Sie hatten keine Chance. Und die sollten sie nach dem Willen von Hafis al-Assad auch nicht haben. Im Februar 1982 ließ der Amtsvorgänger und Vater des heutigen Präsidenten Syriens, Baschar al-Assad, eine syrische Großstadt regelrecht zusammenschießen , Tausende Menschen starben. Der Militärdiktator wollte im Kampf gegen die aufständische Opposition keinen Millimeter nachgeben. Für ihn ging es um alles oder nichts.

Zwölf Jahre war Assad 1982 an der Macht. Doch seine Stellung galt als gefährdet. Zwar hatte ihm der verlorene Angriffskrieg gegen Israel im Oktober 1973 nicht geschadet – im Gegenteil: Dieser Feldzug wurde von der syrischen Propaganda als Sieg gefeiert und hatte Assad sogar eine gewisse Beliebtheit in der Bevölkerung verschafft. Auch half der steigende Ölpreis in den folgenden sieben Jahren, das Regime zu stabilisieren. Aber Anfang 1982 trugen diese Effekte nicht mehr. Assad stieß innenpolitisch zunehmend auf Widerstand, seine Gegner formierten sich.

Sie gehörten verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen an; denn Syrien war schon damals eine multikulturelle Nation. Arabische Muslime mehrheitlich sunnitischer Konfession lebten und leben hier mit arabischen Christen und Drusen und mit Kurden zusammen. Insbesondere die Sunniten stießen sich unter Assad daran, dass der Präsident und sein engstes Umfeld schiitische Alawiten waren – und damit zu den unbedeutenderen islamischen Gruppierungen gehörten, von ihrer Herkunft her traditionell arm und unterprivilegiert. Vielerorts in der muslimischen Welt galten sie nicht einmal als "echte Muslime". Ihnen wurde sogar unterstellt, statt Allah den Mond und die Sterne anzubeten.

Wie viele arabische Staatschefs stand auch Assad als ein in der Sowjetunion geschulter Kampfpilot nicht gerade in dem Ruf, ein Mann der Demokratie zu sein. 1970 hatte er sich, nach steiler Karriere in Militär und der das Land beherrschenden Baath-Partei, vierzigjährig an die Macht geputscht. Er regierte Syrien – einen säkularen Militärstaat vom Typus Ägyptens, Libyens oder des Iraks – von Anfang an mit diktatorischer Gewalt . Arabischer Nationalismus und Sozialismus verbanden sich mit einer tiefen Feindschaft gegen Israel, das seit dem Sechstagekrieg 1967 die syrischen Golanhöhen besetzt hielt.

Zu einer Belastung für Assad wurde sein Engagement im Libanon , wo ein Großteil seiner Armee im Einsatz war. Er hatte sie 1976 mit dem Ziel entsandt, den Bürgerkrieg in Beirut zu beenden, was sich zunächst als unmöglich erwies. Schließlich übernahmen die Syrer faktisch die Macht im Nachbarland, ein Status, der sie immer wieder auch in akuten Konflikt mit Israel brachte.

Zur selben Zeit, Mitte der siebziger Jahre, erwuchs Assad innenpolitisch ein gefährlicher Gegner: die Muslimbruderschaft . Diese 1928 in Ägypten gegründete, dort später unter Staatschef Nasser gnadenlos verfolgte islamistische Organisation beteiligte sich seit 1976 nicht nur an Anschlägen in Syrien, sondern unterhielt auch Verbindungen zu Terrorgruppen in anderen arabischen Ländern. Sie stand in dem Ruf, die Regierung in Damaskus stürzen und ein fundamentalistisches Regime errichten zu wollen. Assad selbst beschuldigte Israel, sie zu unterstützen.

Zu Beginn der achtziger Jahre begannen die Muslimbrüder eine Terroroffensive in Syrien. Anfangs reagierte Assad – nach den Analysen des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld – "ganz ähnlich wie unzählige andere vor und nach ihm, allenfalls eine Spur brutaler": mit Restriktionen, mit Verhaftungen und Folter. Islamistische Häftlinge wurden zu Hunderten in den Gefängnissen erschossen. Doch all dies beschleunigte nur die Gewaltspirale. Die Anschläge der Muslimbrüder, denen ebenfalls Hunderte Menschen zum Opfer fielen, gingen weiter.

Er beschloss, ein mörderisches Exempel zu statuieren

1979 explodierte ein Sprengsatz in der Militärakademie, 50 alawitische Kadetten starben. Damit hatten die Muslimbrüder in das Herz der Armee getroffen. Sie war neben dem Geheimdienst nicht nur Assads wichtigste Machtstütze, sondern galt mit ihren 2.500 Panzern und Tausenden von Geschützen modernster sowjetischer Bauart auch als sehr gut ausgerüstet. Im Jom-Kippur-Krieg gegen Israel 1973 hatte sie sich (trotz ihrer Niederlage) tapfer geschlagen, doch um eine militante Opposition dauerhaft niederzuhalten, waren diese Soldaten kaum geeignet. Als sich nun die Terroroffensive der Muslimbrüder intensivierte, drohte Assads Regime Anfang 1982 auseinanderzubrechen.

