Das ist eines von Zöllners Lebensthemen, der Wettbewerb. Der Professor für Molekularbiologie ist ein Leistungsmensch und ein Zahlenfreund. Nach jedem Jogging im Park trägt er Laufzeit und Pulsschlag in den Computer ein und macht daraus eine schöne Grafik. Sein Hang zur Empirie hat das deutsche Bildungssystem geprägt. Maßgeblich hat er mit dafür gesorgt, dass Deutschland sich am Pisa-Vergleich beteiligt – auch gegen den Widerstand in der eigenen Partei, der SPD.

DIE ZEIT: Nichts hat das deutsche Schulsystem so verändert wie die internationalen Leistungstests . Da wird verglichen und evaluiert. Treiben wir es inzwischen nicht zu weit mit der Testeritis?

Zöllner: Seit Pisa wissen wir, dass wir nicht so gut sind, wie wir dachten. Das mag bitter sein, auch wenn niemand Schulen wie in Korea oder Singapur möchte. Gleichzeitig hat Pisa der Bildungspolitik eine Bedeutung verliehen, die sie vorher nicht hatte. Das ist wunderbar! Wenn ich sehe, welche Rolle die Qualitätssicherung in Unternehmen oder Krankenhäusern spielt, dann müssen sich auch Lehrer regelmäßig fragen lassen, ob sie alles richtig machen. Deshalb werden die Berliner Schulen in Zukunft die Berichte der Schulinspektion veröffentlichen, ebenso wie den Abiturdurchschnitt.

DIE ZEIT: Aber es gibt doch Schulen, die sich anstrengen können, wie sie wollen, und trotzdem scheitern – an ihrer schwierigen Schülerschaft.

Zöllner: Die Schulvergleiche sprechen eine andere Sprache. Ich kenne doch die Zahlen! Es gibt Schulen, in denen fast alle Kinder einen Migrationshintergrund haben oder aus Hartz-IV-Familien stammen, und dennoch schaffen sie es, den meisten Schülern eine gute Basisbildung zu vermitteln. Während in anderen Schulen mit der gleichen sozialen Zusammensetzung zwei Drittel der Schüler scheitern. Da sage ich: Der Senator trägt daran keine Schuld.

DIE ZEIT: Die Lehrer aber auch nicht unbedingt...

Zöllner: Richtig. Aber es könnte zum Beispiel sein, dass wir hier Schulleiter haben, die ihre Kollegien nicht motivieren, die statt Energie und Ideen Hoffnungslosigkeit verbreiten.

DIE ZEIT: Haben Sie die Bedeutung des Schulleiters verkannt?

Zöllner: Ja, wie viele. Heute wissen wir, das ist der wichtigste Posten in jeder Schule. Ein Kollegium ist noch schwieriger zu führen als ein Unternehmen oder eine Klinik, weil Lehrer zu Recht sehr autonom sind. Ein Schuldirektor kann eben niemanden entlassen oder auf eine unwichtige Stelle abschieben. Für mich bedeutet das: Wir müssen Schulleiter noch viel gewissenhafter ausbilden, ihnen mehr Zeit für die Führung geben. Da muss noch einiges passieren. In anderen Bereichen dagegen hat sich unheimlich viel zum Positiven gewandelt. Nur nimmt das kaum jemand wahr...

DIE ZEIT: Helfen Sie uns auf die Sprünge!

Zöllner: Als ich in Mainz anfing, haben wir ernsthaft im Landtag diskutiert, die Grundschule zur lernenden Spielschule umzubauen. Heute ist Leistung nicht mehr verpönt, und es ist klar, dass wir schon in der Kita mit der Bildung beginnen müssen. Ein anderes Beispiel: Vor nicht so langer Zeit war es noch umstritten, dass Kinder zumindest bis zum Mittag in der Schule bleiben. Verlässliche Halbtagsschule nennt man das. Heute ist es für jeden Kultusminister ein Erfolg, möglichst viele Ganztagsschulen zu errichten. Dass Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland ein Ganztagsschul-Programm aufgelegt hat und nun in Berlin alle Grund- und Sekundarschulen und einige Gymnasien Ganztagsbetrieb haben, freut mich natürlich besonders.

DIE ZEIT: Reden wir die Institutionen schlecht?

Zöllner: Mittlerweile ja. Unsere Universitäten und Schulen sind sehr viel besser als ihr Ruf.

DIE ZEIT: Tragen auch die Lehrer Schuld an dem schlechten Image?

Zöllner schweigt erst einmal und stopft sich eine Pfeife. Das Gesicht scheint noch zerknitterter als sonst. Während das ungesunde Politikerleben anderen auf die Hüften geht, haben sich die Jahre bei dem hageren Zöllner ins Gesicht eingeschrieben. Sein Haar ist schlohweiß, der notorische Stoppelbart auch, die Haut blass. Nur die wasserblauen Augen stechen hervor. Er richtet sie ins Unbestimmte. Jetzt nichts Falsches sagen...

Zöllner: Lehrer haben einen anstrengenden Job, ganz sicher. Andere Leute aber auch. Die Arbeitsverdichtung hat in allen Branchen zugenommen. Da ist es für den Berufsstand nicht von Vorteil, dass Lehrer so oft von ihren Problemen sprechen und zu wenig von den schönen Seiten ihres Jobs. Es ist doch toll, sein ganzes Leben mit jungen Menschen zu tun zu haben. Der Freiheitsgrad ist im Vergleich zu anderen Berufen noch immer außergewöhnlich. Ich glaube, es dient auch nicht der eigenen Gesundheit, wenn Lehrer sich gegenseitig immer bestätigen, wie schlecht es ihnen geht.

DIE ZEIT: Was hat die Bildungspolitik falsch gemacht?

Zöllner: Die Schulzeitverkürzung am Gymnasium war ein Fehler. Wir können nicht einerseits wollen, dass mehr junge Menschen Abitur machen, und gleichzeitig die Schuljahre verringern. Das konnte nicht ohne extreme Probleme funktionieren.

DIE ZEIT: Wieso haben es dennoch fast alle gemacht?

Zöllner: Vielleicht weil sie dachten, dass es billiger kommt, was ein Trugschluss ist, die Stunden müssen ja trotzdem gegeben werden. Eine Rolle spielte auch das Ausland, wo zwölf Schuljahre Standard sind. Aber wirklich diskutiert wurde nirgends, sondern – außer in Rheinland-Pfalz – einfach gemacht. Viele Landesregierungen mussten dafür büßen. Sehr bewusst gibt es in Berlin nun die Sekundarschule mit dem Abitur nach 13Jahren.