Angelehnt an eine kühle Marmorsäule, sitze ich im schattigen Innenhof der 1.300 Jahre alten Umayyaden-Moschee in Damaskus. Hier befindet sich der Schrein Johannes’ des Täufers, der auch von Muslimen verehrt wird. Einen Steinwurf entfernt steht der Sarkophag Saladins, des beliebtesten Helden der arabischen Geschichte.

Es ist später Nachmittag. Unzählige Eindrücke der zwei Tage, die ich in Damaskus verbracht habe, schießen mir durch den Kopf. Bilder einer quirligen, friedlich-fröhlichen Weltstadt, in der die Menschen scheinbar unbeeindruckt von den Stürmen um sie herum ihren Alltagsgeschäften nachgehen.

Stundenlang war ich staunend durch den Souk der Altstadt gebummelt, durch die Armenviertel der Stadt geschlendert, war mit einem Uralt-Taxi auf den Quasyun-Berg gefahren, wo die Inhaber von 20 fahrbaren Kiosken verzweifelt versuchten, mir eine Cola zu verkaufen. Oder wenigstens ein paar Feigen. Ich war wohl der einzige Tourist, der sich dorthin verirrt hatte. Damaskus ist in diesen Tagen nicht nur journalisten-, sondern auch touristenfrei.

Ansonsten war fast alles wie bei meinen früheren Besuchen. Nirgendwo war Militär zu sehen, nur selten uniformierte Polizei. Dafür wie immer auffällig unauffällige Gestalten mit grauen und braunen Anzügen, die demonstrativ desinteressiert alles beobachteten. Ungeheimer als der syrische Geheimdienst kann man nicht auftreten.

Wo aber war die Revolution? Weit und breit war nichts zu spüren von jener revolutionären Stimmung, die ich im Februar in Kairo und im März in Bengasi erlebt hatte. Warum um Himmels willen hatte der syrische Präsident diese lebensfreudige Stadt für die gesamte Weltpresse sperren lassen?

Ich denke zurück an ein Gespräch mit einem syrischen Oppositionellen, den ich bei meinem letzten Damaskus-Besuch getroffen hatte. Zehn Jahre hatte er in den Folterkellern von Hafis al-Assad, dem Vater des jetzigen Machthabers, gesessen. Seinen Optimismus hatte er nie verloren. Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen dem alten und dem jungen Assad hatte er geantwortet: "Der Alte war viel brutaler, aber auch viel listiger."

Mittlerweile bin ich von Jugendlichen umlagert. Sie haben sich einfach neben mich gesetzt. Alle wollen wissen, woher ich komme. "Deutschland?" Ihre Daumen gehen nach oben. Deutschland finden sie cool. Ich frage, wo es hier zur Revolution gehe. Sie lachen.

Mahmoud, ein zwanzigjähriger Jurastudent, erzählt mir, vieles sei schlimm in Syrien. Das Land brauche dringend Reformen. Jeder wisse das. Aber Syrien sei nicht Ägypten und auch nicht Tunesien. Die Medien erzählten oft Märchen über sein Land. Auch über Damaskus. An jeder Ecke könne ich das sehen. Al-Dschasira versuche leider die Stimmung anzuheizen. Das sei zwar ein guter Sender, aber er mache gezielt Politik. Das staatliche syrische Fernsehen sei allerdings genauso einseitig.

 Auf Schnellstraße durch die Hauran-Ebene

Die westlichen Politiker aber würden Syrien einfach nicht kennen. Sie fassten ihre Beschlüsse aufgrund von YouTube-Videos, die oft keiner überprüfen könne. Das sei nicht seriös. Ich frage Mahmoud nach Hamza al-Khateeb, dem 13-jährigen Jungen, der in Daraa, 100 Kilometer südlich von Damaskus, erschossen worden ist. Mahmoud erwidert, dieser Mord sei unverzeihlich. Wie alle Morde an Zivilisten und Soldaten. Der syrische Präsident habe Hamza daher zu Recht einen Märtyrer genannt, sich mit der Familie getroffen und ihr kondoliert. Genau wegen derartig widerwärtiger Fälle seien die meisten Syrer für Reformen und gegen eine Revolution.

