Gülle ist die ideale Verdächtige. Von zähflüssiger Konsistenz und gelbbrauner Farbe, beißend im Gestank, versehen mit dem unappetitlichen Attribut "fäkal". Deswegen dauerte es, kaum war das Wort Ehec-Epidemie gefallen, nicht lange, da wurde bereits gemunkelt: Sicher hat irgendwo einer falsch mit der Gülle hantiert.

Unwahrscheinlich ist das nicht, denn in Deutschland wird viel hantiert mit Gülle, diesem Gemisch aus Kot, Urin, Wasser und kurzem Stroh. 26,9 Millionen Schweine und 12,7 Millionen Rinder produzieren Unmengen von Ausscheidungen, die irgendwie entsorgt werden müssen. Und so landen Jahr für Jahr auf deutschen Äckern und Wiesen mehr als 200 Millionen Tonnen von dem stinkenden Nass.

Dabei hat die Gülle ihr miserables Image eigentlich gar nicht verdient. "Man sollte nicht einfach den Einsatz von Gülle in Bausch und Bogen verurteilen", sagt zum Beispiel Philipp Franken, der am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau die Abteilung Pflanzenernährung leitet. Denn was vielleicht wie billige Entsorgung aussieht, ist für die Pflanzen ein wahrer Segen. "Gute Gülle enthält wichtige Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor, Kalium und Magnesium", sagt Franken. Die versetzen den Pflanzen einen Wachstumsschub.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Auch unserem Gemüse. Selbst wenn der eine oder andere bei dem Gedanken zusammenzuckt, sein Essen könnte mit Tierexkrementen in Berührung gekommen sein: Das Ausbringen von Gülle im Gemüseanbau ist üblich und erlaubt. Ausgenommen sind nur Pflanzen, die ausschließlich zum rohen Verzehr gedacht sind. Der geruchsintensive Dünger wirkt sich auf den Geschmack der Früchte aus. Selbst starker Regen würde nicht alle Güllereste von der Pflanze waschen. Und Kopfsalat mit dezentem Schweinekotaroma verkauft sich schlecht. Deshalb werden die Felder, die für Gemüse vorgesehen sind, vor der Aussaat gedüngt. Die Gülle wird mit modernen Geräten bodennah aufgebracht und umgehend eingearbeitet, damit die Geruchsbelästigung gering bleibt und der für Boden und Pflanzen wichtige Stickstoff sich nicht in Form von Ammoniak verflüchtigt.

Der Bauer muss über den Verbleib viehischer Exkremente Buch führen

Nur bei der sogenannten Kopfdüngung trifft tatsächlich die Gülle direkt auf die Pflanze. Das ist zum Beispiel bei Getreide oder Futtergras der Fall. Das Einarbeiten entfällt hier, sodass das ganze Dorf riecht, wenn der Bauer Gülle fährt. Was da die Geruchsnerven reizt, ist ein Quartett mehr oder weniger schädlicher Gase: Ammoniak, Methan, Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff. Und darum kommt es auch immer wieder zu Protesten von Anwohnern, die der Geruch nervt, Umweltschützern, denen die Treibhausgase Sorgen machen, und Mikrobiologen, die die Keime im Auge haben.

Die sachgemäße Verwendung von Kuh- und Schweinekot in Deutschland ist in der Düngeverordnung strikt geregelt. Notwendig geworden war dieses Regelwerk, als in den 1970er und 1980er Jahren der Nitratgehalt im Grundwasser auffällig anstieg und die Güllewirtschaft als Verursacherin ausgemacht wurde. Um derartige potenziell gesundheitsschädlichen Ausschwemmungen in die Böden und das Grundwasser zu verhindern, müssen sich Landwirte nun an allerlei Beschränkungen halten. So ist geregelt, wie viel Gülle mit welchem Nährstoffgehalt in welchem Zeitraum auf welchen Boden darf.

Außerdem muss der Bauer über den Verbleib der viehischen Exkremente exakt Buch führen. Grundsätzlich ist es nicht erlaubt, Gülle auf gefrorenen, schneebedeckten, überschwemmten oder wassergesättigten Böden auszubringen. Zudem gilt im Winter eine Kernsperrzeit vom 1. November bis 31. Januar für Ackerland beziehungsweise vom 15. November bis 31. Januar für Grünland.