ZEITmagazin: Wann bröckelte die Fassade endgültig?

Kullmann: Es gab dann wirklich den Tag X, an dem zwei Aufträge im Gegenwert von 3.000 Euro Honorar platzten. Die Miete stand an, es kamen die Jahresabrechnungen, alles auf einen Schlag.

ZEITmagazin: Warum haben Sie niemanden um finanzielle Unterstützung gebeten?

Kullmann: Es hat mit Stolz zu tun, mit Scham und einem Versagensgefühl.

ZEITmagazin: Was haben Sie dann gemacht?

Kullmann: Es blieb mir keine andere Wahl als der Gang zum Arbeitsamt, ich habe das erste Mal vor einer Fremden geheult. Das Schlimme war, sich völlig entblößen zu müssen. Das Hartz-Verfahren ist ziemlich entwürdigend.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie über die Runden?

Kullmann: Wenn Sie monatelang 13 Euro am Tag haben, essen Sie unter der Woche ganz, ganz wenig, um am Wochenende dabei sein zu können, um die verfluchten Kontakte zu pflegen, Kollegen zu treffen, Empfänge zu besuchen. Ich hatte mich entschieden, es niemandem zu sagen. Es war ein Kraftakt. Heute weiß ich: Viele machen es genauso. Letztlich hat mich das gerettet. Mein Ruf blieb intakt.

ZEITmagazin: Was war der endgültige Tiefpunkt?

Kullmann: Im Dezember 2008 kam dann der Brief mit dem Umzugsbefehl. Ich hatte vier Wochen Zeit, eine Wohnung, die 345 Euro inklusive Umlagen kostet, zu finden.

ZEITmagazin: Wie verzweifelt waren Sie?

Kullmann: Das war der Moment, in dem ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, meinen Beruf aufzugeben. Ich hätte dann bei einem Callcenter für 11,80 Euro brutto die Stunde gejobbt. Ich hätte weiterhin wenig zum Essen gehabt, aber meine Welt, mein greifbares Leben, hätte ich behalten können.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie da wieder heraus?

Kullmann: Zehn Tage vor Weihnachten kam der rettende Anruf aus Hamburg. Eine Stimme fragte, wie im Film: "Wollen Sie in vier Wochen Ressortleiterin bei einem Frauenmagazin werden? Wir suchen eine starke Frau mit Charakter." Und auf einmal war ich kein Sozialfall mehr, sondern eine sogenannte Leistungsträgerin. Es ist eigentlich ein großer Witz.

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ZEITmagazin: Wie ging es weiter?

Kullmann: Anderthalb Jahre habe ich diesen glamourösen Redaktionsjob gemacht. Ich hatte Macht, es stand mir ziemlich gut. Und trotz meiner Erfahrungen habe ich mich getraut, diesen Job aufzugeben. Denn dort sollte jetzt ich die Honorare kürzen und die freien Kollegen dahin bringen, wo ich vorher war. Es war auch eine Gewissensfrage. Die Kündigung ist eines der vernünftigsten Dinge, die ich je getan habe.

ZEITmagazin: Was bedeutet Ihnen Geld heute?

Kullmann: Ich habe Respekt davor, aber es schockt mich nicht mehr. Geld ist für mich wie Benzin, ich sehe zu, dass der Tank voll ist. Ich habe gemerkt, wie reich ich bin im Gegensatz zu denen, die nicht so weit schauen können, weder nach oben noch nach unten.