Freie Menschen sind Ai Weiwei und Hu Jia noch nicht. Aber die beiden chinesischen Regimekritiker sind wieder bei ihren Familien. Das ist ein kleiner Trost im großen Unrecht. Über das Gefängnis hinaus sollen sie mundtot gemacht werden. Das erzwungene Schweigen des Künstlers Ai und des Bürgerrechtlers Hu klagt das Regime an.

Mit dessen Vertretern saß das Bundeskabinett zu Wochenbeginn in Berlin zu Tische : Premiere bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Sind die beiden Dissidenten deshalb aus der Haft entlassen worden? Vielleicht wollte Chinas Premier Wen Jiabao Fragen nach dem populären Ai Weiwei vermeiden. Aber nach Hu Jia hätte sich kaum jemand erkundigt; seine Haftzeit war nach 42 Monaten abgelaufen.

Nein, Chinas Gefängnistüren schließen und öffnen sich nicht nach dem diplomatischen Reisekalender. Sonst müsste auch Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo längst entlassen worden sein, etwa als Geste an Barack Obama beim jüngsten Washingtoner Gipfel. Aber so kalkulieren Pekings Mächtige nicht.

Wer mehr als drei Billionen Dollar Währungsreserven hat, kann seine Gunst nach Gutdünken verteilen. Der kann gönnerhaft durchs alte Europa reisen und sich, wie in London geschehen, kritische Worte als »Mangel an Respekt« verbitten. Der könnte uns geradewegs von allen Staatsschulden erlösen und hätte noch viele, viele Hundert Milliarden übrig, um nach Herzenslust zu investieren. Traumpartner China!

Das Ringen der Seilschaften und Fraktionen in der KP nimmt zu

Dasselbe China erlebt derzeit die schlimmste Repression seit zwanzig Jahren . Hunderte von Bürgerrechtlern, Anwälten, Bloggern und tibetischen Mönchen sind festgenommen worden. Das Selbstbewusstsein, mit dem die asiatische Supermacht nach außen auftritt, korrespondiert mit erstaunlicher Nervosität im Inneren. Dafür gibt es mindestens vier Gründe.

Erstens: Der Arabische Frühling hat in Peking die Angst vor einer chinesischen »Jasmin-Revolution« geweckt. Mögen die Bedingungen noch so anders sein: Die neue Freiheit in Kairo und in Tunis dürfte vor vielen chinesischen Laptops mitgefeiert worden sein.

Zweitens: Die Inflation liegt offiziell bei 5,5 Prozent; aber bei den Lebensmitteln ist sie weit höher. Das spüren vor allem die Armen. Einen »freigelassenen Tiger« nannte Premier Wen die Teuerung; es klang, als könnte der Tiger eine Führung fressen, die dieses Problem nicht löst.

Drittens: Chinas Gesellschaft altert schneller als jede andere. Werden nicht rasch stabile Systeme für Gesundheit, Arbeitslosigkeit und Rente geschaffen, dann werden die Jungen die sozialen Lasten nicht tragen können.

Viertens: Die Führung steht vor einem Generationswechsel. Beim Parteitag im Oktober 2012 dürften nicht weniger als 70 Prozent der Spitzenposten in Partei, Regierung und Armee neu besetzt werden. Bisher hat es in der Geschichte der chinesischen KP erst einmal, im Jahr 2002, einen friedlichen Führungswechsel gegeben. Alle anderen verliefen chaotisch und gewalttätig.