Es dürfte noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis klar wird, wie viele Opfer das verhängnisvolle Zusammentreffen von Erdbeben und Tsunami im Umkreis des havarierten Reaktors von Fukushima wirklich gefordert hat. Die riesigen volkswirtschaftlichen Schäden sind bereits erkennbar. Und schon als die ersten Bilder und Nachrichten über die Bildschirme liefen, war uns allen klar: Die Ereignisse in Japan würden auch an uns nicht spurlos vorübergehen. Könnte so etwas auch bei uns geschehen? Was wären die Folgen eines Erdbebens in Deutschland, was die Konsequenzen eines Störfalls in einem deutschen Kernkraftwerk? Die verunsicherte Bevölkerung hat drängende Fragen und sucht nach Antworten, nach schnellen Antworten. Die schnelle Antwort der Bundesregierung lautet "Energiewende".

Einen so abrupten Politikwechsel ohne Regierungswechsel hat es vermutlich in Deutschland noch nicht gegeben. Sind aber derart schnelle Antworten zu einem so komplexen Thema überhaupt möglich? Und bedarf es nicht der Abwägung der langfristigen Folgen, die eine solche Operation am offenen Herzen unserer Volkswirtschaft haben wird? Bei diesem wirtschaftspolitischen Experiment geht es nicht nur um energiepolitische, sondern genauso um umwelt-, verbraucher-, industrie- und nicht zuletzt auch um sozial- und finanzpolitische Fragen.

Nur vier Tage nach der Katastrophe in Japan wurden die acht ältesten deutschen Kernkraftwerke vom Netz genommen; sie werden wohl niemals wieder in Betrieb gehen. Nicht ohne Grund sahen sich die Gegner der Kernenergie dadurch ermuntert, auch die Abschaltung aller anderen Kernkraftwerke binnen kürzester Zeit zu fordern, denn offensichtlich ist ja bisher keinerlei Versorgungsproblem entstanden. Damit ist der Kampf um den schnellsten und entschlossensten Ausstieg quer durch alle Parteien voll entbrannt. Die bayerische Staatsregierung rief sogar allen Ernstes ein Wettrennen mit der grün-roten Regierung in Baden-Württemberg aus: Wer als Erster vollständig aus der Kernkraft ausgestiegen sei, habe gewonnen. Die demoskopische Orientierung der Politik bekommt eine neue Qualität, die Leichtigkeit des Meinungswandels erreicht die Stufe der Infantilisierung.

Energiepolitik in einer arbeitsteiligen, wettbewerbsintensiven und außenwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaft ist aber kein Spielplatz, auf dem man Wettrennen veranstaltet. Energiepolitik ist hochkomplex, für den Laien oft schwer verständlich und doch von fundamentaler Bedeutung für den Alltag eines jeden von uns. Über die praktischen Konsequenzen eines raschen Ausstiegs aus der Kernenergie wird dennoch kaum gesprochen.

Um es noch einmal klar zu sagen: Es ist in höchstem Maße legitim, nach der Katastrophe von Japan den weiteren Einsatz der Kernenergie prinzipiell infrage zu stellen – ein schlichtes "Weiter so!" wäre eine Verkennung der neuen Realität. Es ist ebenso legitim, dass die Regierungsparteien ihre Ansichten, die im vergangenen Jahr zur Laufzeitverlängerung geführt haben, überdenken und auch ändern. Mit einem einfachen Druck auf den Stoppschalter der Kernenergie ist es jedoch nicht getan. Wer den raschen Ausstieg fordert, muss erklären, wie unsere Energieversorgung in Zukunft aussehen soll, muss Antworten finden auf Fragen der Grundlastfähigkeit, der Netzstabilität, der unmittelbaren und mittelbaren Kosten einer schnellen Energiewende und der grenzüberschreitenden Folgen eines isolierten deutschen Ausstiegs. Es hatte zahlreiche gute Gründe, dass die Kernkraft in beiden Ausstiegsdebatten (also sowohl 2001/02 unter Rot-Grün als auch 2009/10 unter Schwarz-Gelb) als Brückentechnologie angesehen wurde, um den langfristigen Übergang zu erneuerbaren Energien zu ermöglichen. So tragisch die Ereignisse in Japan auch sind, an diesen Gründen hat sich nichts geändert.

Technisch ergibt sich zum einen das Problem der Grundlastfähigkeit der deutschen Energieversorgung. Erneuerbare Energien erfüllen diese Voraussetzung derzeit nicht: Wind und Sonne sind nicht 24 Stunden am Tag verfügbar; Lösungen, um ausreichende Mengen an Strom zu speichern, gibt es noch nicht. Ohne eine grundlastfähige Energieversorgung macht sich Deutschland jedoch von Stromlieferungen aus dem Ausland abhängig, die sporadisch schon jetzt notwendig geworden sind, nachdem die acht ältesten Meiler vom Netz gingen. Zum anderen stellt sich die Frage der Netzstabilität. So müssen Stromerzeugung und Stromverbrauch mangels ausreichender Speichermöglichkeiten jederzeit ausgeglichen sein. Fallen die relativ leicht regelbaren Kernkraftwerke im deutschen Energiemix weg, können sie nicht ohne Weiteres durch erneuerbare Energien ersetzt werden: Wann und in welcher Stärke der Wind weht und die Sonne scheint, lässt sich nicht hinreichend genau vorhersagen.

In der Folge droht das Risiko der Netzinstabilität und des Ausfalls der Stromversorgung in ganzen Regionen. Der Präsident der Bundesnetzagentur, nicht im Verdacht, ein "Atomlobbyist" zu sein, hat eindringlich auf dieses Problem hingewiesen.