»Verschenkte Potenziale« – Seite 1

Karin Wolk macht ihre Arbeit gut, aber das bedeutet ihr nicht viel. Sie arbeitet in einem Callenter bei Hamburg, immer vormittags, 25 Stunden pro Woche. Wenn sie Kundenanrufe für eine Versicherung beantwortet, macht sie das mechanisch. Beim Auflegen hat sie oft schon vergessen, mit wem sie gerade gesprochen hat.

Vor ein paar Jahren war die 43-jährige Betriebswirtin noch Managerin in der Werbebranche, zuständig für Millionenetats. Sie bewohnte mit ihrem Mann ein großes Haus bei München – wenn die beiden mal da waren. »Einen richtigen Haushalt hatten wir nicht, wir waren ja immer unterwegs«, sagt Wolk. Nach der Arbeit aßen sie in Restaurants, die Wäsche brachten sie zur Reinigung, am Wochenende fuhren sie in die Berge. Karin Wolk hatte viel Geld, viel Ansehen und viel Spaß.

Heute hat Karin Wolk eine vierjährige Tochter, Kim Soe. Die Familie Wolk wohnt inzwischen im Reihenhaus in einem kinderreichen Hamburger Vorort. Die Küche mit einer Palmenstrand-Tapete und einem Esstisch in Surfbrett-Form erinnert an die Werber-Welt. Im Garten stehen ein Klettergerüst, ein Riesentrampolin und eine Schaukel. »Ich bin keine Spielplatzmama«, sagt Wolk. Eine Mutter mit Vollzeitjob wollte sie aber auch nicht sein. Arbeiten wie früher kam nach der Geburt nicht infrage. Eine Teilzeitstelle suchte sie vergeblich.

Wolk hat Arbeitgeber und Kollegen von früher angerufen, Bewerbungen verschickt, ein Weiterbildungsprogramm der Arbeitsagentur besucht und sich sogar als Praktikantin beworben, um in den Job zurückzukehren . »Ich dachte, jetzt nehmen sie mich. Unbezahlt wollte ich beweisen, was ich kann«, sagt Wolk. Stattdessen bekam sie zu hören, sie sei überqualifiziert, sie werde sich von jüngeren Chefs nichts sagen lassen – und man fragte misstrauisch, warum sie es nötig habe, sich unter Wert zu verkaufen. Seit Anfang des Jahres arbeitet die ehemalige Managerin im Callcenter. Das Geld sei nicht der Rede wert, sagt sie, es gehe um eine Aufgabe außerhalb der Familie.

Eloquent, ehrgeizig, erfahren – so stellt man sich Mütter nicht vor, die bei der Rückkehr in ihre alte Berufswelt scheitern. Genaugenommen ist von Scheitern ohnehin nur selten die Rede, wenn es um Jobs und Kinder geht . Fünf Jahre nach der Einführung des Elterngelds scheint es, als hätten alle verstanden: Mütter, die nach der Geburt schnell in den Beruf zurückkehren. Väter, die in Elternzeit gehen. Arbeitgeber, die qualifizierte Frauen hofieren . Politiker, die den Krippenausbau vorantreiben. Und macht nicht gerade Familienministerin Kristina Schröder vor, dass selbst ein politisches Spitzenamt kein Grund mehr ist, auf Kinder zu verzichten?

Man lebte lange gut damit, dass die Hausfrau in keiner Statistik auftauchte

Es gibt Zahlen, die das Gegenteil zeigen: In Deutschland haben Frauen auf dem Arbeitsmarkt so wenig zu melden wie in kaum einem anderen Land Europas. Sie sind nicht nur seltener in Führungspositionen und haben Gehälter, die stark von denen vergleichbarer männlicher Kollegen abweichen , sondern sie arbeiten auch insgesamt viel weniger. Sie sind besonders oft unterbeschäftigt, unterfordert und unterbezahlt. Offenbar gibt es eine Menge Karin Wolks und nur wenige Kristina Schröders.

Zwar liegt Deutschland beim Anteil der Frauen an allen Berufstätigen in Deutschland europaweit in der Mitte. Aber nur die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen hat eine Vollzeitstelle – das ist der zweitniedrigste Wert in Europa. In keinem anderen Land arbeiten weibliche Teilzeitkräfte weniger Stunden pro Woche – obwohl nach einer Allensbach-Umfrage jede dritte Teilzeit-Mutter gern mehr arbeiten würde.

Normalfall Teilzeit-Mutter

Der Anteil der erwerbstätigen Mütter in Teilzeit nahm laut Statistischem Bundesamt seit 1970 von dreißig auf siebzig Prozent zu. In Paar-Haushalten mit minderjährigen Kindern waren 2009 knapp zwanzig Prozent der Mütter Vollzeit beschäftigt – 1996 war es noch ein Drittel. Ein deutscher Sonderweg: Das klassische Familienmodell mit männlichem Haupternährer und Hausfrau wird abgelöst durch Papa mit Vollzeitstelle und Mama mit 400-Euro-Job.

