Es ist eine friedliche Koexistenz: Die Ehec-Bakterien, die im Darm vieler Rinder heimisch sind, machen ihren Wirt nicht krank. Auch bei Schaf und Ziege, Hirsch und Reh lässt sich Enterohämorrhagische Escherichia coli zur Untermiete im Gedärm nieder, ohne dass das Tier Schaden nimmt. Gerät aber der Mensch durch Rohmilch, rohes Fleisch oder mit Tierfäkalien kontaminiertes Obst und Gemüse in Kontakt mit dem Pathogen, kann das mitunter tödlich enden.

Um schwere Infektionen und Ehec-Ausbrüche wie den derzeitigen zu verhindern, müsste der Keim an der Quelle bekämpft werden. Kann man Rinder gegen Ehec impfen oder den Bakterienbefall auf andere Art verhindern? Bis jetzt gibt es dafür kein wirksames Verfahren. Die Erreger sind zu wandlungsfähig, sie tauschen ständig Gene miteinander aus, verweilen mal kürzer, mal länger im Tier, und niemand weiß bislang, wie sie sich überhaupt an die Darmwand anheften.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Zu den klinisch auffälligsten Varianten gehört der Typ O157, er ist für die Hälfte der 3573 Infektionen bei Menschen verantwortlich, die das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) 2009 in der EU verzeichnet hat. 30 Prozent aller Rinder seien mit diesem Bakterium infiziert, unter bestimmten Futterbedingungen gar bis zu 80 Prozent, behauptete 2003 eine amerikanische Studie, die im Journal of Dairy Science erschien. Und vom amerikanischen Unternehmen Epitopix gibt es bereits einen Impfstoff gegen diesen Subtyp. Der Pharmakonzern Pfizer vertreibt ihn seit Februar ausschließlich in den USA.

Lutz Geue vom Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Greifswald, kann das nicht beeindrucken. "Wir finden regelmäßig in vielen Beständen Ehec-Erreger, O157 spielt da aber nicht die Hauptrolle", sagt Geue. Deshalb steht er auch der O157-Impfung skeptisch gegenüber. "Aus Langzeitstudien wissen wir, dass die Breite der in den Rindern vorkommenden Ehec-Erreger sehr groß ist, da erscheint es wenig sinnvoll, mit einer Impfung nur einen von ihnen zu bekämpfen." Für die aktuelle Epidemie wäre die Impfung auch nutzlos gewesen, in Deutschland wütet der Typ O104. Eine Impfung aber, die mehrere Erregervarianten abdeckt, hält Geue für "momentan überhaupt nicht realistisch".

Gibt es Alternativen zur Impfung? Diverse Versuche mit Probiotika und veränderten Futterzusammensetzungen, mit denen die Zahl der für den Menschen gefährlichen Bakterien im Rinderdarm gesenkt werden soll, kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Im Fachblatt Science erschien eine Studie, nach der ein höherer Anteil von Heu und Stroh im Viehfutter die Zahl der Bakterien reduziert – aber die Studie konnte von anderen Wissenschaftlern nicht reproduziert werden.

Impfen wäre deshalb für Lothar Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin das Mittel der Wahl. Die Suche nach einem Impfstoff sei allerdings sehr aufwendig und teuer, erklärt der Veterinärmediziner. Und nicht nur das. "Wenn Sie einen Impfstoff erforschen, müssen Sie mit gentechnisch veränderten Organismen arbeiten", erklärt Wieler. "Ein Tier, das so etwas gespritzt bekommt, können Sie für nichts mehr verwenden, es muss komplett entsorgt werden." In gerade einmal zwei Ställen ist eine derart intensive Forschung überhaupt möglich: Der eine gehört zur veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, der andere steht auf der Insel Riems bei Greifswald und wird vom Friedrich-Loeffler-Institut betrieben.

Sollte ein Impfstoff gefunden werden, bleibt immer noch das Problem einer Kosten-Nutzen-Rechnung. "Sie müssten mit viel finanziellem und zeitlichem Aufwand eigentlich völlig gesunde -Tiere impfen, um dadurch eine Krankheit zu verhindern, die auch ohne Impfung so häufig nicht auftritt – wenn wir mal den aktuellen Ausbruch außen vor lassen", so Wieler.

Kurz vor der Ehec-Epidemie haben Lutz Geue und sein Team ein Forschungsprojekt beantragt. Die Kernfrage: Wie kann man die gefährlichen Ehec-Keime in Rindern reduzieren? Die Chancen auf eine Bewilligung stehen angesichts der momentanen Lage nicht schlecht.