Fluch der Karibik – Seite 1

Minou Tavárez Mirabal ist eine ebenso charmante wie selbstbewusste Frau. Eine Unsicherheit allerdings hat die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im dominikanischen Parlament ihr Leben lang begleitet. "Ich werde nie erfahren", sagt sie, "ob ich eigene Erinnerungen an meine Mutter habe oder ob diese verschwommenen Bilder nur aus dem Strom der Erzählungen stammen."

Vier Jahre war Minou alt, als Soldaten am 26.November 1960 die drei Särge in die Finca der Familie brachten. Darin lagen ihre 34-jährige Mutter Minerva und deren Schwestern Patria (36) und Maria Teresa (25). La Nación, das Sprachrohr des Diktators Rafael Leonidas Trujillo, titelte: "Drei Mütter und ein Chauffeur bei tragischem Autounfall ums Leben gekommen!" Das war der übliche Stil, in dem der Tyrann seine Morde vertuschte. Trotz strikten Verbots öffneten die Angehörigen heimlich die Särge. Den drei Frauen waren die Schädel eingeschlagen worden, Würgemale hatten ihre Hälse verfärbt.

Die heute 55-jährige Minou hat viel von ihrer Mutter ererbt. Das tiefschwarze Haar, die dunklen Augen, den seidenen Teint, der ihr Alter Lügen zu strafen scheint, das Temperament, die Eloquenz. Ihre Mutter Minerva war die stärkste und strebsamste der Schwestern gewesen. Als eine der ersten Frauen in der Dominikanischen Republik erwarb sie 1957 den Doktor der Jurisprudenz. Für die Oppositionsbewegung "14. Juni", die ihr Exkommilitone und Ehemann Manuel Tavárez Justo anführte, stellte die charismatische Rednerin Verbindungen zu kirchlichen und intellektuellen Kreisen her. Die schönen Schwestern Mirabal hatten den Decknamen Mariposa (Schmetterling). Er half ihnen nicht mehr, als die Bewegung im Januar 1960 aufflog. Hunderte junger Dissidenten landeten in den Gefängnissen und Folterkammern des Terrorregimes. Auch die Mirabals und ihre Männer.

Doch die Schwestern kamen wieder frei und durften überraschend ihre eingesperrten Gatten im damals abgelegenen Puerto Plata besuchen, das heute ein Urlaubsparadies für sonnenhungrige Europäer ist. Auf der Rückfahrt wurden die Frauen von Trujillos Schergen abgefangen, gefesselt und in einem Zuckerrohrfeld mit Knüppeln erschlagen. Den Landrover mit den Toten stießen die Mörder einen Steilhang hinab. "Todo perfecto", meldete der Anführer seinen Auftraggebern, "sie segelten wie Puppen durch die Luft."

"Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn!"

Als die Schwestern am 26. November 1960 in ihrem Heimatort Salcedo zu Grabe getragen wurden, verblieben Rafael Trujillo noch sechs Monate. Der Tod der "Schmetterlinge" gab den letzten Anstoß zu einem Tyrannenmord, dessen Dramaturgie viele Kriminalfilme übertraf – und der von Trujillos Familie mit barbarischer Brutalität gerächt wurde. Am Abend des 30. Mai 1961, gegen 22 Uhr, erwischten sieben Verschwörer den Generalissimo auf der Fahrt in seinen Heimatort San Cristóbal; selbstherrlich wie immer war er dorthin ohne Leibwache unterwegs. Sie schossen von ihrem Auto aus auf den hellblauen Chevrolet Belair, Trujillos Fahrer gelang es nicht mehr, zu wenden. Der Diktator, schon getroffen, taumelte aus dem Wagen und versuchte, in der Dunkelheit zurückzuschießen. Dann brach er zusammen und blieb regungslos liegen. Die Attentäter überzeugten sich: Sie hatten es geschafft, das Ungeheuer war tot.

Danach aber ging alles schief. Die Verschwörer irrten mit der Leiche Trujillos im Kofferraum hilflos durch die nächtliche Hauptstadt. Denn der Chef der Streitkräfte, der den toten Diktator erst sehen wollte, um dann mit einem Putsch die Macht zu übernehmen, hatte den Mut verloren und den vereinbarten Treffpunkt verlassen. Lateinamerikas grausamster Tyrann war zwar erledigt – das Regime aber hielt sich, und das Land, das zu den ersten Teilen der "Neuen Welt" gehörte, die Christoph Kolumbus 1492 von Europa aus erreicht hatte, blieb weiter dem Terror ausgeliefert.

