Über Monate, ja über Jahre hin hatte ich mich als Wolf – zunächst noch im Schafspelz – in die Herde des "heiligen Kölns" eingeschlichen. Den katholischen Eiferern, die sich fantasievoll für die Reinheit des Glaubens sowie gegen die "von Juden, Freimaurern und Homo-Unzüchtigen" propagierte "Diktatur des Relativismus" engagieren, war ich verdächtig, seit ich den rapide zunehmenden Vulgärtraditionalismus in der katholischen Kirche kritisiert hatte.

Spätestens aber als der Wolf den sanften Schafspelz abstreifte und sein raues Fell zeigte, wurde auch bei den übrigen Amtskirchenkatholiken der Großalarm ausgerufen: Einfach so, ohne jede Scham hatte sich der Professor einer päpstlichen Akademie und Religionslehrer hingestellt und in der Öffentlichkeit über sein Schwulsein geredet. Ja im Fernsehen hatte ich mich gar zu einer 22-jährigen glücklichen Beziehung mit einem Mann bekannt. Seither plagte nur noch eine Kardinalfrage das katholische Gewissen: "Wie lange schaut der Kölner Kardinal Meisner zu, wie David Berger seine Homo-Seuchenhaut weiterhin zum Markt trägt"? – So stand es zu lesen auf einer Internetseite, die sich selbst rühmt, Europas größtes katholisches Nachrichtenportal zu sein.

Schnell war klar, welche Gefahr ich gerade auch für die jungen Katholiken darstellte, die mir wehrlos im Religionsunterricht preisgegeben waren. Eine Unterschriftenaktion jagte die nächste: "Schreiben Sie an Kardinal Meisner! In jeder normalen Firma wird ein solcher Mitarbeiter entlassen!" Die neuerdings selbst vom Papst warm umworbenen konservativen Kerntruppen der Kirchlichkeit mussten nicht lange betteln. Großzügig und kompromisslos, bis in seine Begründungen una voce mit diesen Eiferern sprechend, kam Kardinal Meisner als der gute Hirte ihrem frommen Herzenswunsch nach und ließ den gefährlichen Lehrer aus dem Religionsunterricht ein für alle Mal entfernen.

Das Datum der Entlassung war geschickt gewählt, einen Tag nach dem Barmherzigkeitssonntag, der auf eine Vision Christi zurückgeht, in der dieser eine polnische Nonne wissen ließ: "Zum Strafen habe ich die ganze Ewigkeit – jetzt verlängere ich lieber die Zeit meiner Barmherzigkeit."

Wie böse Menschen den Verdacht äußern konnten, meine Homosexualität habe bei dieser kardinalen Entscheidung eine Rolle gespielt, ist indes völlig rätselhaft. Der Pressesprecher des Kardinals betonte dann auch in einem Interview mit der Bild, was ohnehin die Spatzen von den Domdächern pfeifen: dass "die katholische Kirche nichts gegen Schwule" habe. Um im schüchternen Nachsatz hinzuzufügen, man dürfe dieses Schwulsein halt nur nicht in die Öffentlichkeit tragen. Vielmehr habe man mir die Lehrerlaubnis vor allem wegen meines jüngsten Buches entziehen müssen.

Dort wird nämlich die völlig abwegige These vertreten, einige Kirchenfürsten seien – ähnlich wie in den Fällen des Kindesmissbrauchs – im Bereich der Homosexualität scheinheilig, da sie Homosexualität auch bei ihren Priestern und anderen Angestellten duldeten, solange diese nicht in die Öffentlichkeit dringe. Ja die ein Doppelleben führenden homosexuellen Priester seien sogar die loyaleren Untergebenen, da sie sich aus Angst vor den Disziplinierungsmöglichkeiten aufgrund ihrer Homosexualität notgedrungen an den päpstlich verordneten konservativen Kurs halten.