Ich will von Mahmoud wissen, ob er mich nach Daraa bringen könne, in die Stadt, in der die Revolution begann. Wenn die westlichen Politiker mit ihrer Einschätzung der Lage in Syrien so falschlägen, könne das nicht schwer sein. Nach Medienberichten sei die Stadt allerdings von Panzern umstellt, niemand komme hinein.

Mahmoud antwortet diesmal deutlich langsamer. Die Lage in Daraa sei ernster als in Damaskus. Dort seien weit über 100 Menschen gestorben, auch Kinder. Trotzdem werde er mich gern nach Daraa bringen. Ich verspreche, darüber nachzudenken, und verabrede mich mit ihm für den nächsten Tag. Es fällt mir schwer, zu glauben, dass wir so einfach in die verbotene Stadt fahren können.

Der Muezzin ruft zum Gebet. Alles ist wie in einem orientalischen Märchen. Doch vielleicht ist alles auch nur trügerischer Schein. Vielleicht werde ich in Daraa ein ganz anderes Syrien erleben – wenn ich überhaupt hineinkomme.

Am Abend lese ich in der New York Times, dass syrische Sicherheitskräfte in Homs, im Norden des Landes, 47 Menschen getötet haben sollen. Darunter ein vierjähriges Mädchen und einen zehnjährigen Jungen. Eine andere westliche Zeitung schreibt, "man müsse kein Experte sein, um zu wissen, dass Damaskus keine Zuschauer wünsche, wenn es Armee und Geheimdienste auf die eigene Bevölkerung loslasse". Wo liegt die Wahrheit?

Aus Sicherheitsgründen beschließe ich, am kommenden Tag nicht mit Mahmoud, sondern mit einem Fahrer des Hotels nach Daraa zu fahren. Das Hotel verspricht mir, alles zu arrangieren und mit den Behörden abzuklären. Mein Erstaunen wächst.

Am nächsten Tag, kurz nach 12 Uhr, brechen wir auf. Wir, das sind die deutsche Videojournalistin Julia Leeb, ein arabischer Freund und ein Fahrer, der aussieht wie der junge Arnold Schwarzenegger. Nur dass er noch einen Kopf größer ist. Schmunzelnd erzählt er, er habe eine schriftliche Genehmigung für Daraa erhalten. Alles sei okay. Trotzdem habe ich meine Zahnbürste dabei. Verhöre auf syrischen Polizeistationen können lange dauern – habe ich gehört.

Auf einer Schnellstraße geht es durch die fruchtbare Hauran-Ebene, vorbei an zahllosen armseligen khakifarbenen Großzelten, in denen Wanderarbeiter ihr kümmerliches Dasein fristen. Der Verkehr ist spärlich. Dreißig Kilometer vor Daraa, an der Abzweigung nach Jordanien, tauchen die ersten militärischen Straßensperren auf. Felsbrocken blockieren die Durchfahrt. Fünf nervöse Soldaten kontrollieren die Fahrzeuge. Rechtsseits der Straße döst ein halbes Dutzend weiterer Soldaten im Schatten eines Olivenbaumes vor sich hin, die Kalaschnikows griffbereit. Auf der anderen Straßenseite steht ein alter Panzer.

 Im Souk von Daraa

Der kontrollierende Soldat schaut uns misstrauisch an. Westler scheint er in dieser Gegend schon lange nicht mehr gesehen zu haben. "Das sind Touristen aus Deutschland", erklärt unser Fahrer und hält dem verdutzten Militär seine "Sondergenehmigung" unter die Nase. Mit seiner Maschinenpistole gibt uns der Soldat ein Zeichen, weiterzufahren.

