Es bleibt nicht bei dieser ersten Reise. Als wir Monate später die revolutionären Ereignisse vor dem Fernseher verfolgen, steht für uns fest: Wir fahren noch einmal hin.

Unser erster Weg in den ersten Wochen nach der Revolution führt zum legendären Midan Tahrir. Hier versammeln sich immer noch Menschen, die die Ziele der Revolution keineswegs als verwirklicht betrachten. Ausgerechnet ein etwa achtjähriger Junge wird von vielen als Sprachrohr akzeptiert. Adel kennt ihn aus dem Fernsehen. In den Tagen der Revolution hat er ihn im fernen Berlin auf dem arabischen Kanal von al-Dschasira gesehen – nun erleben wir das Kind live. Auf den Schultern seines Vaters sitzend, brüllt es der Masse Parolen entgegen, die diese brav wiederholt: "Mubarak – du hast unser Geld gestohlen!" – "Alle Minister in den Knast!" Die Szene ist das verrückte Symbol einer führerlosen Revolution.

Genau darin liege derzeit das Problem, sagt uns Karim Gabriel – im Mangel an unbelastetem politischem Personal. Wir treffen den 23-jährigen Katholiken im Teegarten hinter dem berühmten Café Riche, zusammen mit dem gleichaltrigen Omar, seinem Kommilitonen im Fachbereich Material Science der German University. Solche wie sie waren es, die sich am 25. Januar über Facebook zum Protest verabredeten: junge, gut ausgebildete Leute aus der ägyptischen Mittelschicht.

Karim erklärt uns seine Gründe, sich dem Aufstand anzuschließen. Er habe die französische Schule besucht, bei der Patenschaften für soziale Projekte zum Lehrplan gehörten. So war der Arztsohn aus dem vornehmen Viertel Zamalek mit der Härte des Lebens der Oasenbewohner konfrontiert worden. Von der ganz Ägypten mobilisierenden Wirkung ihres Protestes, wie sie dann in den Folgetagen auch andere soziale Schichten erfasste, seien sie selbst überrascht worden.

Was für ein Unterschied zu unserem ersten Besuch. Wir hören diesen selbstbewusst auftretenden, politisch aktiven Kindern des Bürgertums zu und denken an ein Erlebnis im Herbst 2010. Damals waren wir jungen Leuten wie ihnen noch im exklusiven Royal Club Mohamed Aly am Westufer des Nils begegnet, wo man sich zwanglos rund um den Pool gruppierte. "In diesem Land findet derzeit eine sexuelle Revolution statt", hatte Clubbesitzer Maged Farag damals behauptet, "aber das läuft natürlich versteckt ab. Dies hier ist der einzige Ort in Kairo, an dem ein Mädchen im Bikini ihren Freund in aller Öffentlichkeit umarmen und küssen darf." Dafür war Maged Farag von religiöser Seite oft angegriffen worden, und auch wegen seiner strikten Weigerung, Frauen im Hijab Zutritt zu seinem Club zu gewähren. "Und was ist das dort drüben?", fragte Adel.

Jenseits des Pools huschte eine Gestalt im streng islamischen Outfit vorbei. Maged führte den Daumen an die Fingerspitzen der nach oben gedrehten rechten Hand – eine Geste, die bedeutet: "Warte ab!" Minuten später verließ eine junge Frau im Bikini die Umkleidekabine. "Der Hijab ist für sie nur eine Kostümierung, um die Familie zufriedenzustellen", erklärte der Clubbesitzer lachend. Und dann sagte er etwas, woran wir uns nun erinnern: "Die Leute da drüben am Pool gehören zur Elite der ägyptischen Jugend. Sie besuchen namhafte Unis, sehen sich um in der Welt und haben die ständige Bevormundung satt. Sie werden es sein, die in nicht allzu ferner Zeit den schlafenden Riesen am Nil erwecken werden."

Adel und ich schlendern die bevölkerte Kasr el Nil hinauf, eine der Hauptgeschäftsstraßen. Hier hat sich wenig verändert seit den Tagen der Revolution. Nach wie vor dominiert der Hijab das Bild. Amüsiert registriert Adel, was sich junge Frauen alles einfallen lassen, um den Spagat zwischen Tradition und Moderne hinzukriegen. Zu hautengen Jeans und T-Shirts tragen sie bunte Tücher kunstvoll um den Kopf drapiert.