Wer durch Nassau County fährt, sieht wenig von der Krise. Der Bezirk, 30 Kilometer vor New York, war einst das Rückzugsgebiet der Finanziers und Großindustriellen. Die Vanderbilts, Woolworths und Morgans erholten sich hier von den Strapazen des Geldscheffelns. Durch die frisch begrünten Parkbäume sieht man, entfernt, die Dächer ihrer großen Anwesen.

Bis heute zieht es Wohlhabende hierher. Die Gegend hat mehrere Jachthäfen und 37 Golfplätze und ein halbes Dutzend exklusiver Country Clubs. »Es ist das Paradies«, schwärmt Elaine Del Valle, eine Schauspielerin, die hier mit ihrem Mann, einem Versicherungsmanager, und ihren zwei Kindern lebt. Das mittlere Haushaltseinkommen der 1,3 Millionen Einwohner beträgt 94.000 Dollar im Jahr – mehr als dreimal so viel wie der nationale Durchschnitt.

Doch Nassau County ist pleite. Genauer, die öffentliche Verwaltung von Nassau County ist pleite. Im Januar hat der Bundesstaat New York ein Insolvenzgremium eingesetzt. Die Rating-Agenturen haben die Kommunalobligationen abgewertet und auf die Liste »Ausblick negativ« gesetzt.

Wie konnte es dazu kommen, dass in einem Winkel, in dem so viele so Wohlhabende wohnen, für die Gemeinschaft nicht genug übrig ist? Das ist die große Frage in Nassau County.

Es ist auch die große Frage der USA insgesamt. Noch immer sind die Vereinigten Staaten eines der reichsten Länder der Welt, Heimat der meisten Milliardäre und der größten Konzerne. Gleichzeitig kämpft die Bundesregierung in Washington mit einem Rekordhaushaltsdefizit, und die Staatsverschuldung liegt fast schon auf gleicher Höhe wie das Bruttoinlandsprodukt. Behörden sparen, Investitionen werden verschoben, die Infrastruktur zerfällt.

Das Land scheint unfähig, sich auf einen Weg aus dieser schweren Krise zu einigen. Seit Monaten liefern sich Politiker in Washington und den einzelnen Bundesstaaten, TV-Kommentatoren und Bürger heftige Wortgefechte über Einschnitte und neue Steuern und darüber, wer schuld sei an dem Debakel. Die Quintessenz lautet ungefähr: Niemand will zahlen, niemand verzichten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten steckt fest im Reformstau. Nassau County auch. Egal, wohin man geht, zum Little League Game am Samstagvormittag, bei dem die Eltern ihre Sprösslinge beim Baseball anfeuern, oder zum Bürgertreff im Gemeindezentrum: Die Leute reden über Steuern . Die Steuern sind zu hoch. Die Steuern sind ungerecht. Das hört man als Erstes, wenn man sich über die Wirtschaftskrise und die soziale Schieflage im Lande unterhalten will.

Die Sache mit den Steuern ist hier in Nassau County auch der Grund für den Erfolg des Republikaners Ed Mangano. Mangano ist der Chef der Kommunalverwaltung, er bekam sein Amt im vergangenen Jahr durch einen Überraschungswahlsieg gegen einen Demokraten, der seit sieben Jahren das Amt innehatte. Manganos Wahlbotschaft war simpel: keine Steuererhöhungen. Und als erste Amtshandlung machte er eine neue Energieabgabe für Hausbesitzer rückgängig.

Auf wirtschaftliche Effizienz hat man nie geachtet

Mangano war damals im Wahlkampf maßgeblich durch die Tea Party unterstützt worden, jene politische Bewegung, die in den vergangenen Jahren entstand und in ganz Amerika für konservativ-libertäre Ziele eintritt: eine Verkleinerung des Staates und, jawohl, Steuersenkungen. Der Haushalt war aber ohnehin schon angespannt, Manganos Steuergeschenk riss erst recht eine Lücke, und so kam es schließlich zu Pleite und Zwangsverwaltung. Jetzt zögert der Tea-Party-Sieger erst mal mit weiteren großen Sparplänen.

