Am Eck von Kurhaus und den Kolonnaden des 19. Jahrhunderts spricht der Besucher eine Dame an, die gerade die Treppen zum Hotel Dorint hinaufsteigt: "Verehrte Frau Meier, ist es nicht ein Hammer, dass die Berliner Philharmoniker demnächst regelmäßig in Baden-Baden auftreten werden?" Und die Dame, die aussieht wie der weltberühmte Wagner-Sopran Waltraud Meier, es aber vielleicht gar nicht ist (viele Damen in Baden-Baden sehen aus wie der weltberühmte Sopran Waltraud Meier), sie lächelt freundlich und entgegnet so unvermittelt, wie sie gefragt wurde: "Natürlich ist das der Hammer." Und schnellen Schrittes entschwindet die Dame im Hotel.

Die Stimmung ist gut, vielleicht sogar ein bisschen aufgekratzt in der altehrwürdigen Kur- und Festspielstadt, seit die Feuilletons vor einigen Wochen die Nachricht bekannt gaben, dass die Berliner Philharmoniker die von Karajan vor gut vierzig Jahren gegründeten Osterfestspiele ab der Saison 2013 nicht mehr in Salzburg, sondern in Baden-Baden ausrichten werden: ein Hammer. Die Salzburger zogen in der letzten Woche mit der Nachricht nach, dass Christian Thielemann und seine Dresdner Staatskapelle die frei gewordene Stelle übernehmen werden: gleich der nächste Hammer, der nächste Coup. Nun haben also beide Festspielstädte, Salzburg und Baden-Baden, gewonnen, es braucht niemand mehr unglücklich zu sein.

Fragen, die sich in den tollen Tagen der Festspiel-Rochaden stellen, lauten: Hat es sich im Städtchen Baden-Baden schon herumgesprochen, dass die Berliner Philharmoniker kommen, oder wissen das nur die Kulturbürger in Berlin, Paris und New York? Was sagt der Baden-Badener Einzelhandel zu der großen Nachricht – die liebe Frau Friedrich, die in der Confiserie Rumpelmayer arbeitet, die Croupiers in der Spielbank, die Rentnergrüppchen im Café König, die Russen, die im Cigar’s Room von Brenner’s Parkhotel Whiskey trinken? Warum eigentlich ausgerechnet Baden-Baden? Was ist das für ein Städtchen, in das die Berliner Philharmoniker, im Konsens aller Ahnungslosen und Eingeweihten das weltbeste Orchester, ab 2013 über Ostern ziehen werden?

Peinlich, aber wahr: Es macht gleich derart Spaß, in Baden-Baden zu sein. Man ist so schön weit weg vom Deutschland der Berliner Hauptstadt. Eine erfreuliche Sache ist sicher auch, dass man die Stadt in etwa zwanzig Minuten erlaufen kann (dann hat man eigentlich schon alles gesehen). Statt der Altstadt mit McDonald’s und den üblichen Drogeriemärkten schaut der Besucher sich besser die im 19. Jahrhundert zum Baden, Spielen und Flanieren errichtete Theaterkulisse aus Kurhaus, Trinkhalle, Grandhotels und Parklandschaft an.

Es ist ja ein dummes Klischee, dass Baden-Baden spießig ist – es ist nur besonders gut aufgeräumt. Anders als andere namhafte deutsche Kleinstädte sieht diese Kleinstadt auf grandios undeutsche Art nach Weltstadt aus: ein Kunstwerk. Die Kaffeehaus-Stühle sind aus Eisen, die Brunnen aus Granit, in den Straßenlaternen brennt Gas. Der Baden-Badener weiß, dass die Farbkombination aus Dunkelgrün und Weiß eine wohltuend elegante ist (siehe das Casino-Schild am Ortseingang). Den mit dem Auto eintreffenden Besucher empfängt auf den Hinweisschildern eine rührend anmutende Dreifarbigkeit: Rosa steht für die Kulturstadt, Hellblau für die Bäderstadt, Braun für die Kongressstadt. Seit Eröffnung des Festspielhauses im Jahr 1998 und des Privatmuseums Frieder Burda im Jahr 2004 sieht sich Baden-Baden auf dem Weg von der Kurstadt zur Kulturstadt.

