Ausgerechnet dort, wo man am wenigsten Zustimmung erwarten würde, ist sie am größten. "Ich bin dafür", sagt Alexander Block kurz und knapp. Lange Sätze liegen ihm nicht. Dabei würde sein Job ersatzlos entfallen, wenn die beiden Teile Helgolands nach fast 300 Jahren tatsächlich wieder miteinander verbunden würden. Block ist Kapitän der Dünenfähre. Alle halbe Stunde steuert er sie in der Hauptsaison vom roten Felsen hinüber zur vorgelagerten Sandinsel, der sogenannten Düne. Auf einem wiedervereinten Helgoland könnte man einfach hinüberlaufen. Trotzdem wird Block am Sonntag mit Ja stimmen. "Sind Sie für eine Landgewinnung durch eine Verbindung der beiden Inselteile Helgolands?" – diese Frage sollen die eintausend wahlberechtigten Inselbewohner in einem Bürgerentscheid beantworten.

Helgoland ist eine übersichtliche Welt, jeder kennt jeden. Doch die Debatte wogt schon seit gut drei Jahren ohne Ergebnis durch Ober-, Mittel- und Unterland. Eine Lenkungsgruppe mit Vertretern aus der Gemeinde, dem Kreis Pinneberg und dem Land Schleswig-Holstein hatte sich im vergangenen Jahr gegen die Idee ausgesprochen, wenige Monate später aber hat ein Befürworter die Bürgermeisterwahl knapp gewonnen.

Begonnen hatte die Debatte im April 2008. Der Hamburger Bauunternehmer Arne Weber hatte damals seine Konzeptstudie für einen Masterplan Helgoland vorgestellt und Deutschlands einzige Hochseeinsel weltweit in die Schlagzeilen gebracht. Mit einer einen Kilometer langen Spundwand will er zunächst die Lücke zwischen Hauptinsel und Düne schließen, mit vorgelagerten Wellenbrechern würde diese auch extremen Sturmfluten standhalten. In ihrem Schutz sollen dann Baggerschiffe Millionen Kubikmeter Sand aufspülen. Innerhalb von zwei Jahren würde aus dem rund sechs Meter tiefen Meeresarm eine künstliche Landverbindung emporwachsen, rund 300.000 Quadratmeter groß – und mit vier Metern Höhe auch gegen einen Meeresspiegelanstieg gut gewappnet.

Der Naturschutzbeauftragte ist dagegen, er fürchtet um die Tierwelt

Was zunächst größenwahnsinnig klingt, ist technisch durchaus möglich. Das Institut für Wasserbau der TU Hamburg-Harburg hat es in einer Machbarkeitsstudie bestätigt. Für die Erweiterung des Bremerhavener Containerterminals oder des Hamburger Airbus-Werks (Mühlenberger Loch) sind in den vergangenen Jahren schon größere Flächen mit ähnlicher Technik aufgespült worden. Auch unter ökologischen Gesichtspunkten ist der Plan weniger abwegig, als es zunächst scheint. Schließlich würde die Landverbindung Helgoland nur in den Zustand vor der Silvesternacht 1720/1721 zurückversetzen. Damals hatte eine Sturmflut die Insel in zwei Teile zerrissen.

"Die Landverbindung schafft Arbeitsplätze und neuen Wohnraum, jede Erweiterung kann für Helgoland nur positiv sein", sagt Fährkapitän Block, sein längster Satz an diesem Tag. Dann geht sein Blick wieder Richtung Düne. Helgolands kleiner Flughafen liegt dort, ein Zeltplatz, ein paar Bungalows stehen am Ufer, dahinter dehnen sich zwei Badestrände. Über dem Anleger kreischen Heringsmöwen , zwei Dutzend Kegelrobben lümmeln sich im Sand. Rolf Blädel beugt sich zu ihnen herunter, unter den Wangen eine weiße Schifferkrause, auf dem Kopf die Prinz-Heinrich-Mütze. Regelmäßig führt Helgolands Naturschutzbeauftragter Touristengruppen zu den Naturwundern der Düne. "Die Landverbindung würde eine einmalige Welt zerstören", sagt er. "Die Düne ist Helgolands Perle."

Nicht jeder äußert sich so klar. Helgolands Kurdirektor behält seine Meinung zum Thema Wiedervereinigung lieber für sich. Er heißt Klaus Furtmeier und stammt aus Bayern, vor vier Jahren ist er aus Garmisch-Partenkirchen nach Helgoland gezogen. Er zitiert nur, was er von Kurgästen hört: "Viele sagen, das Besondere an Helgoland sei, dass wir eine Inselgruppe sind, mit Felsen und Düne." Das nächstgelegene Festland ist 47 Kilometer entfernt, das Klima wintermild und sommerkühl, die Luft weitgehend pollenfrei – für viele Allergiker der Hauptgrund für einen Helgolandurlaub.