Weniger Nostalgie, mehr den Blick aufs Ganze richten, sich von Fakten auch einmal irritieren lassen, das wünsche ich mir von den G-8-Skeptikern.

Wo ich mit ihnen einig bin, ist die Kritik an der geradezu überfallartigen Umsetzung der Gymnasialzeitverkürzung. Den ganzen Stoff aus neun Gymnasialjahren in acht Jahre zu stopfen, nicht nur die Oberstufe, sondern auch die Mittelstufe umzukrempeln, motivierte Lehrer nicht auszuzeichnen, unmotivierte Lehrer nicht zu überzeugen, das ist keine Glanzleistung der Kultusminister. Sie hätten sich – und den Schülern, Eltern und Lehrern – viel Ärger ersparen können, wenn sie einfach die luftig angelegte Oberstufe um ein Jahr gekürzt hätten.

Sicher wird sich das in den kommenden Jahren zurechtruckeln. Und eine Neujustierung der Lehrpläne ist dringend nötig. Trotzdem bin ich froh darüber, dass G8 mit all seinen Mängeln umgesetzt wurde. Denn hätte man vorab lange das Für und Wider abgewogen, dann hätte es diese Reform nie gegeben.

Einig bin ich mit den G-8-Kritikern auch in dem Befund, dass die Umwandlung vieler Gymnasien in schlechte Ganztagsschulen, mit improvisierter Schülerverpflegung und mit der Ausdehnung des Vormittagsunterrichts auf den Nachmittag, ein schwerer handwerklicher Fehler war. Daraus müssen nun gute Ganztagsschulen werden, mit einem neuen Rhythmus aus Unterricht, Nachhilfe, Sport und Kulturangeboten.

Hilfreich wäre schließlich, wenn G8 nicht als Dogma für alle Schularten auf dem Weg zum Abitur gesehen würde. Auf Hamburgs neuen Stadtteilschulen etwa können leistungsstarke Kinder auch das Abitur machen, nach 13 Jahren. Dass man in Niedersachsen die Gesamtschulen dazu zwingt, das Abitur ebenfalls nach zwölf Jahren zu erreichen, ist ein Fehler, der hoffentlich korrigiert wird. Unterschiedliche Geschwindigkeiten auf dem Weg zum Abitur können die Diskussion entkrampfen.

Es gibt Fragen im Zusammenhang mit G8, über die der Streit noch lange andauern dürfte, weil dazu jeder eine andere Meinung hat. Wie lange soll das Kind zu Hause bleiben zum Beispiel? Mit 18 sind die Kinder erwachsen, können in den Krieg ziehen, dürfen in den Bundestag gewählt werden. Ich finde: Das ist auch ein guter Zeitpunkt, um von zu Hause auszuziehen. Den Trend, das Erwachsenenalter zu infantilisieren, halte ich für einen Irrweg. Im Einzelfall mag es gute Gründe geben, dass ein 20-Jähriger noch zu Hause wohnt. Eine Gesellschaft, in der das der Normalfall ist, halte ich nicht für erstrebenswert.

Dies alles schreibe ich nicht nur als vernunftgesteuerter Analytiker, sondern auch als stolzer Vater eines Sohnes, der gerade im ersten G-8-Jahrgang in Niedersachsen sein Abitur abgelegt hat. Wir haben uns während seiner Gymnasialzeit über die Schule geärgert und gefreut – wie es immer war, und wie es wohl immer sein wird.

Ich habe nicht den Eindruck, dass er eine bedauernswertere Kindheit verbracht hat als ich oder als jene Mitschüler, die erst nach 13 Jahren Abitur gemacht haben.