Antrittsbesuch bei Andreas Mölich-Zebhauser, 58, Intendant des Festspielhauses. Wenn es in der Stadt in diesen Wochen jemanden gibt, der ausgezeichnete Laune haben müsste, dann ist es dieser Mann: Das mit privaten Geldern erbaute Festspielhaus – mit 2.500 Plätzen die größte Theaterbühne Deutschlands und nach der Pariser Bastille-Oper die zweitgrößte Europas – hat er gegen erhebliche Anfangsschwierigkeiten (Insolvenz im Gründungsjahr) zum Erfolg geführt. In Baden-Baden sind die großen Namen des internationalen Klassikzirkus aufgetreten, von den Dirigenten Thielemann, Abbado, Nagano und Rattle bis zu der Geigerin Anne-Sophie Mutter und den Namen der ersten Sängerliga, die Quasthoff, Netrebko, Garanca, Vargas, Villazón und Kaufmann heißen.

Heute kommt das Festspielhaus ohne öffentliche Zuschüsse aus, ein allseits bewundertes Modell. Über die Pfingsttage fährt das Haus wieder ein hochklassiges Programm hoch: Die Festspiele eröffnen mit der Strauss-Oper Salome, Pierre Boulez und Daniel Barenboim geben ein Liszt-Wagner-Programm, Waltraud Meier singt Isoldes Liebestod, das Quatuor Ebène spielt morgens Prokofjew und abends Jazz. Wie hat der Intendant das hinbekommen, die Berliner Philharmoniker für die Osterfestspiele zu verpflichten?

Achselzucken. Lächeln. Der schmale Mann, der da in seinem Büro unter dem Plakat "Weltstars der Oper/The Baden-Baden Gala" und dem Porträt der Dirigenten-Legende Carlos Kleiber sitzt, hat tatsächlich super Laune: "Ich war offen, ehrlich und fair." Schon vor gut zwei Jahren habe man den Philharmonikern Baden-Baden als neue Heimat angeboten. Den Ausschlag gegeben habe nicht das Geld, sondern die Summe der Möglichkeiten, die man dem Orchester hier biete. In der überschaubaren Festspielzeit von zehn Tagen wolle man das Orchester in seiner ganzen Bandbreite präsentieren: mit zunächst drei, dann vier statt wie bisher nur zwei Opernaufführungen, Kammermusik, Education-Programmen.

Der Intendant macht auf eine kleine Tradition von Ensembles aufmerksam, die sich in Baden-Baden von Konzert- zu Opernorchestern entwickelt haben: die Münchner Philharmoniker unter Thielemann, das Deutsche Symphonie-Orchester unter Kent Nagano. Mölich lobt noch einmal die besonderen Fähigkeiten der Philharmoniker: "Mich fasziniert der Hunger dieses Orchesters." 2013 sollen die Osterfestspiele mit der Zauberflöte eröffnen. Ist das nicht genauso schön wie schölangweilig und erwartbar?

Der Intendant bittet, die Bekanntgabe der Regiebesetzung abzuwarten: "Ich glaube, ich habe noch keine flache Inszenierung geboten." Heftig muss nun dem Klischee widersprochen werden, nach dem ein privat finanziertes Festival nur mit Starbesetzungen und gefällig-flachen Inszenierungen zu bezahlen sei: Nicht ärgern, aber mit neuen Sichtweisen überraschen müsse man das Publikum. Und der Intendant freut sich gleich noch einmal auf seine stille, kluge Art: "In dieser kleinen Stadt etwas zu machen, das eigentlich viel zu groß ist, das macht mir einen tierischen Spaß."