Brigadegeneral Trujillo war 39 Jahre alt und Chef der Armee, als er 1930 die Macht in der Dominikanischen Republik ergriff. Er verbot alle Parteien und verwandelte das rückständige Land mit mörderischer Fantasie in seine eigene staatskapitalistische Pfründe. Der "Wohltäter", wie er sich seit 1932 nennen ließ, staffierte sich zum Weltstaatsmann aus – und handelte wie ein Gangsterboss aus Chicago. Wen er als bedrohlich empfand, ließ er beseitigen. Seinen Opfern richtete er bombastische Begräbnisse aus, spendete die größten Kränze und diktierte die Trauerreden.

Als Alleinherrscher verfügte Trujillo selbstverständlich auch über die Frauen des Landes

Deckname Schmetterling: Die drei Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal (v. l.) gehörten zur Opposition; 1960 ließ Trujillo sie erschlagen. Heute zieren ihre Porträts eine Banknote der Dominikanischen Republik

Trujillos Methode, Menschen verschwinden zu lassen, inspirierte später Chiles Diktator Pinochet und die argentinischen Obristen um General Videla. Wie jene genoss auch der karibische Präsident lange das Wohlwollen der USA als antikommunistischer Ordnungshüter. Senator Johnston aus South Carolina rühmte ihn als "Fels der Stabilität in der turbulenten Karibik". Von diesem Fels wurden Spionagenetze in alle Nachbarländer ausgeworfen. Trujillo war ein Meister des internationalen Terrorismus, darin heute Gadhafi vergleichbar; seine grenzüberschreitenden Attentate und Entführungen hatten Groschenheftqualität – wie sein Mordanschlag auf Venezuelas Exilpolitiker und späteren Präsidenten Rómulo Betancourt im Jahr 1951. Am helllichten Tage versuchte ihm ein Agent in einer belebten Straße Havannas Gift zu injizieren. US-Außenminister Cordell Hull prägte über Trujillo den Satz, der seit jenen Tagen zu den Maximen der amerikanischen Außenpolitik gehört: "Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn!"

Die anderen "Hurensöhne" – Caudillos und Obristen von Nicaraguas Somoza bis zu Kubas Batista – hielt Trujillo nie für ebenbürtig. Santo Domingo, die älteste Stadt des postkolumbianischen Amerikas, ließ er schon 1936 in Ciudad Trujillo umbenennen. Ungezählte Straßen, Häuser, Parks, Plätze, Schiffe und auch der höchste Berg des Landes trugen seinen Namen. Der "Wohltäter" ließ sich verehren wie der "liebe Führer" Kim Jong Il. Doch während der Nordkoreaner seinen unförmigen Blousons treu blieb und bleibt, wechselte Trujillo die goldbetressten Fantasieuniformen noch öfter als Jugoslawiens Marschall Tito und heftete sich mehr Lametta an die Brust als Hermann Göring. Die Orden kamen von nah und fern: aus Lateinamerika, aus den USA gleich drei, aus Frankreich sogar vier, aus China und dem Vatikan, Belgien und Holland. Für seine Weltgeltung hellte er sein Gesicht mit Bleichcreme und Puder auf.

Als schrankenloser Alleinherrscher verfügte Trujillo selbstverständlich auch über die Frauen des Landes. Evelyn Theimer, heute angesehene Reiseführerin in Santo Domingo, erinnert sich noch gut daran, wie die Eltern ringsum ihre Töchter nur in Begleitung aus dem Haus ließen, wenn der Präsident, mit Helm und Federbusch, vorüberritt. Zugleich gab es Bauern und auch bürgerliche Familien, die ihre Töchter dem "Wohltäter" regelrecht anboten. Mit Geschenken oder Vergünstigungen ließ er sich nicht lumpen. Seine Entourage nannte ihn "El Jefe", den Chef – für das Volk war er "El Chivo", der Bock. Kein Fall allerdings ist je bekannt geworden, in dem ein Mitglied seiner höchsten Beamtenriege die eigene Tochter Trujillo anbot – so wie es der Hauptfigur Urania Cabral in Mario Vargas Llosas Roman Das Fest des Ziegenbocks aus dem Jahr 2000 widerfährt. In seinem Erfolgsthriller über das Ende des Diktators vermischt der peruanische Nobelpreisträger nicht nur fiktive und reale Personen der Geschichte mit allerlei fehlerhaften Daten. Er hat zudem viele Fakten und Zeugenaussagen ohne gebührenden Hinweis anderswo entlehnt. Sie stammen zumeist aus einer fast vergessenen historischen Reportage: La muerte del dictador, 1978 erschienen. Für Bernard Diederich , den neuseeländischen Autor dieses akribisch recherchierten Buches, waren es denn auch nicht die Frauen, die es Trujillo am meisten angetan hatten: "Wie Roms Kaiser Caligula", schreibt Diederich, "galt ihm sein Pferd mehr als die Menschen."

