Und was ist nun so falsch an dieser Weltverbesserung durch den Staat? Kretschmanns Beispiel zeigt es recht genau. Es mag richtig sein, dass der hergebrachte Wachstumsbegriff politisch nicht mehr viel taugt, weil zu viel energieverbrauchendes, müllproduzierendes Wachstum schädlich ist. Dann kann der Staat diese Art Wachstum bremsen, entmutigen oder verbieten. Doch ein alternatives, besseres Wirtschafts- und Lebensmodell entwerfen, eine amtlich empfohlene Wertordnung schaffen, nach der ressourcenschonende Beschaulichkeit besser ist als hektisches Geldverdienen und wahrer Fortschritt gar nicht jener Zuwachs an technischem Komfort, den die blöden Durchschnittsbürger dafür halten – das kann und darf der Staat nicht. Für die Festlegung und Erfüllung von Daseinszwecken ist er nicht zuständig, das muss er schon den Einzelnen überlassen.

Zwar gibt Kretschmann selbst seine Ungewissheit über die richtige Maßeinheit für die menschliche Wohlfahrt zu: "Ich kenne noch keine." Aber in Wahrheit ist das eben keine Frage des "noch", keine Sache, bei der man auf künftige bessere Einsicht und eines Tages auf demokratischen Konsens über die Prinzipien des guten Lebens hoffen könnte. Sondern Staat und Politik stoßen hier überhaupt an ihre Grenze und haben sich zurückzuhalten.

Der Liberalismus ist genau jene politische Philosophie, die das weiß. Der preußische Reformer und Goethe-Freund Wilhelm von Humboldt, einer der wenigen authentischen Liberalen der deutschen Geistesgeschichte, hat das obrigkeitliche Bestreben, "auf die Sitten und den Charakter der Nation" einzuwirken, geradezu für den unverzeihlichen Sündenfall der Politik gehalten: Der Tugendstaat ist nicht der gute, sondern der schlechte Staat. Der Liberalismus weiß, dass das Gute in der Gesellschaft in der Regel nicht durch gute Absicht und zentrale Planung entsteht, sondern durch den Wettbewerb der Ideen und Akteure. Das, nicht irgendeine bizarre Vorliebe für reiche Leute und soziale Ungleichheit, ist der gute Grund für die Marktwirtschaft: Das anonyme Wechselspiel von Angebot und Nachfrage setzt Kapital, Arbeit und Kaufkraft effizienter ein, als die klügste staatliche Behörde es könnte.

Daher muss es so misstrauisch stimmen, wenn die Politik den Solarstrom oder das Elektroauto als "Zukunftsprodukte" identifiziert und fördert – welchem Produkt die Zukunft gehört, weiß die Gegenwart nicht, schon gar kein Beamter und auch kein Parlament. Man sollte es dem Experiment der Zeit überlassen. Wie auch ein gutes Bildungswesen nicht dadurch zustande kommt, dass man die Schulen endlos reformiert, perfektioniert und neu finanziert, sondern indem Konkurrenz ermöglicht wird – zwischen den Lehrern einer Schule, zwischen den Schulen, zwischen den Ländern, zwischen dem staatlichen Schulsystem und privaten Alternativen.

Natürlich kann man es mit der Freiheit übertreiben. Dann droht das Chaos – oder der Sozialdarwinismus, das Recht des Stärkeren. Aber das ist nicht die Gefahr, in der die rasant ergrünende Bundesrepublik des Frühsommers 2011 schwebt. Ihre Gefahr ist der Tugendstaat – ein Gemeinwesen von hochmoderner, umweltverträglicher und moralisch vorbildlicher Spießigkeit.