Auch die Pisa-Studie hat auf Entschleunigungsfaktoren an unseren Schulen aufmerksam gemacht: zwölf Prozent der Erstklässler wurden im Jahr 2000 bei der Einschulung ein Jahr zurückgestellt. Ein knappes Viertel der 15-Jährigen hatte im Laufe der Schulzeit ein Jahr durch Sitzenbleiben verloren.

Verbunden mit langen Studienzeiten, führte das dazu, dass im internationalen Vergleich deutsche Jungakademiker mit 27 Jahren die Hochschule verlassen, in den Niederlanden zum Beispiel aber schon mit 24 Jahren.

Wer das ganze Bild sieht, für den ist von Beschleunigung nichts zu erkennen. Warum also hält sich die Beschleunigungsmetapher so hartnäckig?

Meine Vermutung: Der Diskurs über das böse Turbo-Abi wird vorwiegend von Menschen meines Schlages geführt, von privilegierten Wessis, die, nebenbei gesagt, auch in den meisten Medien den Ton angeben. In den neuen Bundesländern, in denen die Schüler dieselbe Stundenzahl bis zum Abitur ableisten müssen wie im Westen, fehlt weitgehend die Erfahrung der dreizehn Jahre bis zum Abi. Und man ist dort – parteiübergreifend – in Bildungsfragen ohnehin pragmatischer als im Westen. Auch in den Familien, deren Kinder erstmals aufs Gymnasium gehen, fehlt die – oftmals verklärte – Erfahrung mit dem Abitur nach dreizehn Jahren.

Bleiben jene Eltern im Westen, die schon das Gymnasium besuchen durften, als es noch ein Privileg war. Sie können, wenn sie konsequent unter sich bleiben und die Lebenswelt anderer Schichten ausblenden, ein Gefühl der Beschleunigung spüren. Denn sie hatten ein Jahr mehr Zeit als ihr Nachwuchs zum Abitur, zudem waren die Noten noch nicht so wichtig wie heute.

Ob das die Zeit der großen Bildungserlebnisse war, ob man mehr träumen und trödeln konnte als heute, das wage ich zu bezweifeln, aber das mag bei manchem im nostalgischen Rückblick anders aussehen. Was vielen nicht bewusst ist und was einigen auch gar nicht so lieb sein mag: Mit der sogenannten Bildungsexpansion, die Ende der sechziger Jahre unter dem Motto "Mehr Bildung für alle" ihren Anfang nahm, hat sich das Gymnasium auch sozial gewandelt. Vom abgeschlossenen Club der Privilegierten ist es allmählich zur neuen Volksschule geworden (nur nebenbei: mit einem immer noch beachtlichen Leistungsniveau).

Über die Konsequenzen haben viele noch gar nicht nachgedacht. Ein Beispiel: Soll der Arbeiterjunge, für dessen Ausbildung die Familie spart, ein Jahr länger mit dem Geldverdienen warten, weil der Professorensohn Zeit für ein Auslandsschuljahr braucht?