Der Sommer beginnt im vierten Kriegsjahr 1917 mit einer lange anhaltenden Hitzewelle. Schon am frühen Morgen des 1. Juli ist der Reichsratsabgeordnete Josef Redlich in Wien aus dem Haus gegangen. Der neue Kaiser Karl, er sitzt erst seit wenigen Monaten auf dem Thron, hat ihn zur Audienz in sein Armeeoberkommando nach Baden gerufen. Der zu diesem Zeitpunkt 48-jährige Rechtsgelehrte, Universitätslehrer und Politiker, ein selbstbewusster Vertreter der großbürgerlichen Elite der Monarchie, scheint auf diesen Ruf gewartet zu haben. Er führt beredte Klage über den Zustand des Reiches: Bürokratie, Nationalitätenzank, Papierkrieg, Schlamperei in der Verwaltung. "Ja, die liebe österreichische Schlamperei!", unterbricht ihn der Monarch: "Da ist viel zu ändern, aber ganz dürfen wir sie nicht verlieren, sie ist doch ein Zug unseres eigentümlichen Charakters!"