Die Aufregung über die hohen Steuern ist nicht ganz unberechtigt in Nassau County. Die Steuern, die Amerikaner an den Bund und die jeweiligen Bundesstaaten abgeben, sind im internationalen Vergleich mäßig, aber auf lokaler Ebene – in vielen Städten oder Landkreisen – explodieren die Abgaben seit einigen Jahren. Nassau County erhebt im US-Vergleich die höchsten Abgaben überhaupt, und das hat viel mit kommunaler Misswirtschaft zu tun. Auf wirtschaftliche Effizienz hat man hier in der Verwaltung nie sonderlich geachtet. Polizisten – wichtig für die öffentliche Ordnung in einem Reichenbezirk! – nehmen nach acht Jahren im Dienst schon über 100.000 Dollar Jahresgehalt mit nach Hause. Und während die Stadt New York nur einen einzigen Schulbezirk hat, unterhält das County über 50 – jeder mit eigenem Schulrat, eigenen Bezirksdirektoren und Stellvertretern (allein zwei der Nassauer Bezirksdirektoren verdienen über 350.000 Dollar im Jahr).

Warum man das nicht reformieren kann? Besonders die betuchten Bewohner schätzten die kleinen Bezirke, lästert ein Kritiker, denn so werde der Einfluss der Eltern auf die Schulen größer. »Das ist so gut wie eine Privatschule, nur dass alle anderen mitbezahlen.«

Die hohen Steuern und Abgaben in Nassau County sind der einflussreichsten Gruppe hier vergleichsweise egal: den Reichen. Als kürzlich bei einer Schulversammlung das Thema der steigenden Steuerbelastung aufkam, meldete sich eine Anwesende zu Wort und erklärte, dass man doch besser woanders hinziehen solle, wenn man sich die Steuern hier nicht mehr leisten könne.

Es gibt aber eben nicht nur Reiche in Nassau County. Es gibt auch Normalverdiener, und einer von ihnen ist Marshall Myers, seit Jahren Immobilienmakler in dem Städtchen Westberry. Myers hat im Prinzip nicht einmal etwas dagegen, Steuern zu zahlen. Er ist aber erbost darüber, dass so viel davon in schwarzen Löchern verschwindet: »Wir kriegen immer weniger dafür«, klagt er. »Haben Sie die Schlaglöcher bemerkt? Und wie marode die Brücken sind?«

In Myers Augen ist das nicht nur ein Problem der Kommunalverwaltung von Nassau County – sondern ein amerikanisches Problem. Die gleiche Art von Misswirtschaft sieht er überall. Was sei bloß aus den Schulen und Universitäten des Landes geworden, was aus der Gesundheitsversorgung? Wer ein Kind in die Ausbildung steckt, für den addieren sich im Jahr die Kosten für Studiengebühren, Unterkunft und Verpflegung schnell auf 30.000 Dollar – viele Berufsanfänger starten mit einem Berg abzutragender Kredite. »Warum haben wir für unsere Kinder keine freie Hochschulausbildung oder eine bezahlbare Krankenversicherung?«, fragt Myers. Seine Tochter studiert derzeit in Großbritannien. »Dort konnte sie sich nach einem halben Jahr krankenversichern – ohne Beiträge zu zahlen«, sagt Myers. Das wirkt wie ein Paradies: Eine durchschnittliche US-Familie muss 13.000 Dollar jährlich an Beiträgen für den Gesundheitsschutz aufbringen.

Unfair abkassiert findet sich Rafael Diaz, der keine zehn Kilometer weiter wohnt. Diaz, jüngstes von acht Geschwistern, kam vor 20 Jahren aus der Dominikanischen Republik in die USA. In der Heimat hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert, doch in den USA wurden seine Abschlüsse nicht anerkannt. Sein Englisch war mangelhaft, so fing er in einem Supermarkt in einem New Yorker Arbeiterviertel an. Heute ist er mit einem Vertrieb von lateinamerikanischen Spezialitäten selbstständig.

Allein 7.000 Dollar an Grundeigentumsteuer

»Ich wollte, dass die Kinder nicht in der Innenstadt aufwachsen, ich wollte eine Zukunft für sie«, sagt er. Sein Ziel war ehrgeizig: Die grünen Vororte von Nassau County. Vor sechs Jahren hatte er genügend Geld zusammen. Er und seine Frau Ada kauften für 350.000 Dollar eines jener weißen flachen Einfamilienhäuser, die Bauunternehmer als ranch style anpreisen, komplett mit Doppelgarage und kurz geschorenem Rasen davor.

