Weniger kontrovers gibt sich der einleitende Katalogessay von Werner Spies. Er kleidet die Periodisierung der Ausstellung in Worte, erprobt mit Blick auf die Exponate eine aussagefähige Begrifflichkeit und reflektiert über die Bezüge der Rauchschen Bildfindungen zum Surrealismus. Man registriert diese souveräne Rückkehr zu bewährten, längst totgesagten Tugenden des Ausstellungswesens mit einer gewissen Erleichterung, ja mit Dankbarkeit. So wird zeitgenössische Kunst zur Kunstgeschichte. Andere Beiträge holen deutlich weiter aus und bringen wieder einmal Runge und die Romantik ins Spiel. Damit verdichtet sich der aktuelle Trend, die Bilder Neo Rauchs so oft wie möglich mit berühmten Namen der europäischen Kunstgeschichte in Verbindung zu bringen.

Dabei ist die Sache möglicherweise etwas einfacher. Für eine Annäherung an die Bilder Neo Rauchs braucht man nicht unbedingt ein vertieftes Studium der Kunstgeschichte. Ein gutes Fahrrad und ein paar kräftige Waden reichen fürs Erste. Tatsächlich sind es weniger die großen Maler, die als Vorbilder für die Bildwelt des Leipziger Künstlers taugen, sondern die Versatzstücke der einst geschundenen und inzwischen renaturierten Tagebaulandschaft des Leipziger Südens, die seit gut einem Jahrzehnt in immer neuen Varianten die Bildwelten des Leipziger Malers heimsuchen. Eine Fahrt mit dem Rad durch diese Welt beständiger Veränderung führt eindrucksvoll die architektonischen und landschaftlichen Details vor Augen, die der Künstler im "Südraum" (Hans-Ulrich Treichel) in sich aufgenommen und dann verfremdet in seine Bilder eingebaut hat: Giebelständige Reihenhaussiedlungen der dreißiger Jahre, reichlich Sattel-, Walm- und Krüppelwalmdächer mit oder ohne Gauben, alte Gutsanlagen mit Herrenhäusern, lang gestreckten Stallungen und Torhäusern, Buden und Baracken, isolierte Häuser mit Dachreitern und Sprossenfenstern, Abraumhalden, Industriearchitektur, Trafo-Stationen, Silos oder verkrüppelte Bäume und verwaiste Einzelhäuser am Rand der sogenannten Tagebaurestlöcher. Ein Echo dieser inzwischen schon wieder veränderten Topografie ist Neo Rauchs Waldmann aus dem Jahre 2002.

Allerdings entspricht kaum ein Bild einer exakt identifizierbaren topografischen Situation. Eines der wenigen, heute noch nachvollziehbaren Beispiele ist die großformatige Reaktionäre Situation, die an verschiedene Ensembles in den Markkleeberger Ortsteilen Zöbigker und Gaschwitz erinnert: Auch dort umstehen uralte Pappeln ein renovierungsbedürftiges, durch moderne Anbauten verschandeltes Gutshaus. Typisch für die Gegend sind auch die Wolkenformationen am rechten Bildrand. Sie steigen bei windstillen Inversionswetterlagen vom Kraftwerk Lippendorf südlich des Cospudener Sees auf.

Die Magie dieser Orte, die ihren Anfang in einer albtraumhaften Zerstörung hat und ihr Ende in einer vollständigen Neugestaltung der Landschaft findet, erschließt sich wohl nur den wenigsten Betrachtern. Rasch überwuchert nun frisches Grün die aufgerissene Erde, etwas weniger schnell füllen sich die Restlöcher mit Wasser, und schließlich glitzern riesige Seen in der Sonne. Dazwischen liegen Gutsanlagen und Schlösser, aufgeforstete Areale und ältere Waldstücke, neue Wohnsiedlungen und Industrieanlagen. Vergessen aber sind die verschwundenen, oft tausendjährigen Orte, vergessen ist die unglaubliche Gewalt der Zerstörung und die Melancholie des Verlusts, die fast ein Jahrhundert lang diese riesige Landschaftsbaustelle bestimmten. Man muss daran erinnern, dass der großflächige Tagebau weitaus größere Verwüstungen zur Folge hatte, als sie ein Krieg je anrichten könnte. Vielleicht ist es die latente Erinnerung an diese unvorstellbare Gewalt und an die Melancholie des Verlusts, die in den Bildern Rauchs durchscheint, während man in den nunmehr "blühenden Landschaften" immer weniger davon zu sehen bekommt.

Zentrales und zugleich aktuellstes Exponat der Ausstellung ist im Übrigen ein Beispiel figurativer Kunst: eine ungefähr lebensgroße Bronzeskulptur, halb Mensch, halb Tier. Das Mischwesen trägt schwere Militärstiefel und führt zwei Benzinkanister mit sich. Die Skulptur trägt den Titel Nachhut. Auch so kann man die Kontroverse zwischen Abstraktion und Figuration thematisieren. Ein starkes, gewaltiges Statement für die Figuration.

Die Ausstellung in Baden-Baden läuft vom 28. Mai bis zum 18. September (www.museum-frieder-burda.de)