Auch eine Kanzlerin kann sich irren. Vor Kurzem hatte Angela Merkel gesagt , es könne nicht sein, dass die Menschen in Spanien , Portugal und Griechenland früher in Rente gingen als die Deutschen. In einer Währungsunion müssten sich alle "gleich anstrengen". Da könne auch nicht einer mehr Urlaubstage als der andere haben. Kurz nachdem die Nachrichtenagenturen diese Äußerungen verbreiteten, hieß es in verschiedenen Meldungen: Die Menschen in den Krisenländern gingen gar nicht früher in Rente, und sie hätten auch weniger Urlaub. Faul seien womöglich eher die Deutschen. Wenn man etwas angleichen wollte in der EU, dann müsste man demnach in Berlin ansetzen, nicht in Athen. Kann das sein?

Merkels Argumentation beruht nicht auf einem Irrtum, sondern auf einem fundamentalen Missverständnis. Wenig Arbeit und Wohlstand sind kein Widerspruch. Beides passt sogar gut zusammen. Das wird häufig übersehen, nicht nur von Politikern.

Wer sich anstrengt, zeigt eine Untersuchung zur Arbeitszeit von Vollbeschäftigten in 28 europäischen Ländern. Nach Abzug von Urlaubs- und Feiertagen liegen Ungarn, Bulgaren, Polen und Rumänen ganz vorn, Griechenland gehört ebenfalls zu den Top Ten, die Deutschen dagegen rangieren mit Schweden, Dänen und Franzosen ganz hinten. Kurzum: Dort, wo der Wohlstand groß ist, arbeiten voll Berufstätige eher weniger.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Deutschen von heute mit ihren Großeltern vergleicht. 1970 arbeiteten alle Erwerbstätigen in Westdeutschland zusammen 52 Milliarden Stunden. Das war die Arbeitsleistung, die erbracht wurde, um den Wohlstand jener Zeit zu erwirtschaften. Auf jeden Einwohner – vom Kind bis zum Greis – kamen 857 Stunden Arbeit. Diese Zahl ging in den folgenden Jahrzehnten fast kontinuierlich zurück: 1980 waren es noch 779 Stunden pro Einwohner, 1991 (im vereinten Deutschland) 745 Stunden und 2010 gerade mal 702. Diese Statistik sagt nichts darüber aus, wie die Arbeit verteilt ist – manche arbeiten auch heute bis zum Umfallen, auf der anderen Seite gibt es mehr Ruheständler. Doch entscheidend ist: Mit weniger Arbeit pro Einwohner schaffen wir heute einen höheren Wohlstand als früher. Wir können es uns offenbar leisten, weniger zu schuften als unsere Vorfahren oder die Griechen.

Der Grund ist die Produktivität. In Deutschland entsteht heute nach Berechnung der OECD pro Arbeitsstunde ein Wert von rund 53 Dollar, in Griechenland sind es bloß 34 Dollar, in Ungarn 26. In einigen Ländern ist also mehr Maloche nötig, um den gleichen Wohlstand zu erreichen.

Dahinter stecken nicht unbedingt fleißigere Arbeiter. Wichtiger ist erstens, wie Betriebe und Behörden organisiert sind. Wenn es wenig Wettbewerb gibt, aber viel Bürokratie und Korruption, dann wird die Arbeitszeit weniger effizient eingesetzt. Zweitens spielen Technik und Infrastruktur eine entscheidende Rolle. Deutschland ist hoch industrialisiert, viele Ersparnisse sind für die Investitionen in Maschinen und Anlagen verwendet worden. Dieser Konsumverzicht (zusammen mit dem technischen Know-how der Deutschen) zahlt sich bis heute aus. Deshalb können wir uns – im Durchschnitt – etwas mehr Muße gönnen.

In Europa einheitliche Regeln für Arbeitszeiten, Rente und Urlaub zu schaffen wäre daher absurd. Arbeiteten alle gleich viel, hätten es viele Osteuropäer sogar noch schwerer aufzuholen. Eine Währungsunion verlangt, dass alle mit ihrem Staatshaushalt zurechtkommen. Das ist eine Frage der Steuern, des Staatsapparats, der Ausgaben für Rüstung oder Soziales. Arbeitszeiten spielen indirekt eine Rolle, sind aber nur ein Faktor von vielen.

In Deutschland, glaubt mancher schon, wird Arbeit wegen der hohen Produktivität knapp. Arbeitslosigkeit sei deshalb geradezu ein Zeichen des Fortschritts. Das ist so zugespitzt, dass es falsch ist. Höhere Produktivität kann zur Verringerung der Wochenarbeitszeit genutzt werden, muss es aber nicht. "Man kann die Produktivitätsgewinne", sagt Eugen Spitznagel, Experte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, "auch für höhere Einkommen nutzen oder zur Finanzierung eines längeren Ruhestands." Vor allem Letzteres passiert heute. Die Menge an Arbeit schrumpft jedenfalls nicht zwangsläufig. In einem freiheitlichen Gesellschaftssystem entscheiden die Bürger selbst darüber, im Idealfall jeder für sich, aber auch mithilfe von Gewerkschaften und Parteien. Freiwillig gewählter Arbeitsverzicht – in Form von Teilzeit, Elternzeit, Sabbaticals – kann Ausdruck des Wohlstands sein. Unfreiwilliger Beschäftigungsmangel wie bei Arbeitslosigkeit ist es nicht. Das Ziel muss daher sein, jedem die Chance zu geben, so viel oder so wenig zu arbeiten, wie es seinen Bedürfnissen entspricht.