Es sei "in ihm etwas Napoleonisches" gewesen, und er werde "zweifellos für alle Zeiten zur Reihe der ganz großen Deutschen gehören". So kommentierte der liberale Politiker und Publizist Friedrich Naumann die Entlassung General Erich Ludendorffs am 26. Oktober 1918 – ein schlagendes Beispiel dafür, wie sehr selbst kritische Köpfe am Ende des Ersten Weltkriegs noch im Banne des einst mächtigen Mannes standen.

Zu den "ganz großen Deutschen" wird Ludendorff heute gewiss nicht mehr gezählt. Im Gegenteil, er gilt neben Kaiser Wilhelm II. und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg als eine der unheilvollen Brückenfiguren auf dem Weg von Bismarck zu Hitler. Während über Wilhelm II. und Hindenburg jüngst zwei bedeutende Werke, verfasst von John Röhl und Wolfram Pyta, erschienen sind, fehlte bislang eine wissenschaftlich fundierte und zugleich ein größeres Publikum ansprechende Biografie Ludendorffs.

Das Buch des an der Technischen Universität Dresden lehrenden Historikers Manfred Nebelin schließt diese Lücke nur teilweise. Es handelt sich, anders als bei den Arbeiten von Röhl und Pyta, nicht um eine das gesamte Leben umfassende Darstellung. Im Mittelpunkt steht Ludendorffs Wirken im Ersten Weltkrieg . Sein Kampf gegen die Weimarer Republik, der ihn im Münchner Novemberputsch von 1923 an die Seite Hitlers führte, wird am Ende nur noch gestreift. Diese Selbstbeschränkung ist zu bedauern. Denn während es für die Phase von Ludendorffs Sturz im Oktober 1918 bis zu seinem Tod im Dezember 1937 noch manches zu erforschen gibt, sind wir über die Jahre des Weltkriegs von 1914 bis 1918 bereits recht gut im Bilde.

So bietet diese Teilbiografie auch wenig Neues, dafür aber eine solide, Quellen und Literatur gleichermaßen sorgfältig interpretierende Synthese. Einen besonderen Akzent legt der Autor auf das spannungsreiche Verhältnis von Politik und Kriegführung. "Das Militär kommt nach der Politik, nur im Kriege ist es ihr Schrittmacher": Dieses Wort Ludendorffs, das den Anspruch auf einen Primat des Militärischen im Krieg begründete, macht Nebelin zum Leitfaden seiner Darstellung.

Zunächst freilich schildert er die Karriere Ludendorffs vor 1914, die ihn bereits mit jungen Jahren – für einen Mann bürgerlicher Herkunft im Kaiserreich ungewöhnlich – in den Großen Generalstab nach Berlin führte, wo er zum Sektionschef der Aufmarschabteilung avancierte. Die Wehrvorlage von 1913, das größte Programm zur Heeresverstärkung seit der Reichsgründung, war im Wesentlichen sein Werk.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der ehrgeizige Offizier erst mit der handstreichartigen Eroberung der belgischen Festung Lüttich zu Beginn des Kriegs, vor allem aber mit dem gemeinsam mit Hindenburg errungenen Sieg bei Tannenberg über eine zahlenmäßig weit überlegene russische Armee Ende August 1914. Seitdem wurde dem Feldherrnduo Hindenburg/Ludendorff der Nimbus der Unbesiegbarkeit zugeschrieben. Nebelin lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass Ludendorff der strategische Kopf in diesem Tandem war, während dem populäreren Hindenburg die Rolle der Galionsfigur nach außen zukam. Er zitiert, was Generalmajor Max Hoffmann, ein enger Mitarbeiter Ludendorffs, im Herbst 1915 einem Brief anvertraute: "Hier schreiben wir jetzt meist ›v. Hindenburg‹ unter die Befehle, ohne daß sie ihm überhaupt gezeigt werden... Es gibt doch manches Komische in der Welt. Wenn das deutsche Volk wüsste, daß sein Held Hindenburg eigentlich Ludendorff heißt."