Obwohl sein Lebenslauf dem Hunderttausender einfacher und mittlerer Beamter glich, die in Scharen in den ersten Tagen und Wochen nach Hitlers Machtantritt in die NSDAP drängten und seiner Politik zujubelten, widerstand Kellner den kleinen und großen Versuchungen; die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt, in der Sozialpolitik oder in der Außenpolitik blendeten ihn nicht. Diese Haltung ließ er immer wieder in Gesprächen durchblicken, sodass den Gewaltigen in Laubach klar werden konnte, dass sie es mit einem Regimegegner zu tun hatten. Sie bekamen ihn jedoch nicht richtig "zu packen", wie die Kreisleitung der NSDAP der Laubacher Ortsgruppe 1940 bedauernd auf deren Ansinnen mitteilte, Kellner in "Schutzhaft" nehmen zu lassen. "Menschen vom Typ Kellner" seien "viel zu intelligent", als dass sie "sich greifbar schuldig machten". So vertröstete man denn auf die Zeit nach dem Krieg: "Wenn wir Leute vom Schlage Kellner fassen wollen, müssen wir sie aus ihren Schlupfwinkeln herauslocken und schuldig werden lassen. Ein anderer Weg steht zur Zeit nicht offen. Zu einem Vorgehen ähnlich dem seinerzeit gegen die Juden ist die Zeit noch nicht reif. Das kann erst nach dem Krieg erfolgen."

Unterdessen machte sich Kellner daran, seine Chronik anzulegen: für den seit 1936 in den USA lebenden Sohn, aber auch für die Allgemeinheit. "Der Sinn meiner Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein ›großes Geschehen‹ heraus zu konstruieren (eine ›heroische Zeit‹ od. dergl.)."

Zufällig Gehörtes, Gespräche und vor allem die jedermann zugänglichen Zeitungen waren Kellners Quellen. Er verfügte weder über Einblick in Geheimdokumente, noch konnte er wie die Exil-SPD für ihre Deutschland-Berichte auf ein Netz von Zuträgern zurückgreifen. Der entscheidende Unterschied zu den meisten anderen "Volksgenossen" war wohl, dass Kellner mit wachem Verstand die NS-Propaganda las und nicht an der allgemein verbreiteten Amnesie litt. Im Gegenteil: Die jeweils aktuelle Propagandawelle setzte er in Beziehung zu dem, was oft nur wenige Wochen zuvor berichtet worden war oder was die NS-Funktionäre vor Jahren gesagt und geschrieben hatten. So konnte, gleichsam als Zeitungsphilologe, ein einfacher Mann ohne höhere Schulbildung den wahren Kern des Regimes erkennen.

Stand zunächst die Haltung der Laubacher im Vordergrund, ging es ihm bald schon um das Ganze: die Verlogenheit der Propaganda und die Verbrechen des NS-Staates. Und immer wieder auch um eine zukünftige Abrechnung mit dessen Vordenkern, Vollstreckern und Nutznießern.

Ihm ist klar: Es geht um die "Ausrottung der Juden und Polen"

Ein stetig wiederkehrendes Thema ist der Luftkrieg. Am 1. September 1940 schreibt Kellner dazu: "Wenn in den Heeresberichten und in den Zeitungen der Flugwaffe täglich gedacht wird, so wird hierdurch der Versuch gemacht, Eindruck hervorzurufen. Unsere Flieger legen nach den Meldungen alles in Schutt und Asche. Der Gegner trifft nur freies Feld, Friedhöfe oder Krankenhäuser." Der immer aggressiveren Propaganda von den "englischen Luftpiraten" hält er zwei Wochen später entgegen: "Sobald ein Amtsträger oder Parteigenosse einem Fliegerangriff zum Opfer fällt, wird in den parteiamtlichen Todesanzeigen von ›englischen Luftpiraten‹ und ›feigen Bombenangriffen britischer Nachtpiraten‹ gesprochen. Das mag vielleicht auf den einen oder anderen harmlosen Deutschen noch einen gewissen Eindruck machen, es wird aber wohl außerhalb der Grenzen des deutschen Reiches kaum einen halbwegs vernünftigen Menschen geben, der etwa zwischen einem Bombenangriff auf London und einem solchen auf deutsche Städte einen Unterschied herausfinden könnte. Es ist also einfältig, auch nur ein Wort des Unmutes über die Angriffe zu sagen. Wünscht man keinen Fliegerangriff, dann darf man keinen Krieg machen. Wer hat übrigens die Bewohner Polens mit Flugzeugen angegriffen?? Waren diese Flieger auch Piraten? Oder in Holland (Rotterdam)?"

Selbst als die Bombardements später zunehmen und seine eigene Verwandtschaft in Mainz betroffen ist, hält Kellner an seiner Überzeugung fest. Er verspottet all diejenigen, die über "Terrorangriffe" lamentieren, aber vorher über die deutschen Luftschläge gegen die englischen Städte frohlockt haben.

Methodisch raffiniert und erfinderisch, mit einem feinen Gespür für die Sprache bedient sich Kellner unscheinbarer Dinge bei seiner Analyse der Kriegswirklichkeit im Alltag und der Einstellung seiner Mitmenschen. Er liest aufmerksam die Todesanzeigen in der regionalen und überregionalen Presse und zieht daraus seine Schlussfolgerungen. Im Sommer 1941 stellt er bei der Lektüre der Trauerformeln ein "buntes Gemisch" in der "Geistesverfassung der Hinterbliebenen" fest. Angewidert listet er die Wendungen auf: "Für seinen geliebten Führer", "Für sein teures Vaterland u. den festen Glauben an den Sieg Deutschlands" und sogar "Im Kampf gegen den Bolschewismus u. das Untermenschentum". Dass viele aus dem Tod der Hinterbliebenen "noch ein politisches Geschäft" machen wollen, sagt ihm viel über die Geisteshaltung seiner Zeitgenossen, die wenigen aber, die bereits 1941 auf solche Formeln verzichten, sieht er auch.

Dass den maßlos übertriebenen Verlusten der Gegner keine Zahlen der deutschen Verluste gegenübergestellt werden, verurteilt er immer wieder. Schließlich behilft er sich mit einer eigenen Berechnung. Im Oktober 1941 zählt er alle im Hamburger Fremdenblatt veröffentlichten Todesanzeigen zusammen und kommt auf 281. Auf dieser Grundlage rechnet er hoch – bei angenommenen 250 Zeitungen mit jeweils fünf Todesanzeigen pro Tag kommt er auf eine Zahl von mindestens 30.000 gefallenen deutschen Soldaten in einem Monat, vergisst aber nicht, anzumerken, dass die wahre Zahl noch deutlich höher liegen müsse, da es nicht für jeden eine Todesanzeige gebe.

So aufmerksam, wie Kellner während des Krieges die Zeitläufte mithilfe der Presse verfolgte, ist anzunehmen, dass er auch in den ersten Jahren nach 1933 die Verbrechen des Regimes genau beobachtet hatte: die Etablierung der Diktatur, die Ausschaltung der politischen Gegner, die Verfolgung und Entrechtung der Juden, die Errichtung von Konzentrationslagern und vieles mehr. Unstrittig ist, dass hiervon alle Zeitgenossen wussten, wenn auch die Zustände in den KZs nicht im Detail bekannt waren.