Werner Becker hat alles richtig gemacht an diesem stillen Samstagmorgen im Mai. Unauffällig muss er sein, leise. Auf keinen Fall darf er noch einmal den Fehler begehen und seine Macht offenbaren. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als er in sein kleines, weißes Plastikboot steigt. Ein Angler aus dem Verein am See hat Werner Becker geholfen, das Boot aus dem Schuppen zu ziehen und den Elektromotor zu starten. Der Motor beginnt zu summen, dann stößt Becker das Boot ab. Es gleitet hinaus auf den See. Schweigend genießt Becker den sanften Fahrtwind.

Das strahlend weiße Jet-Boot, das hohe Wellen schlug und aufreizend lärmte, hat Becker verkauft, als die Menschen am Ufer wild mit den Händen fuchtelten und ihm drohten. Die Küken der Blesshühner waren im Motorstrudel untergegangen, und Becker hatte sich nichts dabei gedacht. Damals wollte er allen hier zeigen, dass ihm der See jetzt gehörte. Damit begann das Drama. Das Ordnungsamt schickte die Polizei zum Angelsteg, damit die das Boot beschlagnahmte. Doch die Angler, die es verwahrten, gaben es nicht heraus.

Werner Becker aus Düsseldorf, 53 Jahre alt, Immobilienhändler, Rechtsanwalt, Spezialist für Steuern und Steuerhinterziehung, kaufte vor sieben Jahren den Wandlitzsee in Brandenburg, den ganzen See – so etwas hatte es noch nicht gegeben. Sofort kamen Gerüchte auf, der Fremde habe wilde Pläne: Mitten im Wasser wolle er eine künstliche Insel anschütten lassen – mit einer Villa und einem eigenen Landeplatz für Hubschrauber. Becker hat viel gelernt über die Angst der Ostdeutschen vor einem reichen Mann aus dem Westen. Jetzt, auf seinem kleinen Boot, sagt er: "Man muss alles mit Augenmaß machen."

Becker steuert das Boot nah am Ufer entlang, er hat seine Sonnenbrille aufgesetzt. Um seine Beine flattern weite Shorts mit Khaki-Muster und großen, aufgenähten Taschen. Über seinen Bauch spannt sich ein Hemd mit gelben Streifen. Er blickt zum Horizont, mustert die Schilfgürtel, das alles gehört jetzt ihm. "Schon schön hier", sagt er betonungslos. Es klingt so, als habe er sich vorgenommen, den See zu loben wie ein unartiges Kind, das sich nach langer Missachtung eine kleine Aufmunterung verdient hat.

Von einem Steg aus winken ihm drei nackte Männer zu, die Fleischspieße grillen. Sie lachen und prosten Becker mit Bierflaschen zu. Becker grüßt verhalten zurück. Er kennt die Männer nicht, fast niemanden kennt er hier. Aber er weiß sehr genau, wem welches Grundstück gehört und wer ihm noch Geld schuldet. Wer nicht rechtzeitig zahlt, bekommt einen Brief von Becker, den er "Schriftsatz" nennt.

Werner Becker wusste nichts über diesen See, als er ihn kaufte. Er wusste nichts von der alten DDR-Geschichte, nichts vom zwiespältigen Klang des Namens Wandlitz, nichts von der außergewöhnlich hohen Wasserqualität des Sees, nichts von seinem Fischreichtum, nichts von dem Edelfisch namens Kleine Maräne, der sonst nur in türkisblauen Alpenseen lebt. Becker hatte nur eine Luftaufnahme des Gewässers in seiner Düsseldorfer Anwaltskanzlei hängen, und er kannte ein paar Daten: 215 Hektar Fläche, bis zu 24 Meter tief. Becker fragte sich als Erstes, ob er für diesen See überhaupt eine Haftpflichtversicherung abschließen könne. "Das war meine Horrorvorstellung: Da liegt eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Grund, der Zünder korrodiert, und irgendwann macht es buff", sagt Becker.

Es gab viele Leute, die ihm damals davon abrieten, einen See zu kaufen: seine Geschäftspartner, sein Aufsichtsrat in der Firma, seine frühere Frau Barbara. Seine jetzige Freundin Kerstin, die in Berlin lebt, stellte sich vor, wie langweilig die Wochenenden würden, in der brandenburgischen Ödnis. "Die alle waren entsetzt: Biste bekloppt, so einen Tümpel im Osten zu kaufen?" Werner Becker war sich trotzdem sicher, dass er es tun musste. Er sagte zu sich selbst: "Da kannst du nichts verkehrt machen, das Ding muss funktionieren." Das Ding, das war der See – ausgeschrieben von der Treuhand-Nachfolgerin BVVG, der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH. Eine Mulde, gefüllt mit Wasser. 400.000 Euro Kaufpreis, nur 35 Autominuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt. Das Ding begeisterte ihn. Das Ding, und was er damit machen konnte.

Werner Becker würde gerne noch viel erzählen über Rechnungen, die er aufstellte, Einnahmequellen, Gewinnerwartungen, aber plötzlich läuft Wasser ins Boot. Es dringt durch den Schacht ein, in dem die Batterie steht, eine 4.000 Euro teure Spezialbatterie. Das Heck des Bootes sinkt immer tiefer ins Wasser. Der See meint es nicht gut mit ihm, Becker kehrt um. "Da muss sich der Norbert drum kümmern", sagt Becker.

Der Norbert ist ein 70 Jahre alter Angler aus Wandlitz, den Becker zu seinem Verbündeten gemacht hat. Einen wie ihn braucht Becker, einen Vertrauten im Ort. Wandlitz hat 5.600 Einwohner, viele Zugezogene darunter. Zwischen den alten Reetdachhäusern ragen jetzt neue Fertighäuser mit Glasfronten und lackierten Dachziegeln zwischen den Kiefern hervor. Becker hat nicht einmal eine Wohnung hier, kein Zimmer, keinen Stützpunkt, nur seinen See und ein leeres Grundstück. Aber er hatte immer schon einen Plan: Geld verdienen mit seinem Eigentum, die Anwohner zahlen lassen für ihren Zugang zum Wasser, sie notfalls dazu zwingen.