Doch bis zur rechtlichen Gleichstellung der Wiccas sollte es dauern: Erst in den Neunzigern erlangten die Paganisten Anerkennung, und im Jahr 2000 unterzeichnete US-Präsident Bill Clinton den Religious Land Use and Institutionalized Persons Act. Er erlaubt jeder Religion den Bau von Gotteshäusern und gewährt Strafgefangenen den Zugang zu einem Gottesdienst ihrer Wahl. Das Gesetz wurde von einer Koalition verschiedenster Religionsanhänger eingebracht, darunter Orrin Hatch, Mormone und Republikaner, sowie Edward Kennedy, Katholik und Demokrat. "Das war ein großer Fortschritt für uns", sagt Starr, "denn es gibt noch Amerikaner, die uns feindlich gesinnt sind. Auch George W. Bush mochte uns nicht." Bush, ein Methodist, der wiedergeborener Christ wurde, meinte einmal, der Glaube der Wiccas sei für ihn keine richtige Religion. Seine Parteifreundin Christine O’Donnell allerdings, die für die Republikaner als Senatorin kandidierte, erzählte in einer Talkshow, sie habe sich in ihrer Jugend als Hexe versucht und ein "Mitternachtspicknick auf einem satanischen Altar" zelebriert. Anschließend warb sie mit dem Slogan "Ich bin keine Hexe". Die Wähler machte ihr Kreuzchen aber lieber woanders.

Gedacht war Clintons Gesetz eigentlich für die Wahrung der Rechte von Juden, Muslimen, Hindus oder Sikhs, aber bald beriefen sich auch Paganisten darauf. 2005 verklagten fünf Gefängnisinsassen den Staat Ohio: ein Wicca, ein Satanist, zwei Anhänger eines Odinkultes und ein Ásatrú – Ásatrús glauben, dass die weiße Rasse die "Schlammrassen" niederhalten müsse. Die fünf wollten ihre Rituale im Gefängnis praktizieren und bekamen recht. Wenig später setzten sich auch Wicca-Soldaten der U.S. Army vor Gericht durch, die darauf bestanden, dass Grabsteine auf Militärfriedhöfen ihr Symbol, den fünfzackigen Stern, zeigen dürfen. Dass Paganisten gemeinsam klagen, heißt aber nicht, dass sie sich einig sind. So grenzen sich die Wiccas ausdrücklich von den Satanisten ab, den Teufelsanbetern. "Der Teufel ist eine christliche Erfindung", meint Starr, "mit ihm haben Naturreligionen nichts zu schaffen." Auch innerhalb der Kulte bestehen Differenzen: So gibt es einerseits germanische, andererseits skandinavische Ásatrú, und die meisten Hexen grenzen sich vom weißen Herrenrassenwahn ab.

Ist Starrs Wahl nicht trotzdem ungewöhnlich? Warum schließt sich eine schwarze Kanadierin einer Religion an, die auf irische Kelten zurückgeht? Starr schüttelt den Kopf: "Alle Naturreligionen haben Gemeinsamkeiten, ob sie nun aus Europa oder Afrika kommen", sagt sie. In den Naturreligionen gibt es keine Heilige Schrift, die Götter und Geister sind mit Naturphänomenen wie den Gestirnen assoziiert. Vor allem aber erheben sie keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Starr sagt, ihre Kirche sei mit einem Schamanen vom Stamm der Sioux freundschaftlich verbunden, der komme einmal im Jahr vorbei und gebe Kurse.

Übrigens sind die meisten Hexen in Amerika schwarz, auch die Berühmteste der Zunft, die Voodoo-Zauberin Marie Laveau, war Afroamerikanerin. Sie wurde im New Orleans der Franzosenzeit geboren und starb vor 130 Jahren. Sie soll Gelbfieberkranken mit Kräutern und Liebeskranken mit Tinkturen geholfen haben. Ihr Grab auf dem St. Louis Cemetery in New Orleans ist noch immer mit Voodoo-Püppchen geschmückt, ebenso ihr Altar in einem Laden in den Bourbon Street. "Nicht berühren, das bringt Unglück!", steht auf einem Schildchen. Wer weiß, vielleicht war George Bush ja mal hier und hat die Warnung ignoriert.