Christoph Schlingensief hat den Goldenen Löwen nun wirklich nicht verdient. Er hat es nicht verdient, dass ihn alle mit einem Mal ganz furchtbar liebhaben wollen, dass sie ihn heimholen ins museale Reich des Kanonisierten. Er hat es nicht verdient, dass seine Werke im deutschen Pavillon der großen Venedig-Biennale derart gravitätisch dargeboten werden, als wäre er nicht auch ein grandioser Meister des Absurden gewesen. Lebte er noch hier auf Erden und wäre nicht vor neun Monaten an Krebs gestorben , hätte er den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon vermutlich nicht bekommen. Und falls doch, hätte er es sich nicht nehmen lassen, seine vielen neuen rührseligen Fans lauthals zu brüskieren. "Tötet Berlusconi!", hätte er vielleicht gerufen, so wie er einst "Tötet Helmut Kohl!" rief. Vielleicht hätte er auch einfach den goldigen Löwen eingeschmolzen und einen schrundigen Beuys-Hasen daraus geformt.

Jedenfalls wäre es nicht so handzahm und betroffenheitslieb zugegangen wie jetzt bei der Eröffnung dieser Großausstellung. Schlingensief hätte der Biennale seinen Unmut entgegengeschleudert. Viel zu beflissen wäre ihm das alles gewesen, zu lau, zu selbstgenügsam! Und wir wären ihm dankbar gewesen für sein Aufbegehren.

Größer als heute ist die Biennale nie gewesen, vielfältiger auch nicht – und doch wirkt die Ausstellung schwer ermattet. Während rund um den Globus die Verhältnisse ins Wanken geraten und sich binnen weniger Monate mehr verändert als sonst in einem Jahrzehnt, weicht die Kunstszene zurück in die Windstille. Nach euphorischen Jahren des Booms und kurzen Jahren der Krise scheint nunmehr vieles auf Gleichmaß gestimmt. Bloß keine Aufregung mehr und keine Empörung: Soll die Welt ruhig rotieren, die Kunst hält sich bedeckt und freut sich am Vertrauten.

Ungewöhnlich viele Werke aus den guten vergangenen Zeiten sind auf dieser Biennale zu sehen, manche der Künstler sind bereits verstorben, andere wiederholen, was sie längst anderswo zeigten. Auch die Entscheidung, nun Schlingensief zu ehren, scheint in die nostalgische Grundstimmung zu passen. Wer will, kann die Ehrung aber auch als eine Art Weckruf verstehen: Ihr Künstler, macht endlich Schluss mit den coolen Spielchen, mit der ewigen Selbstbespiegelung! Begeistert euch, kehrt das Innerste nach außen, macht es wie Schlingensief!

Dass es nicht schaden könnte, einmal kräftig durchzulüften, hatte wohl auch Bice Curriger geahnt, die aus der Schweiz stammende Leiterin der Biennale. Zwar ist es nichts Besonderes mehr, in einer Ausstellung mit Gegenwartskunst auch einige Altmeister aufzunehmen. Und doch erscheint Currigers Geste durchaus verwegen: Im zentralen Saal des zentralen Pavillons zeigt sie drei Werke Tintorettos, machtvoll drängende Bilder der Spätrenaissance, die in den Augen vieler vom großen Wandel erzählen, vom ästhetischen Aufruhr, vom Bruch mit den damals gültigen Malregeln. Tintoretto, der Rebell – in dieser Rolle hat Curriger ihn geladen. Und hofft, dass die Unruhe seiner Bilder alle Biennale-Räume unter Spannung setzen und die Kunst der Gegenwart beleben möge.

Dringend sollte irgendein Sammler den ganzen Plunder kaufen, wie besehen

Doch anders als vor zwei Jahren, als dem Kurator Daniel Birnbaum eine ungemein anspielungsreiche Erzählung gelang, gerät Currigers Ausstellung zur bloßen Ansammlung. Redlich bis zur Langeweile stellt sie die großen neben die weniger großen Namen, ohne dass aus diesem Neben- ein Mit- oder Gegeneinander würde. Hier herrscht, so scheint’s, die absolute Freiheit: Alles ist möglich, und jeder macht, was er möchte, unbehelligt von Konventionen und Kuratoren. Dann betritt man den italienischen Pavillon – und alle Eindrücke kehren sich ins Gegenteil.

Was eben noch museale Ordnung war, verwandelt sich in undurchschaubares Durcheinander: Bis hoch zur Decke drängen sich die Bilder, Collagen und Fotografien, überall stehen Skulpturen und Installationen, und seltsame Hängegitter mit noch mehr Bildern durchziehen die Hallen. Die Lage wird auch dadurch nicht besser, dass viele der Werke direkt dem nächsten Kunstkaufhaus zu entstammen scheinen: ein Schlafzimmer im Morgenlicht mit sanft gebauschten Vorhängen; ein Mädchen am Brunnen, das sich die Hände wäscht; dazu jede Menge milde Hügellandschaften. Und selbst dort, wo es abstrakter wird, wo auf der Leinwand wüste Pinselschwünge toben, liegt stets ein gütiger Schmelz über den Bildern.