Sie warten schon auf ihn. Sonntag für Sonntag. Zivilpolizisten, auffällig unauffällig, die Kabel der Funkgeräte lugen aus ihren Ausschnitten hervor. Am Ende des Platzes haben sie einen Bus geparkt und sich keine Mühe gegeben, ihn zu tarnen. "Öffentliche Sicherheit" prangt darauf in großen Zeichen. Der Bus steht bereit, die Gläubigen abzutransportieren. Solche wie Wang Lei*.

Wang Lei ist 26, in seinem dichten Haar kann man die ersten grauen Strähnen erkennen. Jeden Sonntag packt er eine Zahnbürste, ein Handtuch und frische Kleidung zum Wechseln ein und geht auf den Zhongguancun-Platz, mitten in Pekings Silicon Valley. Er weiß, dass er verhaftet werden kann. Mal haben sie ihn 48 Stunden festgehalten, mal weniger, und einmal schaffte er es, zu entkommen, indem er den Polizisten fragte, wo die Toilette sei. Wang könnte seine Wochenenden anders verbringen, er könnte wandern, schwimmen, einkaufen. Stattdessen besucht er einen Gottesdienst, der nicht stattfinden darf, weil die Partei Gottesdienste unter freiem Himmel verbietet. Wang gehört Pekings größter Untergrundkirche an, der evangelischen Shouwang-Kirche.

In China gibt es zwei Sorten Protestanten. Die einen sammeln sich in der offiziellen Drei-Selbst-Kirche, die der Kontrolle von Partei und Regierung untersteht. Ihre Pfarrer werden vom Staat bezahlt. Sie hat etwa 20 Millionen Anhänger. Daneben gibt es aber noch zahllose evangelische Untergrundkirchen, denen mehr als viermal so viele Gläubige angehören dürften. Diese Kirchen sind höchst unterschiedlich. Manche bestehen aus einer Handvoll Bauern, die die Bibel nur rudimentär kennen; andere haben Tausende Mitglieder, und ihr Oberhaupt hat im Ausland einen Doktortitel in Theologie erworben. Die meisten Untergrundkirchen verhalten sich unauffällig, die Shouwang-Kirche in Peking aber hat dem Staat ein Ultimatum gestellt: Bekommt sie nicht den Versammlungsort, den sie gekauft hat, oder eine staatliche Garantie, dann wollen Gläubige bis Weihnachten jeden Sonntag im Freien beten. Seit dem 10. April kommen sie einmal pro Woche zusammen, anfangs waren es über hundert, mittlerweile sind es ein paar Dutzend. Andere Hauskirchen unterstützen die Shouwang-Kirche mit einer Petition, in der sie Religionsfreiheit fordern.

Wang empfängt in der Wohnung eines Freundes, einer Junggesellenbude. Auf dem Hochbett liegt zerknautschte Bettwäsche, Gitarren stehen herum, Koffer und Taschen ersetzen die Schränke. Vor ein paar Wochen hat er Wohnung und Job verloren, seither lebt er mal bei diesem, mal bei jenem Freund. Wang ist einer der wenigen, die sich trauen, mit Journalisten zu sprechen. Am 10. April ging er zum ersten Mal auf den Platz, die Sicherheit griff ihn auf . Sie zwang seinen Chef, ihm eine Erklärung vorzulegen: Nie wieder werde Wang an einem öffentlichen Gottesdienst teilnehmen. Unterschreibe der Angestellte nicht, so drohte die Sicherheit dem Chef, werde man seinen Betrieb kurzzeitig schließen. Wang weigerte sich. Er verlor nicht nur seinen Job, sondern auch das Zimmer im Firmenwohnheim. Wang wirkt, als ob ihm das nicht viel ausmacht. Wang hat eine Mission: Die Kirche, sagt er, sei die Stadt auf dem Hügel, weithin sichtbar. Und ihre Zeit sei jetzt gekommen.

Für den Staat gibt es keine Stadt auf dem Hügel, er hat sich dem Atheismus verschrieben, Religion ist Opium des Volkes. Auch wenn er Gläubige nicht mehr verfolgt wie ehedem, sollen sie ihren Glauben doch im Stillen leben.

Überall im Land gibt es inoffizielle Gemeinden, allein in Peking 3000

Wang erinnert sich noch genau an den Tag, der sein Leben veränderte, als er zum ersten Mal einen Gottesdienst der Shouwang-Kirche besuchte. Man nennt sie Hauskirche, weil sich ihre Mitglieder früher heimlich zu Hause trafen, die Shouwang-Kirche aber wäre mittlerweile viel zu groß dafür, 1000 Gläubige gehören ihr an. Überall im Land gibt es unzählige solcher Kirchen, allein in Peking sind es 3000. "Es war, als bekäme ich endlich frische Luft", sagt Wang, "als habe ein Fisch seinen Ozean gefunden." Sieben Jahre ist das her, Wang war damals noch Student, und bald begann er, Kommilitonen anzusprechen, zu predigen. Selbst im politischen Pflichtunterricht, wo Marx und Engels gelehrt werden, nutzte er ein Referat, um über Jesus zu sprechen.