Wenn die Bundesregierung in dieser Woche zu einer Klausurtagung auf Schloß Meseberg zusammenkommt, wird es darum gehen, wie sich das ändern lässt. Sechs Minister werden über den Fachkräftemangel sprechen, der das Wachstum der Wirtschaft von 2013 an zu verlangsamen droht. Die wichtigste Antwort der Regierung steht jetzt schon fest. »Das größte Fachkräftepotenzial im Inland sehen die Wissenschaft und die Bundesagentur für Arbeit bei den Frauen«, heißt es in der Vorlage für die Klausur. Das Arbeitskräftepotenzial im Land werde bis 2025 um 6,5 Millionen Menschen sinken, wird in dem Papier gewarnt. Um knapp eine Million Menschen könnte demnach dieses Potenzial steigen, wenn die deutschen Frauen so häufig und so viele Wochenstunden arbeiteten wie die Däninnen.

Diese Empfehlung ist nicht selbstverständlich, denn es gäbe Alternativen: Die Wirtschaftsverbände und die FDP wollen den Fachkräftemangel in erster Linie durch mehr Zuwanderung lindern. Arbeitsmarktforscher rechnen vor, dass auch eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit helfen könnte. So hat Hilmar Schneider vom Institut Zukunft der Arbeit berechnet, dass zwei Stunden zusätzliche Arbeit pro Woche in Kombination mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch die Rente ab 67 schon etwa achtzig Prozent des Mehrbedarfs der Wirtschaft abdeckt. Von ganz allein werde der Personalmangel nicht die Erwerbsbeteiligung der Frauen verändern, sagt Schneider. Das müsse die Regierung wollen – und die passende Politik machen.

An den beiden zuständigen Ministerinnen, Kristina Schröder und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wird das nicht scheitern. Beide fordern nicht nur mehr sogenannte vollzeitnahe Teilzeitstellen von den Firmen, sondern wollen vor allem Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, die wegen ihrer Familie lange nicht berufstätig waren. »Rund 6,3 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter sind nicht berufstätig – viele mit mittlerer und hoher Qualifikation«, heißt es in der Vorlage für die Regierungsklausur.

»Für die sogenannte stille Reserve hat sich in der Politik lange kaum jemand interessiert, das ändert sich gerade«, sagt Jutta Allmendinger, Arbeitsmarktforscherin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Vor allem die Arbeitsverwaltung hatte in den Jahren hoher Arbeitslosigkeit kein Interesse daran, zusätzliche Bewerber anzulocken, man lebte gut damit, dass die typische Hausfrau in keiner Jobstatistik als unbeschäftigt auftauchte. Verschenkte Potenziale hat Allmendinger eine neue WZB-Untersuchung zur Lage der Wiedereinsteigerinnen genannt. Dabei wurden 574 Frauen befragt, die mehr als drei Jahre aus dem Job ausstiegen. Nur drei Prozent kehrten von einer vollen Stelle in eine Vollzeitstelle zurück, 53 Prozent arbeiteten Teilzeit, 44 in einer geringfügigen Beschäftigung. »Die Verluste an Arbeitseinkommen sind dramatisch«, heißt es in der Studie.

Ausnahmsweise wollen Schröder und von der Leyen dasselbe, nämlich mehr Unterstützung für diese Frauen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Im Familienministerium heißt es, man müsse nach all den Elterngeld-Initiativen auch etwas für die Mütter tun, die der Familie über viele Jahre Vorrang einräumten. Schließlich habe gerade die CDU lange betont, kleine Kinder selbst zu betreuen, sei mindestens so gut, wie staatliche Angebote zu nutzen. Bei Ursula von der Leyen spielt eher eine Rolle, dass sie die Frauen gut kennt, um die es in der Studie geht – sie war selbst mal eine: mit guter Ausbildung und Lust auf Beruf und ohne genaue Vorstellung, was das Richtige sein könnte. Als sie mit ihrem Ehemann und sieben Kindern aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückgekehrt sei, habe sie auch eine neue Aufgabe gesucht, wäre aber gar nicht darauf gekommen, über ein Jobcenter zu suchen, sagt sie.

Ulrike Blum ist zu einer Arbeitsagentur gegangen, als die Töchter aus dem Haus waren. »Ich nehme jede Stelle«, sagte sie damals zum Jobvermittler. Bekommen hat sie keine. Heute ist sie 65, sie lebt in einem großen Haus in Aichschieß bei Stuttgart, einem 2000-Einwohner-Dorf, in dem man seine Frühstückseier bei den Nachbarn kauft.

20 Jahre um die Familie gekümmert

Nach der Geburt ihrer Töchter hat Ulrike Blum sich zwanzig Jahre lang vor allem um Kinder, Haus und Garten gekümmert und sich in der Kirche engagiert. Im Moment kommt sie oft spät nach Hause, sie versucht, ein Mehrgenerationenhaus aufzubauen, gründet in Stuttgart türkisch-deutsche Biografiegespräche, organisiert eine Gemeindereise nach Israel und bereitet einen Vortrag über Charles Darwin vor.

