Die Bundeswehr ist wie der Hamburger Flughafen: eine Baustelle seit fünfzig Jahren. Richtig glücklich hat nur Helmut Schmidt zwischen den Gruben agiert; er ist der einzige Verteidigungsminister, dem danach Höheres gelang – die Kanzlerschaft Guttenberg hat gerade mal 16 Monate erreicht. Die Deutschen, die einst ihre Armeen angebetet haben, betrachten die Bundeswehr wie die Post: Man braucht sie, aber liebt sie nicht.

Der Neue – Thomas de Maizière – ist erst seit zehn Wochen im Amt. Kaum ist der Hermès-bewehrte "KT" weg, tröpfeln schon die Nörgeleien . Ein "Spieß" sei er, kein "Top Gun". Ein "seriöses Gegenbild" wolle er sein, aber seine Reform sei weder "revolutionär" noch "radikal". So sind wir "Pressbengel" (Bismarck); schnell langweilen wir uns. Über den kühlen Ingenieur des Apparats lässt sich in der Tat nichts Aufregendes berichten. Aber Baustellen sind nie interessant, nur gefährlich.

Und schwierig ist das Manövrieren, wenn man bedenkt, dass dieses Land, einst das aggressivste in Europa, nicht kämpfen, mithin auch nicht die Mittel bereitstellen will. Die Bundeswehr stöhnt von jeher – ob sie nun eine halbe Million Soldaten wie im Kalten Krieg umfasst oder nunmehr auf 170.000 schrumpfen soll. Die Deutschen hatten vierzig Jahre lang Glück: Das Riesenheer war nur da, um da zu sein – zum Abschrecken, nicht zum Kämpfen. Erst 1995 hat Karlsruhe die bequeme Mär durchlöchert, wonach die Bundeswehr ausschließlich der direkten Landesverteidigung dienen dürfe.

Inzwischen stehen 7000 Soldaten außerhalb der Grenzen ; de Maizière will sie auf 10.000 aufstocken. Das klingt nach wenig, muss aber mit drei multipliziert werden, weil sich jeweils weitere 10.000 in der Rotation und im Training befinden – der lange Versorgungsschwanz nicht mitgezählt. Weniger Masse, aber viel Klasse bedeutet, dass Einsatzkräfte viel mehr kosten als das Wehrpflichtheer. Mobilität in der Luft und auf dem Boden, digitale Kriegführung, Präzisionsmunition sind exponentiell teurer als das alte G-3-Gewehr.

Doch der Tagesbefehl – heute und immerdar – lautet: Sparen! Immerhin ist der Neue auf gutem Wege, einen Riesenbatzen – den Sozialplan für den Personalabbau – aus seinem Etat in den des Finanzministers zu schieben. Wichtiger noch aber ist das Ideelle. Er verabreicht der Nation eine weitere Dosis "Sich-ehrlich-Machen". Wofür ist denn die Armee gut? In ihren Richtlinien steht nicht nur die alte Begründung namens "Bündnisnation": Wir machen mit, um mitreden zu können. Da kommen auch "nationale Interessen", "nationale Selbstbehauptung" und "internationale Verantwortung" ins Spiel, dazu die Vielfalt der neuen Bedrohungen durch Terror und zerfallende Staaten. Als Horst Köhler über den Schutz von Handelswegen plauderte, fielen die Medien über ihn her. Jetzt reden die Richtlinien ganz offen von "Transport- und Energiesicherheit".

Wie auf dem Hamburger Flughafen wird die Baustelle nie geschlossen werden, aber das ist weder de Maizière noch seinen Vorgängern anzulasten. Wie sagte doch sein Vater Ulrich, der frühere Generalinspekteur? "Eine Armee ist immer in Bewegung. Sie ist niemals fertig." Der neue Polier hat einen guten Anfang gemacht.