DIE ZEIT: Herr Wette, als im Dezember 1955 die letzten deutschen Gefangenen aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrten, leisteten sie im Durchgangslager Friedland einen Eid »vor dem deutschen Volk«: Sie hätten sich im Feldzug gegen die Sowjetunion strikt an die internationalen Regeln des Krieges gehalten.

Wolfram Wette: Ein kollektiver Meineid! Und absolut typisch für die Zeit. Die Verbrechen der NS-Jahre wurden generell beschwiegen oder verleugnet. Im Falle des Ostfeldzugs aber kam noch etwas hinzu: Der Antibolschewismus der Nazizeit lebte im Antikommunismus des beginnenden Kalten Krieges fort. Der Krieg gegen die Sowjetunion konnte dadurch auch rückblickend noch als legitim erscheinen. Die Leute, die unter Adenauer gegen alles Kommunistische hetzten, waren dabei mitunter dieselben, die unter Hitler antibolschewistische Propaganda betrieben hatten.

ZEIT: Und nach wie vor hieß es: Die Russen kommen!

Wette: Ja, das war die Angstfantasie der Westdeutschen – eine klassische Projektion: Das, was die Deutschen den Russen angetan haben – sie zu überfallen, das Land zu erobern, es auszubeuten, zu zerstören und die Menschen zu ermorden und zu versklaven –, das, fürchtete man, könnten nun auch die Russen mit den Deutschen machen. Darin schwang mit, was man selbst angerichtet hatte und worüber man lieber nicht offen sprach.

ZEIT: Wurde über den Krieg denn nur geschwiegen?

Wette: Nein, überhaupt nicht. Es ist nach 1945 unendlich viel über den Ostkrieg gesprochen und geschrieben worden. Generäle schrieben ihre Memoiren. Offiziere verfassten reihenweise Landserhefte. Oder denken Sie an die Bücher des Goebbels-Manns Paul Karl Schmidt, der sich später Paul Carell nannte: Die standen in jedem Bücherschrank. Da wurde dann der Kampf um Stalingrad als großes Drama geschildert. Auch das Scheitern der Wehrmacht vor Moskau wurde viel beschrieben – als Triumph des russischen Winters über die tapferen deutschen Soldaten. Was den Russlandfeldzug wirklich ausgemacht hat, dass er ein Krieg war, in dem die Deutschen mit allen geltenden Konventionen gebrochen hatten, davon war nirgends etwas zu lesen.

ZEIT: Und die Kriegsursachen – wurde über die diskutiert?

Wette: Es wurde die alte NS-Lüge verbreitet, man wäre Stalin nur zuvorgekommen, die Deutschen hätten sich präventiv gegen die bolschewistische Aggression verteidigt. Die Gesellschaft der fünfziger Jahre bewegte sich da noch immer im Schatten der Nazipropaganda.

ZEIT: Als 1955 die Bundeswehr gegründet wurde, wollte man einen Trennstrich zur Wehrmacht ziehen. Ist das gelungen?

Wette: Kaum. Adenauer hat einmal scherzhaft gesagt: Ja, soll ich denn die Bundeswehr mit lauter Leutnants aufbauen? Ich muss doch auf die alten Generäle zurückgreifen. Und das tat er dann. Beispielhaft zeigt das der Fall Adolf Heusinger. Von 1941 bis 1945 stand Heusinger neben Hitler am Kartentisch und hat den Ostkrieg maßgeblich mitgeplant und -geführt. Dieser Mann wurde in den fünfziger Jahren Generalinspekteur der Bundeswehr.

"Der Widerstand gegen die Wahrheit war gewaltig"

ZEIT: In welcher Weise prägten Männer wie Heusinger die Erinnerungskultur der Armee?

Wette: Zum Beispiel – das klingt jetzt ein bisschen kurios – indem sie verhinderten, dass sich die Soldaten bestimmte Fernsehdokumentationen ansahen. Da wurde schnell mal ein Exerzieren oder eine Nachtübung angesetzt, damit die Rekruten nicht vor dem Fernseher saßen. So etwas geschah bis in die achtziger Jahre hinein! 1981 lief in der ARD die amerikanisch-sowjetische Serie Der unvergessene Krieg. Gegen die Ausstrahlung gab es eine unglaubliche Kampagne. In erbosten Briefen empfahlen ehemalige Offiziere dem damaligen WDR-Intendanten Heinz Werner Hübner, der die Serie eingekauft hatte, sich umzubringen. Einen ähnlichen Aufruhr hatte drei Jahre zuvor das Buch Keine Kameraden des Historikers Christian Streit erregt, in dem geschildert wird, dass mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Gefangenschaft elendig umgekommen sind.

ZEIT: Eine beliebte Geschichtsdeutung besagt, erst die Achtundsechziger hätten das Schweigen über die NS-Zeit gebrochen. Haben sie auch den Umgang mit der Erinnerung an den Ostfeldzug verändert?

Wette: Die ersten ernsthaften Bücher über die Wehrmacht – und damit auch über den Krieg im Osten – von Manfred Messerschmidt und Klaus-Jürgen Müller erschienen in der Tat 1969. Die Autoren waren aber keine Achtundsechziger. Die Achtundsechziger interessierten sich nicht besonders für Geschichte, sondern eher für abstrakte Faschismustheorien. Die offensichtlichen Lügen der Väter haben sie allerdings aufgeregt. Dadurch kam auch Schwung in die Forschung.

