1. Wie religiös Sachsens Christen sind

Nur das kleine goldene Kreuz, das Antje Hermenau, 46, seit wenigen Wochen am Hals trägt, offenbart die Wandlung. In der Osternacht hat sie sich und ihren vierjährigen Sohn in der Dresdner Frauenkirche evangelisch taufen lassen. Zuvor hatte Sachsens Grünen-Fraktionschefin dort den siebenwöchigen Kursus "Religion für Neugierige" besucht. "An eine göttliche Kraft", sagt sie, "glaube ich schon, seit ich vor Jahren erstmals in den Alpen auf Berge gestriegen bin."

Hermenau kann ausführlich darlegen, was sie zur Taufe bewogen hat; doch das sei Privatsache. Sie glaube nicht inbrünstig, sie spüre bisweilen auch Zweifel. Und bei den Ritualen des Kirchgangs fühlte sie sich anfangs unsicher. Im Ganzen, sagt sie, "werden die Zeiten unübersichtlicher und damit feste Rituale der Nachdenklichkeit wichtiger". Dennoch zieht es nur eine kleine Minderheit zwischen Görlitz und Zwickau in die Kirchen.

Von dem Drittel der Bevölkerung, das sich dem Christentum zugehörig fühlt, bezeichnet sich wiederum nur ein Drittel als religiös – und praktiziert den Glauben regelmäßig: 38 Prozent der Christen beten laut ZEIT -Umfrage täglich, 34 Prozent gehen mindestens einmal im Monat zum Gottesdienst. In beiden Fällen liegen die Sachsen über dem ostdeutschen Durchschnitt, der sich aus vergleichbaren Studien ergibt. Gemessen am Anteil der Kirchenmitglieder, ist der Freistaat – hinter Thüringen – das zweitchristlichste der neuen Bundesländer.

Gewiss, es gibt im Freistaat Inseln der Frömmigkeit, etwa das erzkatholische Sorbenland in der Lausitz. Oder das erzgebirgische Zschorlau, wo drei Viertel der Bewohner einer Kirche angehören und alle fünf Jahre das ganze Dorf Passionsspiele aufführt (ZEIT Nr. 14/10).

Und selbst unter Sachsens Konfessionslosen empfindet immerhin noch jeder Vierte zumindest einen geringen Grad an Religiosität. Darunter dürften auch ein paar Exkirchenmitglieder sein, die der Steuerersparnis wegen ausgetreten sind.

Dagegen fällt bei den Christen auf, dass viele von ihnen nicht einmal die zentralen Glaubensvorstellungen teilen: An ein Leben nach dem Tod glauben nur 51 Prozent. Dass es Gott gibt, verneinen selbst 22 Prozent der Kirchenmitglieder. Was hält sie dann im Kreis der Gläubigen?

Vielleicht, sagt Frauenkirchen-Pfarrer Holger Treutmann, stecke dahinter die Haltung: "Man weiß ja nie." Religion als Rückversicherung, die man notfalls in Anspruch nehmen werde.

Treutmann, 48, stammt aus Niedersachsen. Dort sei der Glaube noch Teil des öffentlichen Lebens. "Im Osten ist er eher Privatsache." Dem Geistlichen sind hier die Milchglasscheiben an einigen Gemeindehäusern aufgefallen. Viele noch aus Zeiten des SED-Atheismus, als es klüger war, wenig Einblicke zu gewähren. "Heute brauchen wir das Gegenteil", sagt Treutmann, "offene Fenster und Türen, niedrige Schwellen."