Der 48-Jährige sitzt auf seinem Biedermeiersofa im gut bürgerlich eingerichteten Wohnzimmer und sagt: »Ich bin in eine Falle geraten.« Diaz zahlt im Jahr allein 7.000 Dollar an Grundeigentumsteuer, rund 4.000 Dollar davon sind für das öffentliche Schulsystem der County. Doch dann stellte sich heraus, dass die Schule, auf die sein achtjähriger Sohn Alex gehen sollte, keinen guten Ruf hatte. »Zu viele Kinder aus benachteiligten Familien, viele Immigranten, die nicht ins System einzahlen.« So entschlossen sich die Diaz’, noch einmal 4.000 Dollar im Jahr für eine katholische Privatschule hinzublättern. »Noch können wir alle Rechnungen zahlen«, sagt Diaz, dessen Geschäfte nach wie vor unter der Rezession leiden. »Noch.«

Diaz steht gefährlich nahe am Graben, der durch Amerika geht . Es ist ein wirtschaftlicher Graben – und einer der politischen Ansichten. Das Land teilt sich zunehmend in die Gewinner und Verlierer eines langfristigen Strukturwandels auf: Industriejobs verschwinden, traditionelle Mittelschichten geraten unter Druck, eine Einkommenselite aus den Bereichen Informationstechnologie und Finanzen steigt auf und bleibt oben. Und: Wer schon immer viel Geld hatte, konnte es am Kapitalmarkt in Amerika trotz Krise vervielfachen.

Emmanuel Saez, Wirtschaftsprofessor an der Berkeley University in Kalifornien, findet die Entwicklung dramatisch: Nach seinen Berechnungen flossen in den siebziger Jahren zehn Prozent des nationalen Einkommens an das eine Prozent Amerikaner, das ganz oben an der Spitze der Einkommenspyramide steht. Heute sind es mehr als doppelt so viel – der höchste Wert seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren. Die Entwicklung treibt Reich und Arm auseinander: Das Einkommen der Amerikaner, die über 380.000 Dollar verdienen, hat sich seit Ende der achtziger Jahre um 33 Prozent gesteigert. Bei den Angestellten und Arbeitern gab es eine umgekehrte Entwicklung: Von einem durchschnittlichen Lohneinkommen von 33.400 sank es auf 33.000 Dollar.

Doch erst seit die Finanzkrise die USA 2008 in eine tiefe Wirtschaftskrise stieß, werden diese Spannungen zur Zerreißprobe. Zuvor erlebte auch die Mittelschicht die Amerikaner einen Boom – auf Kredit. Sie kaufte zu großen Teilen größere Häuser und Autos und fuhr in die Karibik. Städte und Gemeinden stopften ihre Säckel mit dem Schuldengeld aus immer neuen Anleihen, was vorübergehend auch den Druck nahm, die kommunalen Steuern noch weiter zu erhöhen. Möglich war das dank der Niedrigzinspolitik des Chefnotenbankers Alan Greenspan, der den Aufschwung mit allen Mitteln am Leben erhielt. Nun aber tritt die ökonomische Spaltung offen zutage – und mit ihr eine Haltung, die man in Amerika eigentlich gar nicht kennt, die man aber auch kaum anders bezeichnen kann: Klassenkampf.

Nassau County, Gemeinde Manhassett. Die Parkplätze an der Luxus-Shoppingmeile Americana sind gut belegt. BMW, Mercedes, dazwischen blitzt der Jaguar von der Kühlerhaube. Eine Blondine stöckelt auf Louboutin-Stilettos am Schaufenster von Prada vorbei, den frisch gestylten Spitz an der Leine. Zwei Damen in Designerschwarz sitzen im italienischen Café. Was halten sie von der finanziellen Krise ihrer County? »Ich wusste davon gar nichts«, ist die spontane Antwort der einen. »Ich mache mir, ehrlich gesagt, mehr Gedanken, was ich am Samstagabend tragen soll.« Und setzt mit einem Lachen hinzu: »Das schreiben Sie bitte nicht, sonst denken die Leute, wie frivol diese Ladys von Nassau County sind!«

Wenn Bill Signorile solche Geschichten hört, geht er auf die Palme. Die Signoriles leben schon lange hier, viele dienten beim Militär. Bill ist alleinerziehender Vater zweier Teenager und pensionierter Feuerwehrmann. Er war bei den Rettungseinsätzen nach den Terroranschlägen des 11. September dabei. »Das Viertel hier war Mittelschicht – Handwerker, Polizisten, Lehrer.« Signorile berichtet von seinem Nachbarn, einem arbeitslosen Installateur, der Angst vor der Zwangsversteigerung hat. Wer seine Steuer schuldig bleibt, dem droht der Sheriff mit Beschlagnahmung. »Wir waren mal das Rückgrat Amerikas, jetzt werden wir kaputt gemacht.« Signorile ist sogar davon überzeugt, dass sich die sozialen Spannungen bald entladen: »Es wird eine Revolution geben!«

