Nun also geht es los. Die Doppelausstellung Kleist: Krise und Experiment in Frankfurt an der Oder, wo er 1777 geboren wurde, und in Berlin, wo er sich vor 200 Jahren umbrachte , eröffnet das Kleist-Jahr mit seiner unübersehbaren Menge an Veranstaltungen quer durchs ganze Land, und man fragt sich: Kommt da eine Kleist-Welle? Und wenn ja, was wäre das für eine?

Kleist mit unschuldigen Augen zu lesen ist nicht leicht, und oft hat er teutonischen Zwecken dienen müssen . Er war, wie sein Biograf Günter Blamberger, der Kurator der Ausstellung, sagt, eben kein Klassiker, sondern geschüttelt von Widersprüchen. Er war ein Nomade ohne Hausstand, ein kühner Projektemacher, ein frei schwebender Radikaler. Er ist eher ein Zeitgenosse von uns als der seiner Zeitgenossen damals.

Die Berliner Ausstellung im Ephraim-Palais zieht scharfe Parallelen zur Gegenwart, vom "rechtschaffenen und entsetzlichen" Kohlhaas bis zum Terrorismus der RAF, von Preußens militaristischer Raison (schon als fünfzehnjähriger Waisenkindsoldat erlebte Kleist die erste Schlacht) bis zu den Kindersoldaten von heute, von Kleists homoerotisch gefärbten Briefen bis zur Ästhetik der Schwulen.

Das wirkt manchmal sehr aktualistisch, aber es zeigt doch Kleists ungemütliche Modernität. Er sei der beste deutsche Dramatiker, sagt Armin Petras, seine Sprache reine Musik, sein Thema Verstörung und Zerstörung , der Riss, der durch uns hindurchgehe. Petras ist Intendant des Maxim Gorki Theaters, das im November, pünktlich zum Tag des Selbstmords am Wannsee , ein Kleist-Festival mit der Aufführung aller Dramen veranstalten wird.

Was also bedeutet die Kleist-Begeisterung? Ideologisch wird man sie nicht nennen können, es gibt kein Programm, dem Kleist beizuordnen wäre, und seine Gewaltfantasien sind literarisch derart hochkomplex, dass sie Nachahmer nicht interessieren könnten. So bleibt die schöne Tatsache, dass er uns anhaltend bewegt , und am schönsten sieht man das in Frankfurt an der Oder. Nur in einer kleinen Stadt (60.000 Menschen leben hier noch), wo man einander kennt und die Wege kurz sind, scheint es machbar, dass Behörden und Lehrer, Museumsleute und Schulklassen sich derart frei und leicht zusammentun, um ein gemeinsames Projekt ins Werk zu setzen, die Kleist-WG .

Genau dort, wo sein im Krieg abgebranntes Geburtshaus stand und heute eine heruntergekommene Mietskaserne auf ihre Renovierung wartet, haben Schüler aus Frankfurt und anderen Orten die leeren Räume friedlich besetzt und in Gedenkstätten verwandelt.

Da sieht man einen weiß gestrichenen Raum und in dessen Mitte einen weißen Tisch, auf dem ein Lorbeerkranz liegt. Darüber schweben Schreibfedern, und um den Tisch herum stehen weiße Stühle, darunter ein ganz kleiner. Denn Kleist gehörte nicht zum Kreis der anerkannten Dichter, sein heute fast vergessener Großonkel, der heldenhaft gefallene Dichter Ewald von Kleist, war berühmt, Heinrich hingegen fast ein Niemand. In der einen Zimmerecke steht eine Büste von Goethe, dessen Sichtachse so verläuft, dass er Kleists Kinderstuhl gar nicht zu sehen kriegt. Einzig Wielands Blick, dessen Büste in der anderen Ecke steht, ruht wohlgefällig auf dem imaginären Schützling.