Jeder zweite Deutsche bezeichnet sich als Wanderer, viele sind sogar mehrmals im Monat unterwegs. Und wo eine Menge ist, ist auch ein Markt. Das Angebot an Wanderbüchern wird immer größer. Nicht nur im Bereich der klassischen Kilometer-Literatur, die Wegstrecke, Höhen, Längen, Schwierigkeiten katalogisiert. Zahlreiche Autoren begreifen das Wandern zunehmend als Suche nach Besinnlichkeit und dem natürlichen Gleichgewicht, als Rückkehr zum menschlichen Maß. Von ihren Erfahrungen erzählen sie flott und humorvoll, aber auch ernsthaft und kulturhistorisch versiert wie der Publizist Ulrich Grober. Sein richtungsweisendes Brevier Vom Wandern . Neue Wege zu einer alten Kunst ist soeben als Taschenbuch erschienen.

Ulrich Grober hält seine Sätze kurz, seinen Gedanken aber gibt er Auslauf. Wandern versteht er als Einübung in die Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts. Dem motorisierten Nomadentum des 20. Jahrhunderts gehe die Energie aus. Die jetzige junge, kreative Generation beginne, im wandernden Nomaden ihr Ideal zu entdecken. Grober beschäftigt sich mit dem Gedankengut des nomadisierenden Philosophen Vilém Flusser genauso wie mit Adalbert Stifter, der in der Unscheinbarkeit einer Landschaft Größe entdeckte und es verstand, seelische Zustände in Naturbeschreibungen zu spiegeln.

Das mag erst mal sehr theorielastig klingen. Aber Ulrich Grober erzählt auch von seinen eigenen Wanderungen – von den Streifzügen durch die Buchenwälder des Thüringer Nationalparks Hainich oder von den Touren auf Hermann Hesses Spuren. Dabei hat er nie einfach Strecke gemacht, sondern er zeigt, wie man wandernd zum Lebenskünstler werden kann: »Man macht die Erfahrung, mit wenigem auskommen zu können und in dieser Situation Außerordentliches zu vollbringen und besonders intensiv zu erleben.«

Einer, der die Sinnlichkeit des Gehens ebenfalls für sich entdeckt hat, ist Andreas Kieling. Als Kind sah er heimlich Westfernsehen und schaltete am liebsten Bernhard Grzimeks Sendungen ein. Deshalb ist er Tierfilmer geworden, hat alle Kontinente bereist und findet exotische Orte faszinierend. Nun lässt er sich auf das Naheliegende ein. In seinem Buch Ein deutscher Wandersommer erzählt er von einer siebenwöchigen Auszeit, die ihn 1400 Kilometer weit zu Fuß durch Deutschland führte. Zusammen mit seiner Hündin Cleo immer auf dem Grünen Band entlang, der einstigen Grenze zur DDR. Dort hat er seinen Blick für die heimische Tierwelt geschärft, Wildkatzen im Grenzgebiet zu Tschechien beobachtet, Mufflons im Thüringer Wald, Birkhähne in der Rhön, Seeadler in Mecklenburg. Deutschland ist wild, lautet Kielings Botschaft.

Joachim Burghardt, der Alpinautor aus dem Dachauer Hinterland, sucht das Glück des Alleinseins auf dem Gipfel. In seinem neuen Tourenführer Vergessene Pfade rund um den Königssee findet er es in den bayerischen Hausbergen. Beim Studium alter Karten war er auf längst überwachsene Alm- und Jagdwege gestoßen. Durch die Zersiedelung der Alpen und den Rückgang der Almwirtschaft sind sie überflüssig geworden und verfielen. Burghardt beklagt den Verlust: »Ein mit viel Mühe, vielleicht auch mit Liebe angelegter Pfad im Gebirge stellt einen kulturellen Wert dar, er ist Ausdruck des menschlichen Ringens und Unterwegsseins in einer wilden Natur.« Der Autor hat 32 Routen ausgearbeitet und rettet so einen Teil dieser vergessenen Welt.

Die Routen der vielfach preisgekrönten Reiseliteraturautoren Ursula Bauer und Jürg Frischknecht werden ebenfalls von Geschichte und Geschichten am Wegrand bestimmt. »Wir mögen das Mäandern durch die Zeiten«, schreiben sie in Schüttelbrot und Wasserwosser , einem Lesewanderbuch über den Vinschgau – die Gegend zwischen Ortler und Meran, einen ursprünglichen Landstrich Südtirols. Es ist ihr neunter Führer im Zürcher Rotpunktverlag und handelt wieder von einer Tour durch den Alpenraum, den das Autorenpaar seit vielen Jahren in Augenschein nimmt. Als erklärte Landschaftsleser schöpfen sie aus ihrem reichen kulturellen, sozialen und politischen Wissen. Sie werten die Lokalliteratur aus, erzählen, was sie aus Gesprächen mit den Einheimischen gelernt haben. Sie folgen den uralten Bewässerungskanälen (Wasserwosser) und machen neugierig auf die Pfade, auf denen noch in den siebziger Jahren Kaffee und Zigaretten aus der Schweiz geschmuggelt wurden, von Müstair bis nach Lichtenberg. Es ist, als würden sich Bauer und Frischknecht die Geschichte erlaufen. Und weil die beiden zudem noch Genusswanderer sind, findet man mit ihnen zuverlässig ein Wirtshaus, das einsam am Weg steht, wo man ein Glas Wein trinkt, dazu ein Schüttelbrot isst, den knusprigen Fladen aus Roggenmehl. Noch lange erinnert man sich an deftige Linsensüppchen, krosse Saiblinge oder luftige Marillensorbets. Die Jausenparade! Auch eine Methode, um der durchorganisierten Gegenwart kurzzeitig zu entkommen.