Simon war sechs Jahre alt, als er sich zum ersten Mal das Leben nehmen wollte. Kaum einen Monat nach seiner Einschulung rannte der Bub in das oberste Stockwerk seiner Volksschule, fest entschlossen, sich über das Treppengeländer zu stürzen. Es brauchte einen Arzt und drei Sanitäter, um den Buben von der Tat abzubringen. Er brüllte und fluchte, die Stimme klang tief und drohend. Seine Mutter Gisela M. erzählt, bei diesen Szenen hätte sie an den Film Der Exorzist denken müssen. Der Junge war nicht mehr er selbst.

Simon ist psychisch krank. Die Ärzte stellten bei ihm gleich mehrere Diagnosen: Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, stark ausgeprägte Verlustängste und Züge von Autismus.

Manchmal, sagt die Mutter, würde sie sich wünschen, ihr Kind sei an einen Rollstuhl gefesselt. Dann wäre für alle sichtbar, dass der Bub krank ist. Dann hätte sie sich das Geld für die Therapiestunden nicht jahrelang zusammenkratzen müssen, und vieles wäre einfacher. »Wenn dein Kind nicht gerade mongoloid ist oder ihm ein Arm fehlt, bekommt man keine Hilfe«, sagt Gisela.

Simons Mutter ist nicht die Einzige, die sich im Stich gelassen fühlt. Betroffene klagen über gravierende Mängel in der Betreuung psychisch kranker Minderjähriger – über hohe Selbstbehalte bei Psychotherapien, lange Wartezeiten in Krankenhäusern und fehlende Behandlungsmöglichkeiten. Der Bereich werde vom österreichischen Gesundheitssystem sträflich vernachlässigt, meinen viele Experten.

Dahinter stecken einerseits Vorurteile – psychische Krankheiten werden gerade bei Kindern und Jugendlichen oft nicht ernst genommen und als vorübergehende Launen interpretiert. Andererseits fallen Verbesserungen in Österreichs zersplittertem Gesundheitssystem schwer, weil wesentliche Informationen fehlen: So hat der Hauptverband der Sozialversicherungsträger kürzlich eine Studie veröffentlicht, laut der 900.000 Personen im Jahr 2009 das Gesundheitssystem wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch nahmen. Genauere Daten, etwa wie hoch der Anteil von Kindern und Jugendlichen in Psychotherapien ist, erhob die Studie aber nicht. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) schätzt, dass sich 0,3 Prozent aller Minderjährigen in Behandlung befinden. Notwendig wären aber zumindest dreimal so viele Therapieplätze.

Psychisch Kranke sind heute in der Gesellschaft präsenter denn je. Gerade Kinder und Jugendliche scheinen anfälliger zu sein als früher – die Palette reicht von Magersucht über Hyperaktivität bis zum Playstation-Koller. »Zwar ist die gesamte Zahl psychisch und körperlich kranker Kinder gleich hoch wie in den siebziger Jahren – aber innerhalb der Gruppe kranker Kinder gibt es eine Verschiebung von körperlichen Erkrankungen und Fehlbildungen zu seelischen Erkrankungen«, sagt Katharina Purtscher-Penz, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Störungen, die von Lebensumständen und dem Umfeld verursacht werden, nehmen zu.« Traumatische Erlebnisse, Probleme in der Schule und stetig steigender Leistungsdruck: Es scheint, als wäre die Kindheit psychisch noch nie so belastend gewesen wie heute.

Die Mutter musste den Job aufgeben, um sich um ihren Sohn zu kümmern

Simons Mutter fühlt sich mit Problemen allein gelassen, für die sie nichts kann. Für die Krankheit ihres Sohnes tragen nicht Fehler in der Erziehung oder gar Vernachlässigung die Schuld. »Er wurde damit geboren«, sagt die Mutter. Die Krankheit ist heute das bestimmende Element im Leben der Familie. Die 40-Jährige musste ihren Job als Bankkauffrau aufgeben, um für ihren kranken Sohn zu sorgen. Die Schule wollte während des Unterrichts nicht die Verantwortung für den Jungen übernehmen und verlangte von Gisela M., ständig in der Klasse anwesend zu sein.

Die Frau mit den stahlblauen Augen und den blonden Locken lebt mit ihrer Familie in einem zweistöckigen Haus im niederösterreichischen Korneuburg. In dieser Vorstadt, gut zehn Kilometer vor Wien, wimmelt es von Swimmingpools und Familien-Vans. Wie seine Freunde spielt Simon nach der Schule im Garten und schaut sich Zeichentrickserien an. Der groß gewachsene 12-Jährige ist höflich und unauffällig. Doch der Schein trügt, sagt Gisela M. Dem Selbstmordversuch in der Schule folgten weitere. Einen davon, im Kinderzimmer mit einem Strick, konnte Gisela M. gerade noch rechtzeitig verhindern. Es gab eine Reihe von Versuchen, Drohungen und Selbstverletzungen, die so weit gingen, dass die Mutter ihren blutverschmierten Sohn kaum noch erkannte.