DIE ZEIT: Ihre Eltern, Ihr jüngerer Bruder und Ihr Onkel wurden beim Massaker von Srebrenica ermordet. Was geht Ihnen nun durch den Kopf, da der serbische Befehlshaber Ratko Mladić festgenommen wurde?

Nuhanovic: Verbrecher müssen im Schatten ihrer Untaten abgeurteilt werden. Aber jetzt? Mladić war ein mächtiger Mann, ein Mörder, der den Tod Abertausender zu verantworten hat. Nun sehe ich einen Mann ohne Haare, der einen Schlaganfall gehabt haben soll, der einen lahmen Arm hat. Ich fürchte, dass er einen Sympathiebonus bekommt.

DIE ZEIT: Was soll mit Mladić geschehen?

Nuhanovic: Amnestie darf es für diese Leute nicht geben. Die Verhaftung sollte nur keine Euphorie auslösen. Denn es gibt Tausende Kriegsverbrecher, die frei herumlaufen. In dem Haus, wo ich mein Büro habe, arbeitet auch der Mann, der meine Mutter auf dem Gewissen hat. Ich habe es den Medien erzählt, dem Staatsanwalt wiederholt angezeigt, nichts ist passiert. Das ist unerträglich. Gegenüber diesem Mann habe ich persönliche Gefühle, nicht gegenüber Mladić.

DIE ZEIT: Was bedeutet Mladićs Verhaftung für Sie?

Nuhanovic: Mladić ist ein politischer Fall. Für das Leben der Opfer und Überlebenden verändert seine Verhaftung gar nichts. Der Aspekt, der immer vergessen wird, ist die Wiedergutmachung. Natürlich muss strafrechtlich vorgegangen werden, aber die Familien der Opfer des Völkermords müssen auch entschädigt werden. Bislang haben sie von niemandem einen Pfennig bekommen. Wir sind glücklich, dass er gefangen worden ist. Serbien aber ist zu einfach davongekommen. Es muss zur Wiedergutmachung gezwungen werden .

DIE ZEIT: Sollte die EU das zur Bedingung für die Aufnahme machen?

Nuhanovic: Vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Nur sollte die EU Serbien nicht zu lange im Wartezimmer sitzen lassen. Je früher Serbien aufgenommen wird, desto stabiler wird die Lage in der Region für uns alle.

DIE ZEIT: Sie gehören zu einer kleinen Gruppe von Aktivisten. Erfahren Sie im Volk Unterstützung?

Nuhanovic: Generell ja, aber nicht mit konkreten Aktionen. Sie wollen ihr Leben leben.

DIE ZEIT: Man hat Sie den Elie Wiesel von Bosnien genannt – eine treffende Beschreibung?

Nuhanovic: Ich habe keinen Agenten, keinen Apparat, ich kämpfe meist allein. Ich nutze hauptsächlich die Medien und unsere Gruppe von Überlebenden, um Druck auf Politiker und Justiz auszuüben. Wir haben Tausende Fälle und sehr wenig Geld. Wir bräuchten Millionen, um sie vor die Gerichte zu bringen.