Aus Furcht um ihr Leben wagten sich viele Funktionäre des Regimes nicht mehr auf die Straße, sondern tauchten mit ihren Familien unter. Als auch Assads eigenes Leben nach einem beinahe erfolgreichen Anschlagsversuch direkt bedroht war, beschloss er, ein mörderisches Exempel zu statuieren.

Die mittelsyrische, damals etwa 350.000 Einwohner zählende Stadt Hama galt als Hochburg der Muslimbrüder. Was dort im Februar 1982 genau geschah , kann bis heute nur schwer rekonstruiert werden. Unstrittig ist, dass eine Division der Armee mit 12.000 Soldaten unter dem Befehl von Assads Bruder Rifat die Stadt einkesselte. Über die folgenden Ereignisse liegen unterschiedliche Berichte vor. Nach amtlicher Darstellung durchsuchten die Soldaten Haus für Haus und verhafteten viele Einwohner. Daraufhin starteten rund 500 schwer bewaffnete Aufständische einen Gegenangriff. Offen bleibt, ob sie von den Soldaten dazu provoziert wurden oder ob sie hofften, dass die sunnitischen Angehörigen der Armee überlaufen und sich ihrer Erhebung anschließen würden.

Nach Berichten der staatlich kontrollierten Zeitungen kamen die Widerständler aus ihren Verstecken und suchten den offenen Kampf. Dabei sollen sie rund 250 Staatsdiener – Polizisten und andere Beamte – getötet haben. Dies gab dem Präsidenten und seinem Bruder den Vorwand, auf den sie gewartet hatten. Sie schlugen mit archaischer Gewalt zu: Schwere Artillerie eröffnete am 2. Februar 1982 das Feuer auf die eingeschlossene Stadt und ihre schutzlosen Einwohner. Zuvor hatte die syrische Luftwaffe die Ausfallstraßen und damit die Fluchtwege systematisch zerstört.

Sprachen die ersten Berichte westlicher Diplomaten noch von rund tausend Toten in Hama, gingen spätere Schätzungen von zehn- bis vierzigtausend Opfern aus, darunter viele Frauen und Kinder. Überlebende des dreiwöchigen Artilleriebeschusses berichteten von Häusern, die über ihren Bewohnern einstürzten, von Straßengräben, in denen sich Leichen stapelten. Hamas Große Moschee, bis dahin eine der bekanntesten in Syrien, sank in Trümmer. Ihre Ruine wurde abgetragen, und auf der Brache entstand ein Parkplatz.

Scott Peterson von der amerikanischen Tageszeitung The Christian Science Monitor notierte, dass sich die Menschen, wenn sie an dem Platz vorbeigingen, voller Entsetzen abwendeten. Manche Bewohner seien von dem, was sie gesehen hätten, so eingeschüchtert worden, dass sie nicht einmal wagten, das Wort "Alawit" auszusprechen. Stattdessen würden sie auf ferne Hügel zeigen und von "den Leuten dort" sprechen. Für Thomas Friedman von der New York Times hatte es den Anschein, dass Assad ganz bewusst zeigen wollte, wozu sein Regime fähig war.

Zu dieser Abschreckungsstrategie passte auch das Verhalten des Präsidentenbruders: Auf die Frage von Journalisten, wie viele Menschen seine Soldaten getötet hätten, entschuldigte sich Rifat nicht etwa für das brutale Vorgehen, sondern übertrieb gezielt die Zahl der Opfer. Der Präsident belohnte ihn mit der Ernennung zum Vizechef für nationale Sicherheit. Viele weitere Beteiligte am Massaker wurden gleichfalls befördert oder ausgezeichnet.

Nach dem Urteil des israelischen Assad-Biografen Mosche Ma’oz hatten das Baath-Regime und der Assad-Clan ihr Ziel erreicht: Die grausame Niederschlagung der Revolte in Hama brach der Muslimbruderschaft nicht nur militärisch das Rückgrat, sondern war ihr, wie anderen oppositionellen Gruppen, eine eindrückliche Warnung, auf weitere Terroraktionen zu verzichten. Entsprechend priesen Syriens Medien den heldenhaften "Löwen" – was assad auf Arabisch bedeutet – in den höchsten Tönen und singen bis heute ein Loblied auf ihn. Im Ausland hingegen war – wie auch gegenwärtig – die Empörung groß. Doch schwand das mediale Interesse rasch und wandte sich wieder ganz dem Bürgerkrieg im benachbarten Libanon zu.

Ma’oz’ Kollege van Creveld spekuliert, was in Syrien geschehen wäre, wenn Assad nicht so gehandelt hätte, wie er es 1982 für notwendig hielt: Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre sein Regime gestürzt worden. Assad selbst und viele Mitglieder der alawitischen Gemeinde wären hingerichtet worden. Nach seinem Untergang wäre vielleicht ein stabiles Regime aus nicht alawitischen Muslimen errichtet worden, oder – für Martin van Creveld die wahrscheinlichere Variante – es hätte überhaupt keine stabile Regierung gegeben.

