Nowitzkis extremes Arbeitsethos trieb ihn dazu, in dieser Play-off-Serie weiter zu kämpfen trotz Fingerverletzung, Grippe, Fieber. Ein deutscher Arzt attestierte ihm deswegen per Ferndiagnose in der Süddeutschen Zeitung, ein "Idiot" zu sein. Und jeder ordentliche Betriebsrat stimmte ihm da zu. Sportreporter in den USA bescheinigten Nowitzki hingegen, ein würdiger Nachfolger Michael Jordans zu sein. Der hatte sich 1997 unter hohem Fieber eines der wichtigsten und besten Spiele seiner Laufbahn erschwitzt.

Bei der Arbeit zeigt Nowitzki zum Glück auch noch ganz andere Eigenschaften: Eleganz, Intelligenz, dazu eine Schnelligkeit und Vielseitigkeit, die man bei einem Sportler von 2,13 Meter Körpergröße noch nie gesehen hat. So entkam er spielend der Falle, in den USA für immer auf seine rustikale Germanness reduziert zu werden. Das zeigt sich auch in der Evolution der Spitznamen, die ihm kalauerfreudige Fans verpassten: Vom Dunking Deutschman über Dirkules zu No-miss-ki wegen seiner Freiwurfrekorde. Nach einer Zwischenphase als No-Win-ski, als ihm jahrelang kein Titelgewinn gelang, wäre nun die Zeit gekommen für No-Joke-ski .

Und für eine Übertragung der wichtigsten NBA-Spiele bei einem der Allgemeinheit zugänglichen deutschen Fernsehsender. Allzu viele Jahre bleiben nicht mehr: Für Basketballfans in Deutschland waren die vergangenen Wochen, notgedrungen, eine weitere Einübung in Bezahlkanäle und Internetstreams. Man gewöhnt sich dran!

Was uns den verlorenen Sohn nun wieder etwas näherrückt: Dirk Nowitzki hatte auch in der Stunde seines größten Triumphs immer noch etwas vom schüchternen Teenager aus Würzburg, der sich in die beste Profiliga der Welt verirrt hat. Als das entscheidende Spiel in Miami zu Ende war, verschwand er sofort im Tunnel Richtung Kabine, das verzerrte Gesicht im Trikot verborgen. Eine Viertelstunde später, im ersten Interview nach dem Titelgewinn, wurde er mit der unvermeidlichen Frage konfrontiert: "Wie fühlt es sich an?" Er stammelte, glaubhaft: "Ich kann es einfach immer noch nicht glauben."

Vor Jahren, als ein anderer Deutscher plötzlich den höchsten Gipfel einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft errungen hatte, hieß es plötzlich: "Wir sind Papst." Mit Nowitzkis Erfolg in einer der großen Sportweltreligionen haben die Deutschen – abgesehen von seinem persönlichen Trainer Holger Geschwindner – nicht so viel am Hut, dass es nun heißen könnte: "Wir sind NBA-Champions." Aber "Wir sind Würzburg", das allemal.