Klassenkampf in Amerika

Klassenkampf in Amerika ist eine ungewohnte Vorstellung, weil sich das Land – im Gegensatz etwa zu europäischen Wohlfahrtsstaaten – gar nicht als Solidargemeinschaft begreift. Die Mehrheit der Amerikaner wollte das auch nie, sagt Peter Lindert, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Davis in Kalifornien. »Das ist die Kehrseite unserer kulturellen und ethnischen Vielfalt, die uns in anderer Hinsicht viele Vorteile beschert«, sagt der Professor. Ob reich oder arm, ob schwarz, weiß oder Latino – niemand will für eine Gruppe mitbezahlen, zu der er nicht gehört.

Und was soll Ronald Stack jetzt machen? Der Mann hat die unangenehme Aufgabe, eine Lösung für Nassau County zu finden soll. Stack gehört zum Zwangsverwaltungskomitee. Ohne brutale Einschnitte gebe es keine Lösung, sagt Stack: »Es wird furchtbar werden, bevor es besser wird.« Ronald Stack wird in Nassau County die Rolle des Staates verkleinern – für den ja ohnehin kaum jemand bezahlen will.

Stack hat Erfahrung. Er gehörte zu den Krisenmanagern, die die Stadt New York in den siebziger Jahren vor dem Zusammenbruch bewahrten. Doch die Opfer waren enorm. »Wir haben 40.000 öffentliche Angestellte gefeuert, 15.000 Polizisten – die Kriminalität stieg, es gab kein Geld für Schulen oder Straßen.« New York sei zeitweise die Hölle gewesen. »Aber die Bürger haben das mitgetragen. Sie wussten, dass die Schlachterei notwendig war, und haben die verantwortlichen Politiker später wiedergewählt.«

Abstiegsängste, Revolutionsfantasien, brutale Einschnitte – es klingt nach einer Endzeit für den Amerikanischen Traum. Doch wie man Hindernisse überwindet, weiß Elaine Del Valle aus eigener Anschauung. Bevor sie in ihr Naussau-County-Vorstadtparadies kam, lebte sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern von Sozialhilfe in Brownsville, einem der gefährlichsten Viertel New Yorks. Es war ein weiter Weg. Heute schreibt sie Theaterstücke und produziert ihre eigene Broadway-Show. Elaine gehört heute zu den Reichen.

»Hier stellen wir die Station mit den Getränken auf – und da können die Teilnehmer sich hinsetzen.« Del Valle organisiert seit einer Dekade jährlich eine Radtour zugunsten des Zentrums für autistische Kinder. »Obwohl ich nicht mal Rad fahren kann!« Bis vor zehn Jahren kannte sie auch niemanden mit Autismus, auf das Thema stieß sie zufällig. Als sie erfuhr, dass die Schule neue Räumlichkeiten benötigte und die staatlichen Zuschüsse dafür nicht ausreichten, schaffte sie die notwendigen Spenden heran: Böden vom Baumarkt, Heizungs- und Klimaanlagen von Bauunternehmern, sogar einen ganzen Spielplatz.

Es gibt Leute, die halten solche freiwilligen Aktionen für die einzige Lösung der amerikanischen Probleme: Sollen die Reichen doch reicher werden – solange sie sich wohltätig oder als Stifter aufführen. »Wir haben schließlich eine Geschichte, bei der es darum geht, dass man die Dinge selbst in die Hand nimmt«, sagt Jerry Hirsch, Gründer der Lodestar-Stiftung, die den rapiden Ausbau des Stiftungswesens in Amerika fördern will. »Die Bürger einer Stadt tun sich hier eher bei einem sozialen Problem zusammen und helfen sich selbst, statt auf eine Regierung zu warten.«

Und wer macht mit? Elaine Del Valle räumt zwar ein, viele ihrer Nachbarn seien leider Snobs. Aber sie hat gelernt, sie für ihre Projekte zu motivieren. »Man muss den Leuten klarmachen, was man von ihnen will und warum.« Dass es darauf ankomme, selbst mit anzupacken und nicht immer nach dem Staat zu rufen. Das sei die wahre Stärke Amerikas. Sie deutet auf den verwilderten Garten der Villa. »Ich brauche nur genügend Freiwillige und einen Sonntag. Dann wird das ein wunderschöner Park.«

Es gibt also Hoffnung für Nassau County. Mehr jedenfalls als für das ganze Land.