Dieser Vergleich drängt sich auf, wenn man den noch verbliebenen Spuren des Diktators folgt. Wo er sich einst in den Sattel schwang, um durch die Savannen und Täler seiner Großviehfarm Estancia Fundación zu reiten, liegt heute zwar nur ein verfallener Landsitz: Las Caobas, das Mahagonihaus. Der Hügel aber, auf dem die Ruine steht, erlaubt noch jetzt einen traumhaften Rundblick über die grün gewellte Landschaft mit ihren Königspalmen. Der Patron sah damals herab auf ein Terrain von schließlich 75.000 Hektar, das er zusammengekauft oder geraubt hatte. Sein Pferd trug ihn über fette Weiden zu blitzblanken Ställen und dem preisgekrönten Zuchtvieh von den besten Farmen der USA.

So wie Hitlers Obersalzberg die Touristen anziehe, hat Leivin Guerrero kürzlich geschwärmt, könne sich auch ein zum Museum restauriertes Mahagonihaus auszahlen. Der Mann ist Abgeordneter von San Cristóbal, Trujillos Geburtsort direkt unterhalb des einstigen Herrensitzes. Obwohl noch immer heimliche Anhänger des Diktators im Parlament sitzen, hatte der Plan keine Chance. Nun hausen weiter Opfer des letzten Hurrikans in der geplünderten Ruine. Vom einst mit Mahagoni und Eiche getäfelten Interieur ist nichts geblieben außer ein paar halb blinden Wandspiegeln. Allein die Größe der einstigen Bar im zweiten Stock belebt die Vorstellung von einem Herrscher, für den die heimische Welt aus Schlachtvieh bestand. Buchstäblich: Heute ein verwüsteter Raum, glich sie damals einer Rindertränke. Tierköpfe, geschnitzt, gemeißelt, gemalt, lugten von den Wänden und aus allen Winkeln. Eine Lampe in den Schlafgemächern für die weiblichen Gäste hatte die Form eines Colts im Lederhalfter. Wenige Meter davon entfernt hing ein Foto des US-Präsidenten Truman mit persönlicher Widmung: "Dem Generalissimus Rafael Leonidas Trujillo mit freundlichsten Grüßen". Datum: 17. Juni 1953 – just der Tag, an dem die Menschen in der DDR gegen die SED-Diktatur aufstanden.

Trumans Foto gegenüber indes beschied ein Wandspruch die innige Verbundenheit des Diktators mit noch höheren Mächten: "Christus ist der Herr in diesem Haus, der unsichtbare Gast an unserem Tisch, der schweigende Zuhörer unserer Gespräche."

Und doch muss der göttliche Lauscher da oft Furchtbares vernommen haben am Tisch seines frommen Dieners. Zum Beispiel über Jesús de Galíndez. Der baskische Franco-Gegner und Dozent der Columbia-Universität verschwand im März 1956 spurlos aus New York. Und mit ihm auch seine Doktorarbeit über Trujillos "systematischen Terror". Vollgepumpt mit Drogen und unter Mithilfe eines naiven amerikanischen Piloten war der Menschenrechtler als angeblicher reicher Krebspatient in die Dominikanische Republik ausgeflogen worden. In der Bar des Mahagonihauses wurde er dem Diktator vorgeführt. Der überreichte ihm die geraubte Dissertation, befahl, sie aufzuessen, und zog die Reitpeitsche über den Kopf des halb Betäubten, als der das Manuskript fallen ließ. Dann holten ihn die Henker nach Ciudad Trujillo und versenkten ihr Opfer, den Kopf voraus, in einem Bottich mit kochendem Wasser.