Viele Anhänger der Shouwang-Kirche teilen sein Selbstbewusstsein. Sie sind Studenten und Absolventen der besten Universitäten des Landes, Professoren und Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsfrauen. Sie haben ein hohes Ansehen, ein gutes Einkommen und wollen sich nicht verstecken. Die Kirche betreibt eine Bücherei und eine Sonntagsschule für Kinder, hat eine eigene Website und gibt ein Magazin heraus. Sie will gesehen werden, und deshalb ist sie der Regierung ein Dorn im Auge. Bisherige Vermieter der Kirche bekamen immer wieder Ärger mit dem Sicherheitsbüro oder der Steuerbehörde. Wieder und wieder zogen die Gläubigen um, sie beteten in einem Bürohaus und im Hotel, im Kino und im Café. Ende 2009, sie waren mal wieder ohne Bleibe, kauften sie ein Haus: 1500 Quadratmeter für 27 Millionen Renminbi, umgerechnet 2,9 Millionen Euro. Doch als der Moment der Schlüsselübergabe kam, schüttelte der Hausbesitzer den Kopf. Nein, er könne ihnen den Schlüssel nicht geben. Befehl von oben.

Man sagte ihnen, sie könnten zurück ins Hotel, doch sie wollten die 2,9 Millionen nicht wiederhaben. Sie wollten den Schlüssel. Oder eine schriftliche Garantie, dass sie nie mehr aus einem Haus ausziehen müssten. Sonst würden sie auf die Straße gehen. "Der Staat will, dass wir in die Staatskirche eintreten", sagt Wang. Aber es gehe ums Prinzip. "Wir verehren nur unseren himmlischen Vater, alle Autorität ist von ihm gegeben, auch die der Partei. Wir wollen, dass sie weiß, dass ihre Macht nicht Gottes Macht zerstören kann. Wir wollen nicht politisieren, nur Gott verehren. Gebt uns den Schlüssel, und alles ist gut."

Der Machtkampf ist eröffnet. Auf der einen Seite eine politische Autorität, die das Göttliche verneint – keine Macht, ob irdisch oder überirdisch, darf die Partei infrage stellen. Auf der anderen Seite eine selbstbewusste Kirche, die allein Gott huldigen will und dadurch den absoluten Machtanspruch der Partei infrage stellt.

1989 haben die Kirchen in Osteuropa demokratische Freiheiten gefordert. Könnte das auch in China geschehen? Tatsächlich flohen nach 1989, nachdem Soldaten das Feuer auf die Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz eröffneten, viele Demokraten zu den Hauskirchen. Und doch stellen diese derzeit keine großen politischen Forderungen. Zu mächtig erscheint den meisten die Partei. Diese wiederum ist nervös, weil sie eine Ausweitung der Volkserhebungen in den arabischen Ländern auf China fürchtet.

Der Amerikanistikprofessor Paul Liu sitzt im obersten Stockwerk eines Hochhauses, der Blick geht auf die Baumwipfel des Bambusparks. Hier befindet sich das Pu-Shi-Institut für Sozialwissenschaften, das er gegründet hat, um zu einem sensiblen Thema zu forschen: der Religion in China. An der Wand hängt eine Auszeichnung von oberster Regierungsstelle, sie lobt Lius Arbeit zur Shouwang-Kirche. Deren Forderung stelle den Staat vor ein großes Dilemma, sagt Liu. "Denn die Regierung will die Existenz der Kirche nicht zugeben." In den vergangenen Jahren habe sie bei den Untergrundkirchen beide Augen zugedrückt: Wir tun so, als gäbe es euch nicht. Gewähre sie nun einer Hauskirche eine schriftliche Garantie, bedeute das deren offizielle Anerkennung. Und wer eine anerkennt, muss alle anerkennen. Dann könnten bald überall in Peking Gotteshäuser stehen.

"Hauskirchen gibt es mindestens 30 Jahre, doch schon seit etwa 50 Jahren feiern Christen private Gottesdienste." Vorher genossen Kirchen Religionsfreiheit, der Kuomindang-Führer Chiang Kai-shek war selbst Christ. Das änderte sich, als 1949 die Kommunisten an die Macht kamen. Bald ließen sie alle Glaubensrichtungen in staatlich überwachten Kirchen zusammenfließen. Alle Protestanten sollten in der Drei-Selbst-Kirche aufgehen. Von 1000 Kirchen einer Stadt blieben zwei oder drei. "Deren Pfarrer und ihre Predigten wurden stark von der politischen Agenda beeinflusst." Viele Gläubige zogen sich zurück, trafen sich in Wohnzimmern, um die Bibel zu lesen. Die Untergrundkirchen waren geboren. Während der Kulturrevolution machten sie sich unsichtbar, denn da war schon der Besitz einer Bibel ein schweres Vergehen. Man verabredete sich heimlich im Gehölz, am Ufer eines Flusses.