In diesem Fall wäre es zum Krieg jeder gegen jeden gekommen. Den Erfahrungen im benachbarten Beirut nach zu urteilen, hätte ein solcher Bürgerkrieg Hunderttausende von Menschen das Leben kosten können. Und nach dem, was im Libanon und in Afghanistan geschah, hätte sich auch Syrien zu einem Tummelplatz für internationale Terroristen jeder Richtung entwickeln können.

Die Länder des Westens begannen, mehr und mehr auf Assad zu setzen

Wie immer in der Beurteilung von Militärregimen in dieser Region stehen sich auch im Fall der Assad-Diktatur Freiheitsfreunde und Stabilitätsgläubige gegenüber. Letztere hielten Assad stets die Treue. Selbst nach dem Massaker von Hama bewahrte sich sein Regime die Gunst anderer arabischer Staaten.

Auch die Länder des Westens begannen, mehr und mehr auf Assad zu setzen. So waren noch zu Zeiten der "syrisch-sowjetischen Freundschaft" ihre Staatschefs in Damaskus zu Gast gewesen, wie 1974 US-Präsident Richard Nixon. Zudem gelang Assad etwas, das weder Israelis noch Amerikanern und Franzosen gelungen war: Der Vertrag von Taif vom Oktober 1989 beendete den Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg im Libanon, und Syriens Truppen dort waren jetzt von den arabischen Nachbarn als "Friedensmacht" de facto anerkannt. Nur zwei Jahre später wurde Syrien ein geschätztes Mitglied der UN-Koalition, die Kuwait aus irakischer Hand befreite. 1994 reiste US-Präsident Bill Clinton nach Damaskus, um Assad seine Aufwartung zu machen.

Da der älteste Sohn des Diktators, Basil, 1994 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, hatte Assad seinen zweiten Sohn, der als angehender Augenarzt in London lebte, zum Nachfolger bestimmt. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2000 übernahm der 35-jährige Baschar nicht nur das Amt, sondern bald auch dessen Politik . Von Reformen, wie zunächst erhofft, konnte keine Rede sein. In diesen Tagen nun erweist er sich als seinem Vater ebenbürtig.

Ob Assad junior damit aber auch dessen Erfolg haben wird und das Überleben des Baath-Regimes auf Dauer sichern kann, bleibt abzuwarten. Denn die heutige arabische Welt ist nicht mehr die des Kalten Krieges, in der Syrien auf die Sowjetunion setzen konnte, und auch das Argument der späten achtziger und der neunziger Jahre, das Argument der Stabilität um jeden Preis, sticht nicht mehr. Die Türkei als einer der inzwischen wichtigsten Partner Syriens ist auf Distanz gegangen und hat Damaskus die Unterstützung aufgekündigt. Sogar der Vorwurf der "Barbarei" wird in Ankara gegen das syrische Regime erhoben; die neue arabische Welt dankt es den Türken.

Auch haben sich die Oppositionskreise seit 1982 verändert und geweitet. Die Demokraten, zunehmend vom Volk getragen, geben jetzt den Ton an, selbst die Muslimbruderschaft soll sich in Syrien zu einer Organisation gewandelt haben, der die türkische AKP als Vorbild gilt. Der Propaganda fällt es daher zunehmend schwerer, das Morden von Armee und Geheimdienst zu rechtfertigen.

Ihr Versuch, den Beschuss Dschisr al-Schughurs im Nordwesten des Landes und das Vorrücken der Panzer in die aufständische Kleinstadt damit zu erklären, dort wären 120 Soldaten und Polizisten durch "bewaffnete Banden" ermordet worden, lässt Erinnerungen an die Propaganda vor der Zerstörung Hamas aufkommen – zumal die Soldaten nach anderen Angaben von Regierungstruppen umgebracht wurden, da sie sich geweigert hätten, auf Zivilisten zu schießen. Vielleicht aber ist die ganze Mordgeschichte auch nur eine Erfindung des Geheimdienstes zur allgemeinen Einschüchterung.

Noch steht die Armeeführung treu zum Regime. Und wieder ist es mit Maher al-Assad ein Bruder des Präsidenten, der die Truppen gegen das eigene Volk kommandiert und syrische Städte mit Artillerie beschießen lässt; wieder sind die meisten Meldungen kaum auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, da keine Journalisten ins Land dürfen.

Doch anders als 1982 dokumentieren nun Amateurvideos die eskalierende Gewalt. Mit ihnen haben die Oppositionellen dieses Mal eine Chance – zumindest im Kampf um die Meinung der Weltöffentlichkeit. Auch wenn sie selbst diese Chance nach dem Willen des Assad-Clans nicht erhalten und stattdessen mit ihren Städten sterben sollen, so versuchen sie heute rechtzeitig, diesem Schicksal in die benachbarte Türkei zu entfliehen, wo ihnen die Grenzen offen stehen. Flüchtlinge aus der inzwischen beinahe menschenleeren Stadt Dschisr al-Schughur sprechen es offen aus: "Die Menschen werden nicht dableiben, um sich wie die Lämmer abschlachten zu lassen." Denn sie haben gelernt: aus dem Massaker von Hama vor knapp dreißig Jahren.