Wer über das Geröll der einst prächtigen Blumen- und Baumalleen hinuntersteigt nach San Cristóbal, kommt in ein lebendiges Städtchen mit schmucken Geschäften und noch mehr Sekten hinter grellbunten Fassaden. Gleich bei der Kirche, die der Diktator 1949 bauen ließ, stand früher ein mit Holz eingefasstes Haus. Hier kam Rafael Trujillo 1891 zur Welt, als drittes von elf Kindern eines kleinen Geschäftsmanns, eine seiner Großmütter war Haitianerin. Der junge Rafael arbeitete auf dem Telegrafenamt und einer Zuckerplantage, stieß zu einer Diebesbande und erhielt wegen Betruges eine Haftstrafe.

1938 bietet er an, 100.000 Juden aus Deutschland aufzunehmen

Doch dann halfen die Amerikaner, die das Nachbarland Haiti von 1915 bis 1934 und die Dominikanische Republik von 1916 bis 1924 besetzt hielten, dem jungen Trujillo auf die Sprünge. Sie nahmen ihn 1918 in die neue Nationalgarde auf. Er machte, wie sein früher Biograf Robert D. Crassweller festgehalten hat, flott Karriere und wurde im Mai 1928 Brigadegeneral und Chef der Armee.

1938 bietet er an, 100.000 Juden aus Deutschland aufzunehmen

Nach außen hin erschien der neue Befehlshaber amerikanischer als jeder andere Dominikaner. So konnte er sich den USA mit seinem Putsch 1930 als Retter der Ordnung präsentieren. Er selbst verstand darunter zum Beispiel den Einsatz des carro de la muerte. Der "Wagen des Todes", ein roter Packard, rollte durch Santo Domingo und Santiago, hielt an Häusern oder belebten Ecken, Scharfschützen kurbelten die Scheiben herunter, schossen und rasten davon. Aus der Ozama-Festung am Hafen, in der heute die Kreuzfahrt-Touristen herumgeführt werden (ohne ein Wort über Trujillo zu hören), drangen die Schreie der Gefolterten durch die Stille der Nacht.

Im Herbst 1937 verstimmte Trujillo sogar seine US-Freunde zum ersten Mal. Am 2. Oktober besuchte er die Grenze zu Haiti. Scheinbar spontan rief er danach zu einem Massaker an den haitianischen Arbeitern in seinem Lande auf. Binnen 36 Stunden wurden rund 20.000 Menschen abgeschlachtet. Die Regierung stellte die ethnische Säuberung als Zusammenstoß ihrer Bauern mit haitianischen Viehdieben hin.

Nicht einmal zwei Jahre nach dem Massaker wurde der Despot von Präsident Franklin D. Roosevelt im Weißen Haus empfangen. Er traf Außenminister Hull und George Marshall, damals Stabschef der US-Armee. Der Mord an den Haitianern war endgültig vergeben, als Trujillo einen Tag nach Japans Angriff auf Pearl Harbor 1941 an der Seite der USA in den Krieg eintrat. Schon 1938 hatte er angeboten, 100.000 Juden aus Deutschland aufzunehmen. Dabei trieben den Rassisten ganz besondere Motive: Ihm war die Hautfarbe seiner Dominikaner "zu dunkel". Die Flüchtlinge sollten das Land mit der Zeit "aufhellen". Doch aus der Aktion wurde nichts, weil die Amerikaner die erforderlichen Transitvisa sehr zögernd erteilten. Am Ende kamen nur ein paar Hundert jüdische Siedler, die sich das Brachland um das damals abgelegene Sosúa im Norden erschlossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Trujillo den USA als Bollwerk gegen den Kommunismus. Anfang 1959, gleich nach dem Sieg Fidel Castros in Havanna, ließ der Diktator seine Fremdenlegionäre zusammen mit Castro-Gegnern auf Kuba landen. Sie liefen den "Bärtigen" in die Falle. Ein halbes Jahr später, am 14.Juni 1959, versuchten junge Dominikaner von Kuba aus, ihre Heimat zu befreien. Sie wurden mit Napalm vernichtet, Gefangene sofort erschossen.

