Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist wieder frei , aber er muss schweigen. Er lächelt in die Kameras, sagt ein paar Worte, und dann geht er lächelnd in sein Atelier. Es sind merkwürdige Bilder. Achtzig Tage lang hatten die chinesischen Behörden Ai Weiwei verschleppt, er war unauffindbar, und doch scheint es so, als sei er nie wirklich verschwunden gewesen. Noch im hintersten Winkel der globalen Öffentlichkeit war sein symbolischer Körper präsent, überall hingen seine Fotos. Menschen schleppten Stühle vor chinesische Konsulate, zwischen Dubai und Duisburg hieß es "Free Ai Weiwei", und selbst die Madrider Dauerdemonstranten fühlen sich mit dem Dissidenten solidarisch.

"Demo-Kitsch" witterte die SZ in solchen Aktionen, und ganz falsch ist das nicht. Im Vollgefühl seiner moralischen Vortrefflichkeit werfe der Westen seine Appellmaschine an und verkläre Ai Weiwei zu seiner "Sehnsuchtsfigur". Danach zögen die Demonstranten "in die Biergärten" weiter oder, wie man ergänzen sollte, streicheln wieder jene unschuldsweißen Apple-Produkte, die in chinesischen Zulieferfabriken von Billigstlöhnern zusammengelötet werden, die sich aus Verzweiflung über ihre Arbeitsverhältnisse das Leben nehmen.

Ja, Ai Weiwei ist eine Sehnsuchtsfigur, aber nicht nur für den Westen, sondern potenziell für die ganze Welt. Er ist ein Märtyrer-Künstler, der der Idee der Menschenrechte ein Gesicht gibt und durch sein Leben beglaubigt. Ai Weiwei steht stellvertretend für alle Eingesperrten und Verfolgten, und an ihm bewahrheitet sich Kants großer, vor 215 Jahren geschriebener Satz, nun sei die Zeit gekommen, "dass unter den Völkern die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird".

Auch wenn Ai Weiwei politisch kein Blatt vor den Mund nimmt, so ist es doch falsch, zu behaupten, seine Kunst sei durch und durch politisch und mache ästhetisch Reklame für Menschenrechte. So ist es gerade nicht. Ai Weiwei wurde zur Symbolfigur, weil er ein Künstler ist und seine Werke von einem uralten Versprechen getragen werden – von dem Versprechen, dass die Kunst souverän ist, unabhängig, unbestechlich und erhaben, nur dem freien Spiel der Einbildungskraft verpflichtet, jenseits von Gut und Böse und ohne Willen zur Macht. Das heißt: Nicht weil Ai Weiwei "politisch" ist, sondern weil seine Werke die maximale Entfernung zur Macht markieren, konnte er der Menschenrechtsidee zurückgeben, was sie verloren hatte: Autorität und Glaubwürdigkeit.

Massiv an Glaubwürdigkeit verloren hatten die Menschenrechte, weil sie Teil der westlichen Machtlogik geworden waren oder, vorsichtiger gesagt: weil sie in der nicht westlichen Welt so wahrgenommen wurden. Seit der shock and awe-Politik von George W. Bush, seit dem desaströsen Irakkrieg standen die Menschenrechte im Verdacht, ein Feigenblatt zu sein, die humanitäre Maske des westlichen Imperialismus und das Zuckerbrot der Großmacht im Kampf gegen den Islam. Kein anderes Bild hat die amerikanische Menschenrechtsmission (Infinite Justice) ikonografisch so entlarvt wie die "Albumfotos" von Abu Ghraib, die jene Demütigungsrituale zeigten, bei denen Gefangene an der Hundeleine geführt und zu Nichtpersonen erniedrigt wurden. Für einen historischen Augenblick sah es so aus, als würde sich die Idee der Menschenrechte von ihrem hegemonialen Missbrauch nicht mehr erholen – als sei wahr geworden, was Links- und Rechtsradikale in geistiger Eintracht mit Islamisten immer behauptet hatten: Wer das "humanistische Leierlied" von den Menschenrechten singe, der tarne nur seinen Willen zur Macht.