Besonderes Lob erntet Fajad für die Reform der Finanzen. Unter Arafat (siehe auch Mubarak in Ägypten, Ben Ali in Tunesien) zirkulierten Auslandsgelder im round-trip: Ein erklecklicher Anteil wanderte dann aber auf die Privatkonten seiner Günstlinge . Vorbei. Abdel Hafis Nofal, die Nummer zwei im Wirtschaftsministerium, hält das nicht für Augenwischerei. "Unsere Finanzen werden von Weltbank und IWF kontrolliert, direkt. Deren Experten sitzen hier in Ramallah, unter uns." Die Tugend sei ihr eigener Lohn, fügt er hinzu. "2007 haben wir bei den Geberländern 5,5 Milliarden Dollar beantragt; gekriegt haben wir 7,5."

Diese Gelder sowie vor allem der Häuserbau reicher Auslandspalästinenser haben das rasante Wachstum genährt – allerdings kein autonomes. Etwa die Hälfte des Haushalts – um die 1,5 Milliarden Dollar – kommt von der internationalen Gemeinschaft. So entstehen schicke Cafés wie das Zamn, wo es so hip zugeht wie im Silicon Valley. Aber eine exportorientierte Hightech-Wirtschaft wie ein paar Kilometer weiter in Israel? Hier endet der Traum vom lebensfähigen Proto-Staat, und daran sind nicht allein die Palästinenser schuld.

Sie haben zwar nicht viel, was sie an die umliegenden Araber-Staaten verkaufen könnten; die produzieren Möbel und Gemüse selber. Aber selbst wenn sie könnten, müsste der Handel über Israel abgewickelt werden. Schlimmer: Palästina ist ein Entwicklungsland, das an den reichen, hoch produktiven Nachbarn gekettet ist und so auch an dessen Kostenniveau. Der Planungsminister: "Was bei uns zwei Schekel kostet, ist in Jordanien halb so teuer." Überdies wisse sich Israel mit den auch im Westen üblichen Methoden zu schützen, etwa durch Nichtzulassung von Pharmaprodukten – selbstverständlich nur zum Verbraucherschutz. Marktöffnung im eigenen Interesse? So weit denkt die Regierung Netanjahu nicht.

Ein junger Mann aus dem amtlichen Medien-Zentrum, nennen wir ihn Salah, drückt es noch deutlicher aus: "70 Prozent der Einnahmen der Palästinenserbehörde (PA) werden von Israel kontrolliert. Wenn Israel die Zolleinnahmen zurückhält, bricht dieser Staat zusammen." Er schätze Fajad, aber der sei "nur eine Einzelfigur". Langsam redet sich Salah in Rage – über all die "alten Gesichter" in der Herrschaftsclique der Fatah, die Fajad nicht loswerden könne. Und über die Potjemkinschen Fassaden: "In meinem Dorf gibt es jetzt sechs Schulen, aber drei stehen leer." Sein Lieblingswort, wenn er über die PA redet, ist "bullshit". – "Die PA macht es den Besatzern doch nur leichter." Aber das, wirft der Gast ein, beruhe auf Gegenseitigkeit: Ohne die israelische Armee gäbe es Fajad und Machmud Abbas nicht. Deshalb ließen sie auch nicht wählen.

Egal, kontert Salah: "Die Israelis können der PA in drei Sekunden sagen: Ihr seid kein Staat, ihr habt keine Macht." Er glaube auch nicht an die UN-Generalversammlung, wo Fajad im Herbst die Anerkennung erzwingen will. "Bullshit" auch das. Und was würden er und seine Proto-Partei tun, die "Jungen Unabhängigen"? Salah träumt vom gewaltlosen Krieg: "Wir werden mit 100.000 vor Pisgat Ze’ev, der israelischen Siedlung nebenan, aufmarschieren und mit entblößter Brust brüllen: ›Schießt doch – oder verschwindet!‹"