Viele Experten haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen dazu geäußert, ob die deutsche Elektrizitätswirtschaft nach einem Ausstieg aus der Atomenergie vor einem "Blackout" steht, nur leider nicht die richtigen.

Die Einzigen, die eine qualifizierte Aussage zu der Frage geben können, sind eine Handvoll Hochspannungstechniker, die bei den Übertragungsnetzbetreibern für den Systembetrieb zuständig sind. Nur sie verfügen über die notwendigen Informationen über Stromerzeugung, -netze und -nachfrage, nur sie haben die technischen Möglichkeiten zur Simulation unterschiedlicher Betriebszustände. Und nur sie verfügen – auch 15 Jahre nach der ersten Liberalisierung der europäischen Elektrizitätsmärkte – über das Monopol bezüglich der relevanten Daten.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich gehört Netzstabilität zu den wichtigsten Gütern einer Volkswirtschaft, und um sie aufrechtzuerhalten, sollte lieber zu viel als zu wenig investiert werden. Natürlich ist es technisch kompliziert, Hochspannungsnetze zu planen und zu betreiben, sodass eine spezialisierte Ausbildung und hohe Reaktionsbereitschaft in Echtzeit notwendig sind. Und natürlich muss sich nicht jeder Energiepolitiker Tag und Nacht mit Blindleistungshaltung, n-1 Sicherheit oder Phasenschiebertransformatoren beschäftigen. Die Systemführerschaft ist angesichts des hohen Vernetzungsgrades ebenfalls ein "natürliches" Monopol.

Dies gilt jedoch keinesfalls für die Informationen, welche zur kurz- und mittelfristigen Netzplanung notwendig sind, sowie für die Art und Weise, wie diese Informationen an Aufsichtsbehörden, Politik und Gesellschaft kommuniziert werden – oder eben auch nicht. Gerade aufgrund der hohen Relevanz der Fragestellung ist das bisher in Deutschland bestehende Informationsmonopol der Übertragungsnetzbetreiber volkswirtschaftlich ineffizient, nicht mehr zeitgemäß und politisch nicht nachhaltig:

Es ist volkswirtschaftlich ineffizient, weil mit jedem Informationsmonopol "Renten", anders gesagt Vorteile, verbunden sind, welche am Ende die Verbraucher in Form überhöhter Netznutzungsentgelte zahlen. Insbesondere gewinnorientierte Unternehmen besitzen einen Anreiz, den ungleichen Informationsstand strategisch auszunutzen.

Dieser Zustand ist nicht zeitgemäß, da es in Zeiten der Informationsgesellschaft unkompliziert ist, einen umfangreichen Datensatz bereitzustellen und zu aktualisieren. Dies würde auch die Transparenz bezüglich einer zentralen Infrastruktur fördern, welche die Gesellschaft für eine erfolgreiche Energiewende benötigt.

Der gegenwärtige Zustand ist auch politisch nicht nachhaltig, weil der Druck auf Politiker und Aufsichtsbehörden rasch zunehmen wird, die Informationsasymmetrie auf ein Minimum zu beschränken.

Was tun? Kurzfristig könnten Politik und Öffentlichkeit durch transparente Darstellung der Netzsituation informiert werden. Mittelfristig sollte die Verantwortung neu verteilt werden. Den inhärenten Konflikt zwischen Netzbetrieb und Informationsbereitstellung könnte man entschärfen, indem ein unabhängiger, nicht gewinnorientierter Netzbetreiber den operativen Betrieb übernimmt (Neudeutsch ISO, Independent System Operator).

Parallel dazu sollte eine Struktur der checks and balances entstehen, wie sie in der Verkehrspolitik existiert. Das Bundesverkehrsministerium hat ein System der Infrastrukturwegeplanung entwickelt, in dem mit externen Fachleuten eine Kompetenz besteht, Verkehrsinfrastruktur zu planen und Entscheidungen auf der Grundlage umfangreicher Daten zu fällen; dieser Typus von "Infrastrukturwegeplanung" wird sich auch im Energiebereich durchsetzen. Bei allem Respekt für die niedrige Rate an Blackouts in Deutschland: Transparenz, Effizienz und eine politisch nachhaltige Informationspolitik sollten uns (fast) so viel wert sein wie Netzstabilität.