Ratlos streift man durch das wirre Arrangement, abgestoßen von all dem Plunder, rätselnd, wer das wohl verbrochen hat – und ob es schon jemanden gibt, der das Ganze wie besehen kauft und bei sich ausstellt, sobald die Biennale vorbei ist. Denn bewahren sollte man die krude Installation, möglichst unverändert, in ihrer ganzen Plunderhaftigkeit.

Natürlich verstehe ich die Kritiker, Sammler und Galeristen, die sich entsetzt abwenden und das Kunstgemuddel am liebsten im nächsten Hafenbecken versenkten. Und doch scheint mir dieser Pavillon als Einziger die postulierten Tintoretto-Kriterien zu erfüllen: Er bricht mit den Erwartungen, derangiert die schöne klassische Ordnung und sprengt den allgemein akzeptierten Kunstkonsens. Eine geglückte Provokation, im Grunde die einzige dieser Biennale.

Interessant ist hier nicht das einzelne Kunstwerk oder die überbordende Präsentation, interessant ist die Ausweitung des Kunstbegriffs, von dem man doch immer meinte, er sei bereits bis zur völligen Schlabbrigkeit geweitet. Hier wird für Biennale-tauglich erklärt, was sonst allenfalls die Schwelle zum Postershop überwindet. Und so ist die allgemeine Irritation über den italienischen Pavillon kaum verwunderlich; anderseits aber höchst seltsam, wird doch sonst von vielen Gegenwartskünstlern noch der letzte Trash und Kitsch und jeder erdenkliche Alltagsbildermüll zur Kunst erhoben und gern als camp gefeiert. Warum dann hier nicht? Was unterscheidet die eine Billigkunst von der anderen?

Wäre ein gewiefter Theoretiker und Gelegenheitskurator wie Boris Groys für diesen Pavillon verantwortlich, hätten vermutlich viele in der Kunstszene süffisant gelächelt, hätten die ästhetische Denkübung gelobt und das nackte Starlet auf dem Plastikthron, ausgedacht von Gaetano Pesce, als subtile Anspielung auf Jeff Koons verstanden. Doch der Kurator heißt Vittorio Sgarbi , ein in Italien beliebter Talkshow-Polemiker, eng verbandelt mit Berlusconi, unter dem er einige Zeit Kulturstaatssekretär war. Sgarbis Kampf auf dieser Biennale gilt einem System, das er Kunstmafia nennt und in dem stets dieselben Kuratoren die immer gleichen Künstler auswählten. Dass sich diese Kuratoren und Künstler nun angewidert zeigen, auch wenn sie keineswegs eine Mafia bilden und auch Schutzgeldzahlungen in Galerien eher selten vorkommen, ist durchaus verständlich. Vor allem Sgarbis populistische Absichten mit völkischem Einschlag, sein offenkundiger Hass auf die Moderne, lassen alle Sympathien für den Pavillon rasch verblassen. Dennoch lohnt es sich, einen Moment lang innezuhalten und sich zu wundern.

Weicht Sgarbi tatsächlich so weit ab von den Üblichkeiten des Kunstbetriebs? Im Prinzip folgte er einer durchaus verbreiteten kuratorischen Methode: Er teilte seine Macht und beauftragte viele kleine Unterkuratoren. 260 Männer (und einige Frauen) aus dem intellektuellen Milieu Italiens wurden gebeten, einen Künstler für den Biennale-Pavillon vorzuschlagen. Viele Freunde und Bekannte Sgarbis finden sich auf dieser Liste, daneben aber auch bekannte Philosophen, Schriftsteller und Regisseure, die nichts mit Berlusconi im Sinn haben. Tahar Ben Jelloun, Riccardo Muti, Dario Fo oder Bernardo Bertolucci, sie alle treten als Paten eines Künstlers auf – und offenbaren dabei nicht selten ein erstaunlich unbekümmertes Kunstinteresse. Der Philosoph Giorgio Agamben zum Beispiel, der nur zu gerne in Kuratorentexten zitiert wird, begeistert sich für Monica Ferrando und ihre melancholisch hingehauchte Landschaftsidylle mit mythologischen Anklängen. Der sonst geometrisch strenge Architekt Mario Botta freut sich über die Skulptur einer schwarzen nackten Frau mit Cello, angefertigt von Giuseppe Bergomi.

Besonders erfreuliche Erkenntnisse sind es also nicht, die einem da entgegenblinzeln: Offenbar gibt es eine Kunst jenseits der Kunst, offenbar gibt es zahlreiche Künstler, die nie auf den vielen Biennalen dieser Welt zu sehen sind, obwohl sie den Geschmack nicht weniger kluger Zeitgenossen treffen. Das sei leicht zu erklären, werden die Kuratoren und Sammler einwenden. Diese Zeitgenossen hätten eben keine Ahnung, man müsse halt sein Auge schulen und ein wenig Wissen mitbringen, um über Qualitätsfragen diskutieren zu können. Allerdings müssten sich gerade diese Kuratoren und Sammler mit einer pauschalen Verurteilung des italienischen Pavillons schwertun. Denn erstens mischen sich unter die vielen Stillleben-, Landschafts- und Aktmaler einige Künstler, die auch im arrivierten Kunstbetrieb gern gesehen sind, Maurizio Cattelan oder Jannis Kounellis, Vanessa Beecroft oder Gaetano Pesce. Auch die international gefragte Architektin Benedetta Miralles Tagliabue ist dabei, sie hat die Hängegestelle entworfen. Zweitens gibt es im Dschungel der Stile und Motive durchaus erstaunliche Konstellationen, etwa wenn zwei Porträts von Sgarbi und Berlusconi direkt neben der Großaufnahme einer Vulva im Courbet-Stil hängen und darunter das Werk von Giovanni Ludice, der unter dem lakonischen Titel Menschlichkeit das Flüchtlingsdrama von Lampedusa schildert; im nachtschwarzen Hintergrund wird gerade ein Leichensack abtransportiert.

Drittens könnten manche der vorschnell geächteten Künstler völlig unbehelligt auch in der Hauptausstellung der Biennale unterkommen, und umgekehrt gilt dasselbe. Ob nun George Washington (im Zentralpavillon) eine Mickey-Mouse-Fratze ins Gesicht gemalt wird oder der gekreuzigte Christus (bei den Italienern) in einer Unterhose von Dolce & Gabbana auftreten muss – ein nennenswerter Qualitätsunterschied ist nicht auszumachen.