»Ehrenamtliches Engagement hilft nicht beim Wiedereinstieg«

Ulrike Blum bekommt viel Anerkennung für ihren Einsatz, es ist ein volles, erfülltes Leben – und würde sich trotzdem anders entscheiden, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. Anerkennung für ihre wissenschaftliche Arbeit wäre ihr lieber gewesen. Sie war schon weit gekommen mit ihrem Pharmaziestudium, dann einer Promotion in Pharmakologie und Forschungsarbeiten für eine Habilitation. Als die erste Tochter geboren wurde, brach Ulrike Blum ab. Halbtags in der Wissenschaft arbeiten, das ginge nicht, sagte ihr Chef. Aber wenn Blum Medizin studierte, könne sie danach wiederkommen und hätte mehr Chancen.

Zwei Semester lang studierte sie, machte viele Scheine, das Baby nahm sie oft mit in die Uni. Dann bekam ihr Mann eine Stelle als Kanzler an der Universität Stuttgart, also zogen sie um. In Stuttgart gab es keine medizinische Fakultät. Blum konnte nicht weiterstudieren. Die Familie baute ein Haus. Während ihr Mann bis abends spät arbeitete, dirigierte Ulrike Blum die Handwerker. Dann kam das zweite Kind. »Mir machte es Spaß, mich nur um die Familie zu kümmern. Aber ich dachte nicht, dass ich nie wieder arbeiten würde«, sagt Blum. Im Gegenteil, sie war davon ausgegangen, dass auch ein Arbeitgeber honorieren würde, was sie in ihrer Zeit ohne Beruf geleistet hatte. »Ich kann gut organisieren und improvisieren, das habe ich in der Gemeinde gelernt«, sagte sie beim Besuch im Jobcenter. Das war dem Mitarbeiter der Arbeitsagentur zu unkonkret, er konnte ihr nicht helfen.

Die Studie des Berliner Wissenschaftszentrums zeigt, dass diese Erfahrung typisch ist: » Ehrenamtliches Engagement hilft nicht beim Wiedereinstieg.« Wichtig ist, welchen Beruf eine Mutter vor der Kinderpause hat – nicht etwa in klassischen Frauenberufen, sondern in Branchen mit wenig Frauen wie im Maschinenbau oder der Automobilindustrie sind die Aussichten für Mütter mit Kindern gut. Denn dort werden schon jetzt Fachkräfte gesucht. Auch Frauen wie Petra Sorge, Verkaufsmanagerin bei Ford in Köln und Mutter von zwei Söhnen im Grundschulalter. Wenn sie nach einem Arbeitstag nach Hause kommt, weiß sie oft nicht, wo Benedikt und Konstantin gerade sind. Vielleicht bei Freunden – das regelt eine fest angestellte Kinderfrau, die sich von Mittag an um die Jungen kümmert, kocht und bei den Hausaufgaben hilft. Petra Sorge versucht, zum Abendessen zu Hause zu sein. »Wenn ich spät dran bin, sind die Kinder manchmal zu müde, um vom Tag zu erzählen«, sagt sie. Dann liest sie ihnen nur noch vor.

»Stell dich drauf ein, ich will keine Kinder«, hatte Sorge ihrem Mann gesagt, als sie bei Ford anfing. Sie wollte weiterkommen, und sah dann, dass Kolleginnen Mütter wurden. Sorge und ihr Mann entschieden sich doch für eine Familie. Nach der ersten Geburt nahm die Betriebswirtin neun Monate Erziehungsurlaub, stieg mit einer Teilzeitstelle wieder ein und nahm den Sohn oft mit in den Betriebskindergarten. Sie arbeitete schnell mehr und gelangte, noch in Teilzeit, auf ihre erste Führungsposition. Nach der zweiten Geburt bekam sie einen Telearbeitsplatz. Mittlerweile leitet Sorge ein Team von neun Mitarbeitern. Vor Kurzem hat sie die erste Frau eingestellt, eine junge Mutter.

Solche Bewerberinnen wird es künftig häufiger geben. Dass Stellen sicher und lukrativ sind, wird für Mütter wichtiger, das zeigt eine Umfrage im Auftrag des Familienministeriums. »Den Wiedereinsteigerinnen sind ökonomische Motive heute deutlich wichtiger als Selbstverwirklichungsmotive«, heißt es in dem Bericht. Die Existenzsicherung für die Familie und die finanzielle Alterssicherung stehen an erster Stelle – anders als noch vor drei Jahren. Den Männern dieser Frauen, auch das zeigt diese Umfrage, ist dieser Wandel allerdings nicht klar. »Sie unterschätzen die materielle Motivation ihrer Partnerin«, heißt es in der Studie. Ein möglicher Grund: Wenn es in der Familie nicht nur einen Haupternährer gebe, sondern zwei, müsse auch über die Hausarbeiten neu verhandelt werden.