Dieser 14. Juni gab der Oppositionsbewegung um die Schwestern Mirabal den Namen und war der Auftakt zu einer Repressions- und Folterwelle, die schließlich selbst die Kirche von Trujillo abfallen ließ. Ein Hirtenbrief zieh das Regime der "schweren Sünde vor Gott". Im Juni 1960 beging Trujillo dann eine Sünde, die ihn auch international isolierte. In Venezuela versuchten seine Agenten erneut, den angesehenen Präsidenten Betancourt zu ermorden, diesmal per Bombe; das Opfer überlebte. Die Mitglieder der Organisation Amerikanischer Staaten brachen die Beziehungen zur Dominikanischen Republik ab – auch die USA gaben ihren Getreuen jetzt auf.

In dieser Situation fanden die Verschwörer zusammen. Die CIA verschaffte ihnen drei Karabiner. Aus ihnen fielen am 31. Mai 1961 die Schüsse. Der "Fels der Karibik" starb direkt an ihrem Ufer auf der Avenida Washington. Am Rand der heute vierspurigen Straße steht die schwarze Skulptur eines Folteropfers. Aus dem Strom der Autos, der Mack-Trucks und Reisebusse fällt kaum ein Blick auf sie.

Wer waren die Männer, die bis zum Tyrannenmord so entschlossen handelten, aber dann alles verloren? Von strikt konservativer Gesinnung wie die deutschen Widerständler des 20. Juli 1944, hatten sie dem Regime lange gedient. Als Militärs, in der Verwaltung, in Trujillos Privatunternehmen. Sie fürchteten die "rote Gefahr" und Fidel Castro nicht weniger als den Diktator, von dem die meisten Verschwörer aber auch persönlich erniedrigt worden waren. Sie hatten weder Vorkehrungen für ihre Kommunikation nach dem Attentat getroffen noch politische Vorstellungen für die Zukunft entwickelt.

So riss der Trujillo-Clan binnen weniger Stunden das Gesetz des Handelns wieder an sich. Nur zwei der insgesamt 16 Hauptverschwörer konnten sich retten. Die anderen wurden unter Aufsicht von General Ramfis Trujillo, dem Sohn des Diktators, über Monate grausam zu Tode gefoltert. Miguel Angel Báez Diaz, der Bürgermeister der Hauptstadt gewesen war, bekam eines Tages unerwartet ein Fleischgericht vorgesetzt. Ausgehungert schlang er es herunter. Dann fragten ihn die Wärter, ob ihm sein Sohn gemundet habe, und zeigten ihm dessen Kopf auf einem Tablett. Báez erlag auf der Stelle einem Herzinfarkt.

Und doch taumelte das Regime dem Ende entgegen. Im Herbst 1961 erreichten oppositionelle Proteste ein Ausmaß, dass sich die Trujillo-Familie nach Europa absetzte. Den Leichnam des Diktators nahm sie mit. Trujillo wurde auf dem ehrwürdigen Pariser Friedhof Père Lachaise nahe dem Grab von Marcel Proust beigesetzt und später in das Madrid seines langjährigen Freundes General Franco überführt.

1962 wählten die Dominikaner den aus dem Exil zurückgekehrten Schriftsteller Juan Bosch zum Präsidenten. Weil er soziale Reformen und mehr Unabhängigkeit von den USA anstrebte, stürzte ihn die alte Oberschicht mithilfe der CIA schon nach sieben Monaten, und der Terror kehrte zurück. Heute ist das Land eine leidlich funktionierende Demokratie, die Abhängigkeit von den USA ist geblieben.

Minou, die Tochter der ermordeten Minerva Mirabal, war inzwischen sieben Jahre alt, als man den Sarg mit ihrem toten Vater brachte. Manuel Tavárez Justo, der in der Haft Trujillo überlebt hatte, war nach Boschs Sturz erneut in die Berge gegangen, um für die Freiheit zu kämpfen. Am Tag, da ihn die Regierungstruppen erschossen, konnte er einem fliehenden Mitkämpfer noch eine Muschel in Form eines Schneckenhauses zustecken. Die Worte, die er darauf eingeritzt hatte, zitiert die Abgeordnete mit belegter Stimme: "Meiner kleinen Tochter Minou zur Erinnerung an ein großes Experiment in den Bergen, 21. Dezember 1963".