Bernd Cailloux hatte eigentlich damit gerechnet, berühmt zu werden. Wäre er berühmt geworden, als Schriftsteller, als Chronist, als Überlebender der westdeutschen Studentenrevolte, hätte er zu jedem Jubiläum und Jahrestag in Talkshows und im Radio, in Zeitungen und Magazinen von diesem längst vergangenen Sommer 1968 erzählen können, der eigentlich viele Jahre dauerte. Er wäre bei Maybrit Illner und Anne Will, er könnte jedes Mal von Uschi Obermaier, von den revolutionären Tagen und Nächten, von der ersten großen Jugendbewegung Deutschlands erzählen. Er wäre die schnörkellose Abwechslung neben den Erinnerungsprofis Joschka Fischer oder Rainer Langhans .

Bernd Cailloux fehlte, als 2008 dieser Sommer unter die Lupe genommen wurde und sich die deutsche Diskursgemeinde verhielt, als sei sie noch ganz verkatert von dem orgiastischen Ausbruch. Die 68er wurden im Jahr 2008 zu einer Hassgeneration – zu hedonistisch für die einen, zu faschistisch für die anderen, man behauptete sogar, die Republik stünde noch immer unter geheimer Führung der 68er, die einen unvergleichlichen Aufstieg ins Establishment geschafft hätten.

Weil Bernd Cailloux dabei war, als die Welt umgekrempelt wurde, schrieb er einen brillanten Roman darüber: Das Geschäftsjahr 68/69 . Das Buch hätte einschlagen müssen wie eine Abrisskugel. Es hätte die schöne Fassade aus Toskana-Revolutionären, Ströbele-Fraktionen, Fischer-Folklore wegreißen können. Tat es aber nicht. In dem Roman berichtet sein Ich-Erzähler, wie es war, 1968 mit einer Idee, mit einer Vision eines neuen Lebens, jedenfalls mit großem Idealismus eine Revolution in Deutschland anzuschieben. Doch unterwegs begannen Idealismus und Revolution sich aufzulösen, im Geld, in Drogen, im Erfolg. Die 68er, erzählt Cailloux im Roman, haben recht eigentlich erst das Denken in Projekten erfunden. Mit der Erfindung des Stroboskops verdienen seine Romanfiguren das große Geld, in dem "Geschäftsjahr 68/69" werden sie Millionäre, und die Gruppe bricht auseinander. Fünf Jahre Koks, Geld, Partys halten sie durch, dann zerreißt alles vor ihren Augen. Man wacht auf und hat Hepatitis, hat das Geld verprasst, den Anschluss an Realität und Freunde verloren.

Das Buch verkaufte sich, als es 2003 erschien, um die 15.000 Mal. Die Kritik lobte das Buch. Gut geschrieben, hieß es, schnell, witzig, schmutzig, schön, Club und großes Geld, Drogen und Düsseldorf. Alles drin, was in einen Pop-Roman reinmuss. Was das Jahr 68 war, kann man auf 253 Seiten nachlesen. Cailloux leistete Trauerarbeit um einen deutschen Mythos, der sich am Ende beinahe banal zusammenfassen lässt: Beim Geld hört die Freundschaft auf. Die Revolution. Alles wurde zur Firma. 1968 zu einer Marke.

Zur Gründung der Zentralen Intelligenzagentur in Berlin wurde das Video Geschäftsjahr 2006/2007 gedreht, das man auf YouTube sehen kann, und Kathrin Passig , Mitbegründerin der Agentur, verteilte an alle Mitglieder Cailloux’ Roman. Als eine Art Warnung. Ina Hartwig schrieb über Das Geschäftsjahr : "Der Ich-Erzähler lamentiert nicht." Später ist klar, es gibt nur einen, der nicht lamentiert, und das ist Bernd Cailloux als Bernd Cailloux.

Erste Frage: Wie war das mit den 68ern? Sind sie die Guten? Bernd Cailloux schaut in den Raum, als suche er den Notausgang, dreht sich eine Zigarette, steht da wie ein verschlossener Schrank, bestellt sich eine Cola. Café Einstein, das Stammhaus natürlich in der Kurfürstenstraße, es bröckelt ein bisschen das Leder von den Sitzen. Am Morgen hat er noch an seinem zweiten Roman mit dem Arbeitstitel Mein Leben Teil 2 und 3 geschrieben.

"Hören Sie mal. 68, das können Sie sich vielleicht nicht vorstellen, da haben die Omas auf den Straßen mit den Regenschirmen um sich geschlagen, weil wir lange Haare trugen. Deshalb gab es 68 ja überhaupt." Er ist dünn ("Ich nehme nicht viel zu mir"), hat tiefe Falten im Gesicht und ist blass. Wirkt gelangweilt. Oder müde. Er raucht nur in Gesellschaft. Maximal vier am Tag, während wir uns treffen: vier in der Stunde. "Ich rauche schon wieder so viel", sagt er und schaut vorwurfsvoll in die Augen seines Gegenübers.

An einem Tag im Jahr 68 ff. setzte sich Bernd Cailloux eine Opiumspritze und drückte sich nicht nur den himmlischen Frieden, sondern auch das Hepatitis-Virus ins Blut, das er erst vor ein paar Jahren mit einer Interferontherapie aus seinem Körper herausbekam. "Pamela Anderson", sagt er, "hat es auch versucht, aber die Interferontherapie ist hart und unangenehm. Sie hat’s nicht geschafft." Cailloux ist auch Soldat. Er ist streng. So einfach kommt ein Virus nicht davon. Er hat es erledigt. Damals aber sei das Opium "nicht zufällig in die Runde gefallen. In einer Zeit voller Fremder ist es das Harmonium gewesen. Sofort fühlt man sich, egal wo und mit wem, zu Hause und geborgen. Alle sind dann sofort Freunde." Das "echte" Opium kam über die GIs direkt aus Afghanistan. "Ein Jahr stand es auf meinem Speisezettel." In den siebziger Jahren war dann von der Revolution nur noch das Opium übrig geblieben, Cailloux hat Freunde und Bekannte auch an die Droge verloren. Er hat versiffte Wohnungen und die zittrigen Junkies gesehen, sich selbst schließlich aber ins Schreiben und nach Berlin gerettet. Von dem Geld, das er und seine Geschäftspartner mit dem Verkauf des Stroboskops verdient hatten, blieb nichts übrig.