Was weiß die Welt von Rudolstadt? Zu wenig. So auch der Reporter, vor 17 Jahren. Unbekannt war uns Schillers dortiger Glückssommer 1788, seine Arbeit am Geisterseher, sein voreheliches Schwanken zwischen den Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld. Wir suchten 1994 die typische Provinz für ein Thüringer Sittenbild. Der Berliner Dichter, Romancier und Komödiant Steffen Mensching (Jacobs Leiter, Allerletztes aus der DaDaEr) empfahl uns das Hauptstädtchen der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt als Exempel der kleinteiligen Thüringer Welt.

Wir reisten ins Saaletal. Wir fanden ein reizend betagtes Ackerbürger-Metropölchen, überthront vom Barockschloss Heidecksburg. Unter dessen Mauern breitete sich jene Idylle, die am 24. April 1788 Charlottes Brief an Schiller beschrieben hatte. Hinter Stadt und Fluß "erheben sich Berge, an deren Fuß liebliche Fruchtfelder sich ziehen, und die Gipfel mit dunklen holze bekränzt, gegen über an der andern seite der Saale schöne Wiesen, und die Aussicht in ein weites langes thal". Wir erspürten winkelfrohen Stolz. Fürst Günther, der letzte Regent, war bereits 1918 abgetreten, stilvollerweise kinderlos. Sein Stadtvolk konservierte fürstbürgerliche Überlegenheitsgefühle, besonders gegenüber der proletarischen Nachbarstadt Saalfeld. Schillers Genius Loci adelt.

Freilich nicht alle "Rolschter". Im Mai 1994 erlebten wir auch ein misstönendes Vertriebenentreffen und im Deutschen Krug ein Nazi-Rockkonzert, getarnt als Geburtstagsfete. Rudolstadts Kulturchefin Petra Rottschalk erbat unsere Wiederkunft zum ersten Juliwochenende. Da finde das Tanz- und Folkfest statt, Europas größtes Weltmusik-Festival. Wir kamen wieder, und dann jedes Jahr, wie Zigtausende TFF-Enthusiasten. Für drei Tage und zwei Nächte wird Rudolstadt alljährlich zum Mekka der Globalkultur.

Frisch bemalt und alt bewohnt. So erscheint die Stadt im Frühjahr 2011. Vom Rathausturm schlägt die Stunde. Höchst gemächlich bummelt reifes Volk, erkennt und begrüßt sich freudig, kommt vollends zum Stillstand und tauscht Kaskaden von Sprache. Der Rudolstädter spricht sich aus. Er erwirbt sein Marktgemüse, beehrt den Bratwurstmann und genießt ein Käffchen in Brömels Konditorei. Nebenan im Hotel Adler hat 1817 selbstverständlich Goethe genächtigt. Altdeutsche Stufen knarren, Dielen seufzen, in labyrinthischen Gängen dämmert die Zeit – bis Petra Rottschalk klingelt und uns zum Wildgulasch mit Klößen führt.

Frau Rottschalk ist das Herz der hiesigen Kultur: eine Unentwegte, brennend. Rudolstadt drücken viele Sorgen der Ostens – Exitus der Industrie, Exodus der Jugend, schrumpfende Etats – doch die Stadt hat ein Theater . Das mit 260 Plätzen kleinste Stadttheater Thüringens, 1792 erbaut, ist geistiges Zentrum und Anker der Identität, Geschichtsschatulle und Spiegel der Gegenwart. Und in Gefahr, besonders das 1635 als Hofkapelle gegründete Orchester. Thüringens Duodez-Vergangenheit etablierte von Meiningen bis Altenburg Regierungssitze, mit Schlössern und Theatern zum residenzlichen Plaisir. Die DDR pflegte diesen Schatz. Der marktwirtschaftliche Staat ächzt unter den Kosten und baut ab. Rudolstadt verlor bereits Ballett und Oper. Seit 1995 belieferte man dafür im Tausch das 120 Kilometer entfernte Eisenach mit Schauspiel, bis sich Eisenach mit Meiningen verband. Rudolstadts heutiger Partner heißt Nordhausen. Das Land Thüringen hat mit allen Standorten Finanzierungsverträge bis 2012 abgeschlossen und evaluiert derzeit die Bühnenlandschaft. Das Zittern geht um, wenngleich Kultusminister Christoph Matschie nicht als Abwickler gilt.

Letztlich entscheiden die örtlichen Träger, sagt Petra Rottschalk. Das Land ist Zuschussgeber. Matschie interessiert, was die Theater soziokulturell leisten. Da kommt Rudolstadt gut weg. Steffen Mensching hat daran großen Anteil.