Man lebt nicht zur Erholung in Istanbul. Das stellt Ursula Priess in ihrem Buch Mitte der Welt fest, in dem sie einen Auftritt von Trommlern vor ihrem Haus beschreibt. Mitten in der Nacht wird sie von ihnen aus dem Schlaf gerissen. Zur Zeit des Ramadan keine Besonderheit. Tagsüber ist Fasten angesagt. Damit die Istanbuler das Frühstück nicht verschlafen, werden sie schon vor Sonnenaufgang dröhnend geweckt. Ein dezenter Wecker hätte es wohl auch getan.

So ist Istanbul. Aufreibend und aufregend. Mitten hinein führt Ursula Priess, die Tochter von Max Frisch. In den neunziger Jahren wohnte sie in der Stadt, die ihr Vater nie kennengelernt hat. Auch Kai Strittmatter, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung , schildert das Leben am Bosporus in seiner Gebrauchsanweisung für Istanbul eindringlich. Beide Bücher sind keine herkömmlichen Reiseführer. Wann die Hagia Sofia für Besucher öffnet und schließt, schaut man besser im Netz nach. Priess und Strittmatter erkunden in ihren Büchern die Seele der Stadt, machen neugierig und manchmal sogar hungrig.

Priess schließt uns den Hamam auf. In dem Kapitel "Osmaninnen" belauscht sie Gespräche im Dampfbad, während Sevinc, eine Masseurin, ihren Kunden mit einem Handschuh den Rücken abrubbelt. In der Hitze des Bades werden die Gäste gesprächig. Eine Armenierin regt sich über die Diskriminierung von Türken in Deutschland auf. Sie, die in ihrem eigenen Land selbst Diskriminierung erfahren hat, beklagt sich darüber, wie das armenische Erbe in der Türkei vernachlässigt wird.

Das Istanbul von Ursula Priess ist ein Reigen von alltäglichen und mitternächtlichen Geschichten, liebevoll erzählt, stets mit Überraschungen. Etwa wie man auch außerhalb des Hamams nass werden kann. Priess streift nach einem Regenguss durch das alte griechische Viertel Fener. Schon fährt an dem extrem schmalen Bürgersteig ein Auto vorbei, mit hoher Geschwindigkeit mitten durch eine Pfütze. Und die pitschnasse Autorin entrüstet sich, bis sie beim Tee Zuspruch und tröstende Worte findet.

Kai Strittmatter zeigt vor allem, wie üppig und verführerisch Istanbul ist. Nach der Lektüre des Kapitels "Auskosten" möchte man sofort in eines der Raki-Restaurants am Bosporus stürzen und die himmlischen Vorspeisen genießen. Oder ein mit Makrele, Salat, Zwiebeln und Tomaten gefülltes Brot an die Lippen setzen: "Reinbeißen. Jubeln. Bratfett von den Mundwinkeln streichen." Bei Strittmatter beginnt Istanbul zu riechen, zu funkeln, zu tanzen, zu explodieren. Es beglückt, kann aber auch nerven. Der Autor liefert Einblicke in einen Ort unter Hochspannung, in dem man, eben noch fasziniert, geradewegs in eine Fallgrube stolpert. Ein sinnliches und lehrreiches Buch, das die kleinen Zumutungen des Istanbuler Alltags humorvoll und ironisch verpackt. Wie in der Beschreibung einer reichlich ungewöhnlichen Taxifahrt. "Hamsenochneminute?", fragt der Chauffeur seinen Kunden und ist schon auf dem Umweg zum nächsten Barbier, dem er aus dem geöffneten Autofenster zuruft: "Hol ma’ den Apparat un’ komm!" Er reckt den Kopf hervor, bläht die Nasenflügel und lässt sie sich sorgfältig ausrasieren. Danach dreht er sich befriedigt um und sagt zum Fahrgast: "Ging doch zack, zack, oder?" Strittmatter nennt das "Drive-in-Nasenhaarentfernung".

Ursula Priess: Mitte der Welt. Erkundungen in Istanbul. Verlag btb, München 2011; 224 S., 19,99 €
Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für Istanbul. Piper Verlag, München 2010; 242 S., 14,90 €