ZEIT: Welche Bedeutung hatte das Jahr 1989 für den Erinnerungsprozess?

Wette: Der Blick zurück entideologisierte sich, im Westen wie im Osten. Wir Historiker bekamen Zugang zu vielen neuen Quellen, und der Austausch mit den russischen Kollegen wurde intensiver. Damals begann eine sehr ertragreiche Kooperation, die auch zur Versöhnung beigetragen hat.

ZEIT: Leitete die Wehrmachtausstellung 1995 dann eine neue Phase der Auseinandersetzung ein?

Wette: Neu war da eigentlich nichts. Aber die eine Sache ist, was Historiker herausfinden, und die andere, welches Wissen in der Gesellschaft akzeptiert wird und sich durchsetzt. Die Ausstellung sorgte mit Verve dafür, dass eine breite Öffentlichkeit die kritische NS-Forschung zur Wehrmacht endlich zur Kenntnis nahm.

ZEIT: Wieso konnte sich die Legende von der sauberen Wehrmacht so lange halten?

Wette: Mehr als 18 Millionen Menschen haben diese Armee durchlaufen, der Großteil von ihnen hat den Ostfeldzug mitgemacht. Damit waren so gut wie alle deutschen Familien von dieser Geschichte betroffen. Und was in den Familien geschieht, ist oft entscheidend für die kollektive Erinnerung. Über Jahre und Jahrzehnte wurde beschwiegen, beschönigt und geleugnet. Der Widerstand gegen die Wahrheit war gewaltig.

ZEIT: Haben Sie diesen Widerstand auch selbst zu spüren bekommen? 1984 veröffentlichten Sie und Ihr Kollege Gerd Ueberschär ein Buch unter dem Titel Unternehmen Barbarossa, das die heute so genannten verbrecherischen Befehle erstmals vollständig dokumentierte und zeigte, mit welch mörderischen Absichten der Krieg begonnen wurde.

Wette: Ja, dieses Buch war sehr umstritten! Und als Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg habe ich seit den siebziger Jahren erlebt, wie jeder noch so kleine Erkenntnisfortschritt heftig attackiert wurde. Viele wollten einfach nicht wahrhaben, dass es etwa den Kommissarbefehl gab, der den Mord an kriegsgefangenen Politoffizieren der Roten Armee anordnete, und dass dieser verbrecherische Befehl auch ausgeführt wurde. Viele wollten nicht wahrhaben, dass die Deutschen Abertausende Dörfer und Städte in Schutt und Asche gelegt haben. Dass sie drei Millionen sowjetische Juden umgebracht haben und 30 Millionen Menschen verhungern lassen wollten. Vergessen Sie nicht, dass auch in meinem Amt ehemalige Offiziere der Wehrmacht als Historiker beschäftigt waren, und was die sagten, können Sie sich denken: Nur wer dabei war, kann mitreden.

ZEIT: Eine andere Institution, die maßgeblich an den Verbrechen dieses Krieges beteiligt war, hat erst jetzt ihre Geschichte öffentlich aufgearbeitet – die Polizei. Derzeit ist eine Ausstellung dazu in Berlin zu sehen.

Wette: Auch so ein Fall. Lange Zeit hieß es, die Polizei sei ausschließlich im Inneren tätig gewesen. Vielen ist bis heute nicht klar, dass es zahlreiche Polizeibataillone gegeben hat, die im Ostfeldzug systematisch gemordet haben. Insofern wundert es mich nicht, wie lange es gedauert hat, bis jetzt die Wahrheit ausgestellt wird.

ZEIT: Ist eigentlich jemals auch nur ein einziger Wehrmachtoffizier von einem deutschen Gericht für Verbrechen an der Ostfront verurteilt worden?

Wette: Ein einziger, ja, und zwar im vergangenen Jahr, ein Leutnant namens Josef Scheungraber; allerdings hat er nicht in der Sowjetunion gemordet, sondern in Italien. Ein Münchner Gericht hat ihn zu lebenslanger Haft verurteilt, der Mann ist über neunzig Jahre alt. Ansonsten ist eine justizielle Aufarbeitung all dieser Verbrechen ausgeblieben. Es wurde nicht mal ermittelt. Das lag einerseits am mangelnden Aufklärungswillen der Gesellschaft, andererseits an der Konzeption der 1959 gegründeten Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg. Sie sollte Prozesse gegen NS-Verbrecher einleiten. Kriegsverbrechen aber fielen nach damaliger Definition nicht in die Kategorie NS-Verbrechen. Also hat sich niemand darum gekümmert.

ZEIT: Hat die Erinnerung an den Krieg gegen die Sowjetunion heute einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen?

Wette: Empirisch belegen lässt sich das nicht. Eines aber lässt sich mit Sicherheit sagen: Die deutsche Schuld an diesem Vernichtungskrieg zu leugnen, dem rund 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer fielen, ist heute nicht mehr möglich, ohne sich zu diskreditieren. Wir wissen alle, was damals geschehen ist, und werden es hoffentlich nie vergessen.