Gerade war es noch so still. Die Tribünen glotzten auf nichts, der Rasen war bloß grün, die Anlage nur Architektur. Auch der Ball lag unbelebt, Spielgerät halt, erst in Betrieb zu nehmen unter dem Aufbranden der Chöre, stimmlosem Jauchzen, den Ritualen der Stammeskulturen, Beschwörungen und weiterem Anschwellen: "Schick mich!", "Mach misch eine schöne Flanke!", "Wir wolln euch kämpfen sehen!" Jetzt den perfekten Spielertypus aus sich befreien, den entfesselten, den auf den Torjubel zuspielenden, den Midas unter den Spielern, dem alles gelingt. Mit dem Anpfiff muss er seinen wahren Aggregatzustand finden, den Zustand der Omnipotenz, in dem ein Mensch den Mannschaftssport beherrscht wie eine Trapeznummer mit Ball.

Doch noch ist alles still. Geht es gut, verlässt der Fußball das Feld der Ehre als Sonnenkönig. Geht es schlecht und das Team spielt lustlos, scheint das ganze Leben von einer Vitalverstimmung getrübt. Dann gehen die Fans früh oder drehen sich mit den Rücken zum Platz oder recken Transparente mit der Aufschrift: "Danke für Nichts!" So soll nicht gelebt und nicht gespielt werden. Also los, gegen den Nihilismus! Seitenwahl, Händedruck ringsum, nicht über Kreuz: "Gutes Spiel!", "Gutes Spiel!", "Gutes Spiel!", "Gutes Spiel!"

Jedes Element in diesem Ablauf ist männlich konnotiert. Die Fanblöcke bestimmen Männer , die Fangesänge auch, die Vorstände sitzen da in Politbüro-Ästhetik, und glaubt jemand, Frauen hätten den Text erfinden können: "Schiedsrichter, wir wissen, wo dein Auto steht!"? Auch die Gesten auf dem Platz sind männliche Gesten: das phallische Drohen. Das Imponierritual. Das Aus-der-Nase-Rotzen. Das Aus-dem-Rachen Rotzen. Das Brust-gegen-Brust-Aufbäumen im Konflikt. Das Auf-die-Brust-Hämmern im Torjubel. Das Springen an den Zaun.

Jetzt also vier Wochen lang nichts von alledem, sondern auf dem Platz: Frauen. Sogar Ladys. Zwar sind Straßenfußballerinnen unter ihnen , aber, denken die Männer, das müssen andere Straßen gewesen sein. Ohne Köter, ohne Rüpel. Auch wenn der Fußball längst kein Proletariersport mehr ist, seine Riten stammen noch von da. Man kann es drehen und wenden, wie man will, die Rituale des Spiels sind Männerrituale, Revierkämpfe, verdecktes Balzen. Würden sich Frauen in den Hals beißen? Würden sie sich würgen, in den Schritt kneifen, bespucken? Hat man je eine Frau gesehen, die sich nach dem Torschuss die Nase vom Schnodder befreite?

In den Umkleidekabinen der Männer wird die Frauenverachtung zelebriert

Der Männerfußball wird zum guten Teil von Neureichen, Wohlhabenden, sogar Reichen gespielt, tut aber gern proletarisch. Hier wird in den Kabinen dumpfeste Frauenverachtung gestattet, Männerbündisches gepflegt und Milieu produziert. Das ist seine Folklore. Das alte Idol eines wahren Fußballers ist nicht David Beckham, sondern Wayne Rooney, nicht Luca Toni, sondern Franck Ribéry, nicht Raúl, sondern Eric Cantona. Und auch wenn dies alles gar nicht mehr wirklich existiert und jeder erfolgreiche Fußballspieler am besten auch noch Modelqualitäten haben sollte, in der Herablassung gegenüber dem Frauenfußball pflegt dieser Sport seine Vergangenheit, als die Spieler noch nicht metrosexuell auftraten, Parfüms kreierten oder für Kokosmilch warben. Das Reinheitsgebot des Fußballs straft die Frauen auch für das, was die Männer daraus gemacht haben. Den Frauen gegenüber tun sie männlicher, damit man nicht sieht, dass auch sie schön, zart, schwul und empfindlich ausfallen können.

Die Frauen dagegen sind es satt, ihren Sport dauernd geschlechtlich definiert zu sehen . Sie möchten so eigenständig verstanden werden wie das Damentennis, das allerdings auch nicht gerade ein Massenpublikum findet. Man kann den Wunsch nach Aufmerksamkeit, nach Sponsoren und teuren Übertragungsrechten verstehen. Die unsentimentale Wahrheit aber lautet: Die Spielerinnen sind überwiegend Amateurinnen, die Einschaltquoten der Spiele außerhalb der großen Turniere sind mau, nur drei Bundesligavereine – der 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam und der FCR Duisburg – machen meist die Meisterschaft unter sich aus, das ZDF zeigt außerhalb der großen Turniere vor größerem Publikum eher Frauenboxen als Frauenfußball, und wenn man sonst schon den Vergleich zum Männerfußball satt ist, in welchem Frauensport existiert dieses gleichrangige Interesse überhaupt, und wo wäre sie denn, die Grundlage für die Gleichstellung der Frau im Fußball?

Die meisten Spielerinnen trainieren vier Einheiten pro Woche. Leichtathletinnen, Biathletinnen, Schwimmerinnen kämen damit kaum aus. Kann man die körperliche Verfassung der Fußballfrauen mit jener der Männer also überhaupt vergleichen? Katja Kraus, ehemalige Bundesliga- und Nationaltorhüterin und erste Frau im Vorstand eines Fußballbundesligisten, dem HSV, formuliert differenziert: "Nicht die spielerische Entwicklung hängt zurück. Aber die körperlichen Unterschiede prägen das Spieltempo und damit auch den Aufbau. Der Frauenfußball kennt herausragende Solistinnen auf dem Feld. Aber das Team genießt einen höheren Stellenwert."