Gibt es ein abhängigeres Wesen als den Angestellten? Seine Arbeit bricht über ihn herein wie ein Hagelschauer. Die Naturgewalt, der er ausgeliefert ist, heißt Chef. Egal, um welchen Unsinn es sich handelt, sein Wille hat zu geschehen. Da werden "Kundenbindungsprogramme" angekurbelt, die auf Kunden wirken wie ein Platzregen aufs Picknick.

Und wenn es dem Chef beliebt, muss man einen Kongress, der höchst wichtig wäre, für ein Meeting, das höchst unwichtig ist, sausen lassen.

Mitarbeiter sind abhängig von ihrem Chef . Er befördert und degradiert, heuert und feuert. Seine Freiheiten scheinen so verlockend, dass es viele Mitarbeiter in dieselbe Richtung zieht. Sie wollen führen, statt nur geführt zu werden.

Aber vergessen Sie nicht: Auch Chefs haben Chefs. Der Abteilungsleiter wird vom Bezirksleiter kommandiert, der Bezirksleiter vom Geschäftsführer, und über allen thront der Eigentümer.

Niemand ist ungebunden, wie Goethe sagt. Nicht einmal der Eigentümer – denn was wäre er ohne Mitarbeiter?

Ich kenne Chefs, die wie Sklaven an der Kette ihrer Position hängen: Handy-Verfolgte, Mail-Verschüttete, Oberboss-Fußabtreter. Die Verantwortung, die sie tragen, macht nicht frei – sie macht nur einen Buckel.

Ob eine Chefposition der Ausweg in die Freiheit ist, hängt von Ihrer Einstellung ab. Wer Chef wird, um sich zu verwirklichen , mehrt seine Freiheit und sogar seine Lebenserwartung; laut einer Studie des Epidemiologen Sir Michael Marmot werden leitende Angestellte im Schnitt 4,4 Jahre älter als ihre Mitarbeiter.

Wer dagegen Chef wird, nur um Chef zu sein, für den kann das Chefbüro zum Gefängnis werden: Erst verhaftet auf Bewährung – dann unfreiwillig entlassen, mangels Erfolgs.