"Die Armee hat sich zu keiner Zeit neutral verhalten", sagt Adham und beginnt, ungeheure Dinge zu erzählen. Von seinem Balkon im fünften Stock eines Hauses am Tahrir aus könne er beobachten, wie immer noch Menschen von Soldaten festgenommen und ins Ägyptische Museum verschleppt würden. Unterhalb der Grabschätze des Tutanchamun würden Folterkeller vermutet. Adham nennt auch die Namen von Opfern. Dem Sänger Ramy Esham habe man mit einer Glasscherbe die langen Haare von der Kopfhaut getrennt und den Schauspieler Aly Sobhy mit Elektroschocks im Genitalbereich malträtiert. "Und das vier Wochen nach Mubaraks Rücktritt!", ruft Ismail dazwischen. Das sind Berichte, die den Popstar aus Deutschland entsetzen.

Wie geht es weiter mit diesem Land? Eine parlamentarische Demokratie westlicher Art sei bestenfalls langfristig in Sicht, glaubt Adham. Das setze eine allgemeine Bildung voraus, die derzeit noch nicht gegeben sei. Vorderhand werde das an Obrigkeiten gewöhnte ägyptische Volk einen "aufgeklärten Diktator" mit zeitlich befristeter Macht akzeptieren. Und wenn es nach den beiden Freunden ginge, dann hieße er – zu unserer Überraschung – Mohamed ElBaradei.

"Wir brauchen keine Diktatoren mehr, weder aufgeklärte noch andere!", ruft Shahinda Maqlad, als wir sie in ihrer Plattenbauwohnung mit Adhams Theorie konfrontieren. Seit über einem halben Jahrhundert kämpft die 73-Jährige an vielen Fronten für die Freiheit ihres Volkes. Schon Sadat ließ sie mehrfach inhaftieren, heute ist sie die Grande Dame der ägyptischen Revolte. Auch wenn ElBaradei nicht ihr Wunschpräsident ist, unterstützt sie die Kandidatur des einstigen Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde. Einer, der die Grabenkämpfe der Vergangenheit zwischen religiösen, sozialen und politischen Volksgruppen nicht erlebt habe, sei am besten geeignet, jetzt Brücken zu bauen.

Shahinda Maqlad nimmt Adel am Arm und führt ihn wie einen Sohn durch den geräumigen Salon. An den Wänden hängen Bilder und Dokumente wie in einem Museum – Zeugnisse der Bauernaufstände gegen die Großgrundbesitzer aus einer Zeit, als Kamshish, der Name ihres Dorfes, in die internationalen Schlagzeilen geriet. Auf einem Foto ist sie neben Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu sehen, die seinerzeit gekommen waren, um Solidarität zu bekunden. "Ich habe immer gewusst, dass sich das ägyptische Volk eines Tages erheben wird", sagt die Freiheitskämpferin stolz. "Ich war jeden Tag auf dem Tahrir dabei. Diese Revolution war der Höhepunkt meines Lebens!"

Die Sätze von Shahinda Maqlad sind für Adel und mich das vorläufige Schlusswort unserer Reise. Keiner von uns wagt eine Prognose, welches Ägypten wir in ein oder zwei Jahren vorfinden werden. Die Hoffnung aber bleibt, dass Mounirs Revolutionssong Ezzai dann nur mehr ein historisches Dokument sein wird. Im Herbst möchte Adel in diese Stadt zurückkehren, in der er einst langweilige Kindheitsferien erdulden musste, um der Revolution die Ehre zu erweisen – mit einem Konzert in Kairo.