie die Bühne nicht.

Zöllner: Bildungspolitik produziert keine Helden, in Berlin schon gar nicht. Dennoch bin ich sehr zufrieden mit dem Erreichten. Es ist mehr, als ich erwartet hatte.

DIE ZEIT: Die Lehrer maulen, die Eltern protestieren, die Presse schreibt vom Scheitern: Sehen so Triumphe aus?

Zöllner: Manchmal muss man etwas länger im Geschäft sein, um zu wissen, was ein Erfolg ist. Noch ist es nicht lange her, dass sich die Anhänger der Gesamtschulen und die Verteidiger des streng gegliederten Schulsystems in einem fundamentalistische Glaubenskampf aufgerieben haben. Ich kann mich an Treffen der Kultusministerkonferenz erinnern, in denen Kolleginnen heulend den Raum verlassen haben. Nun haben wir in Berlin – und andere Bundesländer streben den gleichen Weg an – mit der Sekundarschule, die alle Abschlüsse bis zum Abitur anbietet, einen Kompromiss gefunden: relativ schnell und fast konfliktfrei. Das ist ein historisches Ergebnis.

DIE ZEIT: Sie haben Haupt-, Real- und Gesamtschulen vereint, zur Sekundarschule . Diese wird zur zweiten Säule des Schulsystems, neben dem Gymnasium. Ein typischer Zöllner-Kompromiss, sagen Kritiker.

Zöllner: Sei’s drum! Es ist nicht Aufgabe des Staates, Eltern und Kinder zwangszubeglücken. Gerade in der Bildung braucht Politik die Akzeptanz der Betroffenen. Das ist meine Lehre aus zwanzig Jahren. Ich stehe zur Eliteförderung in Schule und Hochschule; deshalb bleibt das Gymnasium erhalten. Und ich stehe zu individueller Förderung in der Breite; deshalb geben wir den Sekundarschulen viel Autonomie. Zum Beispiel, um selbst zu entscheiden, ob sie ihre Schüler bis zuletzt gemeinsam unterrichten wollen oder in einigen Fächern Leistungsstärkere und -schwächere trennen. Nur müssen sie am Ende Rechenschaft über ihre Ergebnisse ablegen.