"Das müssen Sie filmen. Das glaubt Ihnen sonst keiner"

Nach zwei weiteren Checkpoints sind wir in Daraa, einer jahrtausendealten Stadt, die schon im Alten Testament erwähnt wird. Schnell sind wir mitten im Gewühl eines lärmenden Wochenmarktes der Altstadt. Der ganze Stress fällt von uns ab. Selbst mein arabischer Begleiter, der bis zuletzt skeptisch geblieben war, atmet erleichtert auf: "Das müssen Sie filmen. Das glaubt Ihnen sonst keiner." Ich frage ihn: "Kann man Ängste filmen?"

Wir kämpfen uns durch das Gewusel des Marktes. Kinder fragen wie überall "How are you?" und strahlen, wenn wir antworten. Jeder versucht, uns etwas zu verkaufen, Schals, Schuhe, Seife, Obst. Nirgendwo sehen wir uniformierte Polizei, nur zwei Soldaten beim Kaufen von Aprikosen. Ich frage, ob ich sie fotografieren dürfe. Der jüngere Soldat nickt, doch sein Kamerad schüttelt müde den Kopf. Julia Leeb filmt einfach drauflos.

Ich sehe kleine knackige Kirschen. Kirschen aus Daraa sind eine syrische Köstlichkeit. Ich kaufe ein Kilo für 25 syrische Lira, das sind 35 Cent. "Willkommen in Daraa!", lacht der junge Verkäufer. Als er hört, dass wir aus Deutschland sind, fragt er, ob wir ihn mitnehmen könnten.

Als wir den Markt verlassen, kommt eine scheue, verschleierte junge Frau auf mich zu und redet kreidebleich auf mich ein. Dann entschwindet sie hastig im Gewühl des Marktes. Mein arabischer Begleiter übersetzt, sie habe gesagt, es sei schlimm, wie die Menschen hier behandelt würden.

Im Souk kaufen wir einen Seidenschal. Vier Euro kostet er. Ich klopfe dem Verkäufer auf die Schulter. Er zuckt schmerzverzerrt zusammen und zeigt mir seinen bandagierten Arm . Er war in der vergangenen Woche auf einer Demonstration. Im Hauptberuf ist er Englischlehrer, das Geschäft gehört seinem Bruder.

Ich frage, ob Assad stürzen werde, so wie Ben Ali und Mubarak. Er schüttelt den Kopf. Anders als in Tunesien, Ägypten oder in Libyen sei der Präsident nicht das Hauptproblem. Wer Syrien mit diesen Ländern vergleiche, habe keine Ahnung. Assad sei im Grunde genommen in Ordnung, die Politik und das System nicht.

Überall herrsche Stagnation. Das Land brauche dringend Reformen, aber keine Revolution. Die Menschen wollten ein freies Land mit freien Wahlen und einer freien Presse. Es müsse Schluss sein mit der Gewalt der Geheimdienste, Schluss mit der Korruption. Syrien müsse ein Rechtsstaat werden. Aber die Zeit dränge. Assad müsse sich gegenüber den Hardlinern im System durchsetzen. Er habe noch immer eine Chance. Einen Krieg wie in Libyen wollten die Syrer nicht.

In einem kleinen Restaurant der Innenstadt essen wir zu Mittag. Es gibt Shish Tawuk, gegrillte Hühnchenspieße. Und zum Nachtisch unsere Kirschen. Sie schmecken lecker, wie alle ersten Kirschen des Jahres.

Anschließend geht es Richtung Universität. Vorbei an einem ausgebrannten zweistöckigen Haus, angeblich einem Hauptquartier der Polizei. Julia Leeb fotografiert mit ihrer Profikamera und meinem kleinen Fotoapparat. Ein triumphbogenartiges "Panorama-Tor", dessen bunte Kacheln Hafis und Baschar al-Assad zeigen, hat es ihr besonders angetan. Unser Fahrer fährt Schritttempo, um das Filmen zu erleichtern.

