Die Massenverbrechen während der Kriegszeit aber, vor allem den Mord an den Behinderten und die Vernichtung der europäischen Juden, wollte das Regime unbedingt geheim halten. Selbst intern bedienten sich die Täter einer Art Geheimsprache. Das machte es vielen Deutschen nach 1945 einfach, pauschal abzustreiten, "davon" etwas gewusst zu haben. Die Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte indes haben hinreichend gezeigt, dass jeder wissen konnte, der wissen wollte – mitunter sehr detailliert. Fest steht auch: Die "Volksgemeinschaft" hatte begriffen, dass den Juden "nichts Gutes" widerfuhr. Friedrich Kellners Tagebücher nun belegen eindrücklich, was man alles wann und wo in Erfahrung bringen konnte.

Auf ganzer Linie gescheitert war der Versuch des Regimes, den Mord an den Behinderten und unheilbar Kranken zu vertuschen. Seit Herbst 1939 töteten Ärzte und Pfleger in sechs über das gesamte Reichsgebiet verteilten Mordzentren bis Ende August 1941 mindestens 70.000 Menschen in Gaskammern und äscherten ihre Leichen anschließend ein. Nördlich von Wiesbaden, in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar, wurden innerhalb weniger Monate von Dezember 1940 bis zum Frühjahr 1941 rund 10.000 Patienten umgebracht, was die Menschen der Umgebung sehr bald wussten. Dieses Wissen verbreitete sich über die Region hinaus.

Spätestens im Juni 1941 hörte Friedrich Kellner davon. Am 10. Juni schreibt er: "In letzter Zeit mehren sich die Anzeigen über Todesfälle in der Heil- und Pflegeanstalt in Hadamar. Es hat den Anschein, daß unheilbare Pflegebefohlene in diese Anstalt gebracht werden. Auch soll eine Anlage zur Einäscherung eingebaut worden sein." In den folgenden Wochen erreichen Kellner weitere Informationen, die sich schließlich Ende Juli 1941 zur Gewissheit verdichten, dass in Hadamar und andernorts Ungeheuerliches vor sich geht: "Die ›Heil- und Pflegeanstalten‹ sind zu Mordzentralen geworden. Wie ich erfahre, hatte eine Familie ihren geistig erkrankten Sohn aus einer derartigen Anstalt in ihr Haus zurückgeholt. Nach einiger Zeit erhielt diese Familie von der Anstalt eine Nachricht des Inhalts, daß ihr Sohn verstorben sei und die Asche ihnen zugestellt! Das Büro hatte vergessen, den Namen auf der Todesliste zu streichen. Auf diese Weise ist die beabsichtigte vorsätzliche Tötung ans Tageslicht gekommen."

Zur selben Zeit, unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion, erreicht die Verfolgung der Juden eine neue Eskalationsstufe. In Polen und den besetzten sowjetischen Gebieten beginnt der Holocaust – Hunderttausende Menschen werden erschossen. Das Wissen von diesen Morden dringt bald schon ins Reich, bis in die Provinz. So auch zu Kellner, der am 28. Oktober 1941 schreibt: "Ein in Urlaub befindlicher Soldat berichtet als Augenzeuge fürchterliche Grausamkeiten in dem besetzten Gebiet in Polen. Er hat gesehen, wie nackte Juden u. Jüdinnen, die vor einem langen, tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der SS von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden u. in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!!"

Für Kellner gibt es da nur eins: die konsequente Verfolgung der Täter. Auch die breite Masse der Bevölkerung will er nicht aus der Verantwortung entlassen: "Es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden. Natürlich müssen bei der Vergeltung auch wieder die Unschuldigen mitleiden. 99 Prozent der deutschen Bevölkerung tragen mittelbar oder unmittelbar die Schuld an den heutigen Zuständen."

In den folgenden Wochen und Monaten verfolgt er das Schicksal der Juden, etwa Deportationen aus Frankfurt und Kassel. Was im Herbst und Winter 1941 vielleicht noch eine Ahnung gewesen sein mag, ist im Mai 1942 für ihn schreckliche Gewissheit: Die Maßnahmen und Massaker haben System und zielen auf die vollständige Ermordung der Juden ab. Die verordnete Streichung von Lebensmittelzulagen für schwangere Jüdinnen und Polinnen kommentiert er lakonisch: "Das kann wohl unter das Kapitel ›Ausrottung der Juden und Polen‹ gebracht werden."

Die Abrechnung mit dem NS-Regime muss gründlich und unerbittlich sein

Im September 1942 erfasst der Mordapparat auch Kellners unmittelbare Umgebung. Aus Laubach werden zwei jüdische Familien deportiert. Seinem Entsetzen und Zorn macht Kellner in seinem Tagebuch Luft: "In den letzten Tagen sind die Juden unseres Bezirks abtransportiert worden. Von hier waren es die Familien Strauß u. Heinemann. Von gut unterrichteter Seite hörte ich, daß sämtliche Juden nach Polen gebracht u. dort von SS-Formationen ermordet würden. Diese Grausamkeit ist furchtbar. Solche Schandtaten werden nie aus dem Buche der Menschheit getilgt werden können. Unsere Mörderregierung hat den Namen ›Deutschland‹ für alle Zeiten besudelt. Für einen anständigen Deutschen ist es unfaßbar, daß niemand dem Treiben der Hitler-Banditen Einhalt gebietet."

Solche Verbrechen, das stand für Kellner unverrückbar fest, mussten geahndet werden, die Abrechnung mit dem NS-Regime musste gründlich und unerbittlich sein. Hiervon hatte er eine recht genaue Vorstellung. Wohl nicht zufällig stellte er im Sommer 1941, als ihn die Nachrichten der Massenverbrechen erreichten, einen ersten Katalog an Maßnahmen dazu auf: Auflösung der NSDAP, Anklage der NS-Verbrechen, Inhaftierung beziehungsweise Überwachung der Parteifunktionäre. Außerdem seien Sühneleistungen, sei die Wiedergutmachung "sofort in Angriff zu nehmen", und die Verwaltungsführung habe auf unbescholtene Bürger überzugehen, vornehmlich rückkehrende Emigranten.

Immerhin: Für ihn selber erfüllte sich dieser Wunsch. Er wurde nach Jahren der Kaltstellung befördert und bekam sogar eine "Wiedergutmachung". Eine kurze Zeit lang war er der stellvertretende Bürgermeister von Laubach. 1970 starb Friedrich Kellner – ein ganz normaler Deutscher und unbestechlicher Chronist einer gnadenlosen Zeit.