Ein derangiertes Narbengesicht stiert den Betrachter an, hohläugig und mit gebleckten Zähnen. 1961 hat Helmut Sturm dieses Bild gemalt, mit brachialen Schwüngen. Es sollte die schweigende Mehrheit der Adenauer-Zeit attackieren, eine Ära, in der die Nazi-Vergangenheit der Republik unter die Teppiche der Wirtschaftswunderheime gekehrt wurde.

Helmut Sturm war zusammen mit Heimrad Prem, HP Zimmer und Lothar Fischer einer der vier wichtigsten Protagonisten der Münchner Künstlergruppe Spur. Als fröhlich saufende Utopisten zogen sie durch Schwabing und entwickelten dabei eine ebenso originelle wie für das westliche Nachkriegsdeutschland bedeutende künstlerische Position. Die revolutionären Jungspunde wetterten gegen alles und jeden. Abstrakte Malerei erinnere an Krawattenmuster. Wols sei ein Dilettant und Pollock ein sich selbst zitierender Tropf. Sie schimpften auf die Diktatur, aber auch auf die Demokratie. Und natürlich verbreiteten sie ihre Ansichten in Manifesten. "Wir sind arrogant und exzentrisch. Wir spotten jeder Beschreibung." Eine bemerkenswerte Vorwegnahme späterer Spontisprüche. Nicht von ungefähr gehörte der künftige Kommunarde Dieter Kunzelmann zum Dunstkreis der subversiven Gesellen.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Bemerkenswert ist auch die neue Heimat, die ein Konvolut von Bildern und Skulpturen der Schwabinger vier gefunden hat. Es ist der "Leere Beutel". Der ehemalige Kornspeicher der Stadt Regensburg hat seinen Namen geplünderten Geldbörsen zu verdanken, sagt Reiner Meyer. Aber ganz sicher ist er sich da nicht. Meyer ist der Leiter der Städtischen Galerie, die auf der dritten Etage des riesigen Gebäudes etwa 75 Werke aus ihrem Sammlungsbestand zeigt. Die Arbeiten der "Spuren" sind das Herzstück der Dauerausstellung.

Der Leere Beutel kann jede Menge aushalten, Subversion wie Aggression. Sein Gemäuer ist mächtig, das Gebälk wuchtig. Das Gebäude wurde Ende des 16. Jahrhunderts errichtet und ist Teil des beeindruckenden Regensburger Altstadt-Ensembles zwischen Dom und Steinerner Brücke, das seit 2006 das Prädikat "Weltkulturerbe" trägt. Ende der 1970er Jahre wurde der alte Getreidespeicher generalsaniert. Und 1980 zog die Städtische Sammlung ostbayerischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ein, womit dann auch die Anwesenheit der "Spuren" erklärt ist: Einige Mitglieder der Künstlervereinigung stammen aus der Gegend.

Insgesamt umfasst die Sammlung etwa 600 Gemälde, 40 Plastiken und 4500 grafische Blätter – Drucke, Zeichnungen, Fotografien. Ausgestellt sind hauptsächlich Werke mit Lokalbezug: Veduten von Regensburg, Porträts von Alpengipfeln und Personen des öffentlichen Lebens. Dabei geht es munter durch alle Stilepochen, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Informel, Neue Figuration. Eine Entdeckung sind Landschaftsmaler wie Josef Achmann und Willy Ulfig, Vertreter der verschollenen Generation, die auf eigenständige Weise Naturdarstellungen aus der Farbe entwickeln, sehr expressiv und lyrisch.

Kurioses gibt es auch zu sehen, zum Beispiel das Bildnis des ehemaligen Regensburger Museumsdirektors und Ehrenbürgers Dr. Walter Boll, den der stadtbekannte Zyniker und Malerkauz Max Wissner 1944 porträtiert hat. Es zeigt den Kunstexperten, wie er ein Bozzetto der Heiligen Veronika betrachtet – mit geschlossenen Augen. Da kann man dann ins Grübeln geraten, ob der Maler den Direktor beim Sinnieren zeigen wollte oder als einen, der blind gegenüber der Kunst ist.