Das Religionsamt will keine Konkurrenz für die Staatskirche

Doch mit dem Beginn der Reformpolitik Ende der siebziger Jahre strömten die Menschen zurück in die Kirchen. "Es war eine wahre Explosion, und der Regierung machte das große Angst", sagt Professor Liu. Unter den Hauskirchen gab es eine sogenannte Schreigruppe, die Huhanpai, in der die Gläubigen weinten und schrien. "Die Gefühle der Menschen waren so lange unterdrückt gewesen, und jetzt konnten sie sie endlich zeigen, es war eine psychische Befreiung und eine charismatische Bewegung." Die Regierung nutzte diese Bewegung als Vorwand für Sanktionen, gab gleichzeitig aber den offiziellen Kirchen das konfiszierte Eigentum zurück. "Es war die evangelische Kirche, die sagte: Die geistige Kirche ist wichtiger als die materielle." Die Katholiken, hierarchischer organisiert , blieben kontrollierbar.

Evangelische Missionare drangen ins Land, vor allem aus Südkorea. In den Neunzigern wurden die Hauskirchen größer und größer. In den 2000ern begannen sie sich zusammenzuschließen, mieteten Räume, gaben sich Namen, bekamen Vorstände, Dekane, Sonntagsschulen, Büchereien. Viele Kirchen auf dem Land sind noch immer arm, in den Städten aber wurden sie reich und selbstbewusst. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch die Regierung toleranter. Sie nahm die Existenz der Hauskirchen hin, ohne sie anzuerkennen – solange sie sich an ein paar Regeln hielten. "Tu, was du willst, solange du es leise tust. Verlasse deinen Raum nicht. Rede nicht über politische Belange. Nimm keine Ausländer in die Hauskirche auf", zitiert Liu. "Das Christentum hat traditionell eine starke Verbindung zum Westen. Die Regierung fürchtet den Einfluss des Auslands, religiöse Infiltration, friedlichen Wandel." Sogenannte Farbrevolutionen wie in der Ukraine oder Georgien. Ihr Albtraum ist eine Allianz der Untergrundkirchen mit der christlichen Kirche des Auslands, die sich auf Demokratie beruft.

Es ist eine sensible Angelegenheit. Geht die Regierung zu hart vor, beschädigt sie ihr Image im Ausland. Deshalb wurde auch keiner aus der Shouwang-Kirche länger festgesetzt. Märtyrer sollen nicht geschaffen, die Gläubigen nur bewegungsunfähig gemacht werden. Etwa zehn Mitglieder der Shouwang-Kirche stehen permanent unter Hausarrest. Jedes Wochenende plant die Polizei ein Großmanöver: Etwa 500 Gläubigen schickt sie Aufpasser vor die Tür. Drei Polizisten pro Haus, die in drei Schichten antreten, machen insgesamt neun Polizisten mal 500 Gläubige, also 4500 Polizisten plus zahlreiche weitere, die Sonntag für Sonntag auf dem Zhongguancun-Platz patrouillieren. Ein gigantischer Aufwand, um eine einzige Kirche zu zähmen.

Die Sicherheitsbehörden seien über diese Aufgabe gar nicht glücklich, sagt einer, der anonym bleiben möchte, selber einer anderen Hauskirche angehört und über beste Kontakte verfügt. "Gläubige festzunehmen ist heikel. Wenn die Polizei Diebe festnimmt, kann sie sich damit brüsten, hiermit aber nicht." Innerhalb der Führung sei ein Machtkampf entbrannt. Auf der einen Seite das Religionsamt, das die Hauskirchen gern weiter verbieten will, weil sie der eigenen staatlichen Kirche Konkurrenz machen. Auf der anderen Seite die Sicherheitsbehörden, die sich der lästigen Aufgabe der Christenüberwachung entledigen und den Hauskirchen einen offizielleren Status verleihen möchten. "Sie könnten sich einfach bei der Polizei anmelden, was noch nicht hieße, dass sie anerkannt sind. Es wäre aber ein Kompromiss, eine Art halboffizieller Anerkennung." Die Untergrundkirchen gäben an, wo sie sich treffen und wer ihr Pfarrer sei. "Wer sich anmeldet, bekäme einen steuerfreien Status."

Shouwang, sagt der Mann, sei ein ganz besonderer Fall, weil die Kirche unduldsam sei. Die meisten Hauskirchen seien eher kompromissbereit. Die Politik würde besonders gern den kämpferischen Pfarrer der Shouwang-Kirche loswerden. Doch würde das langfristig ihr Problem lösen? Ai Weiwei ist ein Einzelner, ihn kann man festnehmen als abschreckendes Beispiel. Es gibt aber mindestens 23 Millionen Christen im Land – wie es mit ihnen allen aufnehmen? Der anonyme Gläubige sagt: "Die Regierung weiß, sie kann vielleicht die Schlacht gegen Shouwang gewinnen, nicht aber den Krieg gegen die Hauskirchen. Den hat sie schon verloren. Sie wird sich bewegen müssen."

* Name von der Redaktion geändert