Plötzlich läuft zehn Meter vor uns ein bewaffneter Soldat auf die Straße und gibt uns mit der Maschinenpistole das Zeichen, anzuhalten. Wie aus dem Nichts tauchen von rechts weitere Soldaten in Tarnanzügen auf. Julia Leeb versteckt die Profikamera in ihrer Ledertasche und nimmt meine Digitalkamera in die Hand. Alle denken das Gleiche: Jetzt wird es problematisch.

 Begegnung mit dem Geheimdienst

Ich steige aus und gehe betont freundlich auf die Soldaten zu. Misstrauisch starren sie mich an. Ich will meinen Begleitern noch zurufen, sie sollten bitte lächeln. Aber alle lächeln bereits – etwas blass um die Nase. Zehn Minuten lang werden unsere Pässe überprüft und alle Details irgendeiner Zentrale durchgegeben.

Nach weiteren zehn Minuten kommen zwei per Funk herbeigerufene Fahrzeuge des militärischen Geheimdienstes. Wieder gehe ich auf jeden einzelnen Beamten zu und schüttle ihm die Hand. Doch ich weiß, der schwierigste Teil kommt noch: die Kontrolle von Julia Leebs Kamera, mit all ihren Aufnahmen von den Soldaten und dem ausgebrannten Polizeigebäude. Glücklicherweise sind auf der Kamera auch touristische Fotos, die ich gemacht habe. Endlos lang muss Julia Leeb alle Bilder durchklicken.

Der Anführer der Geheimpolizisten, ein übermüdeter, älterer Mann mit kurzen grauen Haaren, schaut mir nachdenklich in die Augen: "Was um alles in der Welt machen Sie hier? Sie wissen doch, dass es hier Probleme gibt." Ich antworte, ich sei Tourist und bereiste schon seit 50 Jahren die arabische Welt. "Hier gibt es schon seit Langem keine Touristen mehr", erwidert er resigniert.

Beim Freitagsgebet ist die Moschee nur zur Hälfte besetzt

Ich schaue ihm genauso nachdenklich in die Augen: "Doch, noch zwei. Und die sollten Sie jetzt nicht vertreiben." Er lacht: "Steigen Sie in Ihr Auto. Ich bringe Sie zum Stadtausgang. Ich will nicht, dass Sie an den Checkpoints weitere Probleme bekommen. Um acht Uhr ist hier Ausgangssperre. Und Entschuldigung für alles."

Es ist kurz nach 18 Uhr, als wir den letzten Checkpoint von Daraa hinter uns lassen. Ich frage unseren Fahrer, warum er seine Sondergenehmigung nicht gezeigt habe. Verlegen antwortet er, er habe gar keine. Er habe immer nur seinen Personalausweis gezeigt.

Am nächsten Tag sitze ich kurz nach 13 Uhr während des Freitagsgebets in der Umayyaden-Moschee von Damaskus. Wieder hatten Freunde gesagt, für einen Christen sei es unmöglich, am Freitagsgebet teilzunehmen. Und wieder – wie während meiner gesamten Syrienreise – war alles ohne größere Probleme möglich. Gastfreundschaft ist eines der höchsten Güter der arabischen Welt. Auch im Syrien unserer Tage.

Die Moschee ist nur zur Hälfte besetzt. Viele Menschen haben offenbar Angst vor den Demonstrationen, die oft nach Freitagsgebeten ausbrechen. Anscheinend auch die Regierung. Sicherheitshalber hat sie am frühen Morgen landesweit das Internet abgeschaltet.

Als die Menschen nach der Predigt auf den großen Platz am Paulustor strömen, schieben sich, wie in einem schlechten Wildwestfilm, von allen Seiten Dutzende auffällig unauffällige Männer auf den Platz. Der "ungeheime Geheimdienst" will zeigen, dass er die Lage unter Kontrolle hat.

Die Kontrolle über die Herzen der liebenswerten Menschen in Syrien hat er längst verloren. Der Einzige, der das Blatt noch wenden kann, ist Baschar al-Assad. Er muss sich an die Spitze der Reformbewegung stellen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Niemand weiß, wie er ausgehen wird.

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